Georges Perec: Ein Mann der schläft

»Warum solltest du so tun, als lebtest du?«

perecNach W oder Die Kindheitserinnerung hat der Zürcher Verlag diaphanes mit Ein Mann der schläft nun einen weiteren Text des 1982 verstorbenen Schriftstellers Georges Perec neuaufgelegt. Bewusst schreibe ich »Text«, nicht »Roman«, denn bei beiden Werken fällt eine Gattungszuordnung schwer. Gerade einmal 110 Seiten umfasst Ein Mann der schläft; von einer auserzählten Geschichte kann keine Rede sein, vielmehr von einer Skizze, von Fragmenten, Momentaufnahmen. Demnach gibt es auch keine stringente Handlung, keine Chronologie; zwar suggeriert die Einteilung in Kapitel eine Ordnung der Geschehnisse, in Wirklichkeit geschieht jedoch außerordentlich wenig in dieser Geschichte. Und genau das ist auch der Gegenstand des Erzählten: Stillstand, Lähmung, eine Flucht in die Apathie und in die Einsamkeit.

Warum solltest du auf die Gipfel der höchsten Berge steigen, wenn du nachher doch wieder runter musst, und wenn du dann wieder unten bist, wie schaffst du es, dass du nicht dein ganzes Leben lang davon erzählst, wie du es angestellt hast, um hinaufzuklettern? Warum solltest du so tun, als lebtest du? Warum solltest du weitermachen? Weißt du denn nicht schon alles, was dir zustoßen wird?

Der Protagonist, ein 25-jähriger Student der Soziologe, wacht eines Morgens in seinem kleinen Pariser Mansardenzimmer auf und ist unfähig, sich zu erheben. Eigentlich steht eine Prüfung an, doch der junge Mann kann sich nicht durchringen aufzustehen, er bleibt auf seinem Bett liegen, den Blick auf die Nescafé-Schale gerichtet, auf die rosa Plastikschüssel, in der er seine Socken einweicht, auf die Risse an der Decke über ihm. Auch an den folgenden Tagen bewegt er sich nicht fort, ignoriert die Kommilitonen, die ihm Nachrichten unter der Tür hindurchschieben, lauscht dem tropfenden Wasserhahn auf dem Korridor, dem Nachbar, der morgens zur Arbeit geht und abends heimkehrt.

Und so hört der Student mit einem Mal auf, am Leben teilzuhaben, nach Dingen zu streben. Nicht etwa als eine Form des Protests, gegen die Welt, gegen die Mechanismen der modernen Gesellschaft: Nein, er zieht sich zurück in eine totale Gleichgültigkeit. Er schläft, er isst, er kleidet sich, ohne damit etwas aussagen, sich positionieren zu wollen. Er wartet, läuft ziellos durch die Straßen von Paris, beobachtet die geschäftigen Menschen, das alltägliche Leben, ohne zu versuchen (geschweige denn in der Lage zu sein), das Beobachtete zu durchdringen. Er fährt zu seinen Eltern aufs Land, verharrt dort in derselben Tatenlosigkeit, kehrt zurück in die Stadt. Läuft, läuft immer weiter.

Im Laufe der Stunden, der Tage, der Wochen, der Jahreszeiten löst du dich von allem, machst dich von allem frei. Du entdeckst, manchmal fast mit einer Art Trunkenheit, dass du frei bist, dass nichts auf dir lastet, dass dir nichts gefällt und nichts missfällt. Du findest in diesem verschleißfreien Leben (…) ein fast vollkommenes, faszinierendes, manchmal von neuen Erregungen aufgeblähtes Glück. Du kennst eine totale Ruhe, du bist in jedem Augenblick geschont und beschützt. Du lebst in einer glückseligen Parenthese, in einer Leere voller Verheißungen, von denen du nichts erwartest. Du bist unsichtbar, offen, durchsichtig. Du existiert nicht mehr: eine Folge von Stunden, eine Folge von Tagen, das Vorüberziehen der Jahreszeiten, das Verrinnen der Zeit, du lebst fort, ohne Fröhlichkeit und ohne Traurigkeit, ohne Zukunft und ohne Vergangenheit, einfach so, selbstverständlich, wie ein Wassertropfen, der am Hahn einer Wasserstelle in einem Treppenvorraum perlt (…).

Es ist ein Experiment: der Versuch, den Kreislauf der menschlichen Existenz zu verlassen, ein »Pflanzenleben« zu führen, wie es an einer Stelle heißt, »der anonyme Herr der Welt« zu sein, »über den die Geschichte keine Macht mehr hat«. Ein Versuch, der unweigerlich scheitern wird: Nichts – das erkennt der Protagonist am Ende – hat sich geändert, die Welt nicht und auch er selbst nicht. Und das ist auch das Spannende an diesem Text: Es gibt keine Moral, keine Belehrung, keine Kritik am Zustand der Gesellschaft. In der Tat handelt es sich bei Ein Mann der schläft in erster Linie um die Verarbeitung einer persönlichen Erfahrung: Der Schriftsteller Georges Perec litt als Zwanzigjähriger an Depressionen, sosehr, dass ihm selbst das Schreiben zu einer Hürde, einer Last wurde.*

Was bemerkenswert ist an diesem Text, ist seine Erzählsituation, denn gerade angesichts des autobiographischen Hintergrundes scheint es naheliegend, eine Ich-Perspektive zu wählen. Doch Perec, der in seinen folgenden Werken noch sehr viel stärker mit formalen Elementen experimentieren wird, entscheidet sich für eine ungewöhnliche »Du«-Anrede. Einerseits schafft er damit Distanz zu sich selbst, andererseits rücken Protagonist und Leser dadurch in eine fast schon beklemmende Nähe. Denn paradoxerweise wirkt das »Du« (verstärkt durch das Präsens) unmittelbarer als jede Ich-Erzählung; es zieht den Leser in die Geschichte hinein, lässt ihn nicht mehr nur Beobachter sein, sondern am Geschehen teilhaben.** Dieses Verwischen der Grenzen zwischen Erzähler, Protagonist und Leser, diese Überlagerung der Erfahrungen macht Ein Mann der schläft zu einem ungemein intensiven Lektüreerlebnis.

* Siehe Wikipedia. Den Interpretationsansatz lieferte u.a. David Bellos in seiner Georges-Perec-Biographie A Life in Words.
** Weitere Gedanken zur Du-Erzählung, ausgehend von Édouard Levés Roman Selbstmord, sind hier nachzulesen.
PS: Auf Arte gibt es einen interessanten Remix von Un homme qui dort und Taxi Driver zu sehen (darauf aufmerksam gemacht hat mich vor einiger Zeit wortlandschaften – vielen Dank dafür).

Georges Perec: Ein Mann der schläft. Aus dem Französischen von Eugen Helmlé. diaphanes 2012, 110 Seiten, 10,00 €.

Die Rezension ist zuerst auf SchöneSeiten erschienen.

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