Sascha Reh: Gibraltar

»Die Schuld ist viel hartnäckiger, als Schulden es sind«

Sascha Reh - GibraltarAlle paar Wochen lädt das Kulturamt Frankfurt zu Lesung und Gespräch in den stattlichen Räumlichkeiten der Historischen Villa Metzler ein: »Frankfurter Premieren« heißt die Reihe, die sich an der Idee des literarischen Salons des 19. Jahrhunderts orientiert. Vorgestellt werden Romane Frankfurter Autoren oder Neuerscheinungen aus hiesigen Verlagen – Ausnahmen von der Regel nicht ausgeschlossen, Ende April etwa wird David Wagner zugegen sein, dessen Werk Leben soeben den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen hat. Im Februar war Sascha Reh zu Gast, moderiert wurde der Abend vom Literaturkritiker Kolja Mensing. Der 1974 geborene Wahlberliner Reh war mir zugegebenermaßen bis dato kein Begriff; dank Lesung, Gespräch und Lektüre weiß ich aber nun: Diesen Autor im Auge zu behalten lohnt sich.

Gibraltar, sein zweiter Roman nach Falscher Frühling (2010), ist im vergangenen Monat bei Schöffling & Co. erschienen und behandelt ein ebenso aktuelles wie brisantes Thema: die Finanzkrise. Die Geschichte, die Sascha Reh erzählt, ist zwar erfunden, sie könnte aber genau so passiert sein. Bernhard Milbrandt, Trader und engster Vertrauter des Bankiers Johann Alberts, verzockt sich mit Wetten auf griechische Staatanleihen, treibt damit das traditionsreiche Berliner Bankhaus in die Pleite und flieht nach Spanien – vorher hat er noch vierzig Millionen für sich selbst beiseitegeschafft, die er nun auf einem Offshore-Konto in Gibraltar deponieren will. Während Alberts infolge eines Schlaganfalls im Sterben liegt, nehmen dessen Sohn Thomas, Bernhards schizophrene Stieftochter Valerie sowie seine Frau Carmen die Verfolgung des Betrügers auf. Das titelgebende Gibraltar erfüllt dabei laut Reh gleich mehrere Funktionen: Sehnsuchtsort und Fluchtpunkt, rechtliche Grauzone, das (nicht nur räumliche) Ende Europas.

Sechs Figuren stehen im Mittelpunkt dieser Geschichte: Bernhard und Johann Alberts; Carmen, die nicht wahrhaben will, dass sie in Bernhards Traum vom Neubeginn nicht vorgesehen ist; Valerie, die ihren Stiefvater verabscheut, jetzt mehr denn je; Alberts’ berechnende Frau Helene sowie Thomas, der dem Bankwesen schon vor langer Zeit den Rücken gekehrt hat. Sechs unterschiedliche Blickpunkte auf das Geschehene und die darin Involvierten, sechs Variationen des immer gleichen Motivs: Schuld. Schuld durch Betrug, Abhängigkeit, mangelnde Wertschätzung, vor allem aber durch die Unfähigkeit zu lieben. »Die Schuld […] ist viel hartnäckiger, als Schulden es sind. Sie bleibt in der Welt, sosehr man auch versucht, sie zu begleichen«: Diese Erkenntnis des am Ende seines Lebens angekommenen Johann könnte ein Leitspruch des Romans sein.

Geschickt setzt Reh die Perspektiven gegeneinander: Die sechs Kapitel, deren Sprachduktus sich der jeweiligen Figur anpasst, folgen keiner chronologischen Reihenfolge, sie sind wie zufällig gelegte Puzzleteile, die nur Stück für Stück ein Gesamtbild ergeben. Das traurige Bild einer raffgierigen Gesellschaft, in der jeder auf Kosten der anderen operiert: Alle – nicht nur die Banker – machen sich in diesem System in irgendeiner Form schuldig. »Ich kaufe billig Handgranaten ein und ziehe die Sicherungssplinte«, erläutert Bernhard an einer Stelle: »Dann verkaufe ich sie möglichst teuer weiter. Wer die Granaten noch hat, wenn sie explodieren, hat verloren.« Verlierer sind sie alle in diesem Roman, nicht unbedingt in materieller, in jedem Fall aber in moralischer und emotionaler Hinsicht. Wie sie vergebens ihrer inneren Leere zu entkommen versuchen, das schildert Sascha Reh mit Tiefgang und erzählerischer Raffinesse.

Sascha Reh: Gibraltar. Schöffling & Co. 2013, 464 Seiten, 22,95 €.

Die Rezension ist zuerst auf SchöneSeiten erschienen.

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