Irena Brezná: Die beste aller Welten

»Das Schreckliche ist dazu da, um das Schöne noch schöner zu machen.«

breznaEs passiert mir immer wieder, dass ich Bücher eines Autoren oder einer Autorin in der “falschen” Reihenfolge lese. Oft stoße ich auf eine Neuerscheinung, die mir gefällt, und bin dann gewissermaßen gezwungen, auch deren Vorgänger zu lesen. So ging es mir beispielsweise mit Zeruya Shalev ebenso wie mit Amos Oz. Unlängst habe ich Irena Brežnás Roman „Die undankbare Fremde gelesen“ – ein kurzes und sehr kraftvolles Buch mit autobiografischen Zügen, das die Einwanderung einer jungen Frau von der Slowakei in die Schweiz schildert.

„Die beste aller Welten“ ist nicht nur davor erschienen, sondern beschreibt auch inhaltlich ein vorangegangenes Kapitel, nämlich die Kindheit der kleinen Jana in der kommunistischen Slowakei. Jana ist elf Jahre alt und muss sich stets hüten, sich nicht zu verplappern. Denn ihre Eltern sind keineswegs lupenreine “Kameraden Kommunisten”, wie es die Allgemeinheit von ihnen fordert. Das bleibt nicht ohne Folgen: Der Vater, eigentlich Anwalt, wird zum Brückenbau abkommandiert und die Mutter landet im Gefängnis – ihre Fluchtpläne nach Amerika sind offenbar durchgesickert.

Jana lebt in einer Welt, die von ihr einerseits die völlige Anpassung an eine rigorose Ideologie fordert, erlebt zu Hause aber zugleich deren Ablehnung und den Wunsch nach einem anderen Leben. Zwischen der Trostlosigkeit eines Hinterhofs, der ersten Verliebtheit und den Streitereien der Eltern muss Jana lernen, eine eigene politische Haltung zu finden.

Nichts, was hier gesprochen wird, darfst du in der Schule weitererzählen. Manchmal vergesse ich Mamas Warnung. Im Kopf habe ich eine Trennwand errichtet, rechts leben Familienworte und rechts Schulworte. Es gibt zwei Welten und zwei Sprachen, und ich gehe täglich wie eine Doppelagentin hin und her. Werde ich übermütig oder müde, fällt ein Wort in die falsche Welt hinaus, und diese Spur könnte Mama ins Gefängnis geführt haben. Es ist nicht leicht, in einem glücklichen Land zu leben. Das Glück kann jederzeit zerbrechen und jemand wird bestraft.

„Die beste aller Welten“ verzichtet auf eine stringente Handlung, ähnlich wie auch in Die undankbare Fremde hat sich Irena Brežná auch hier für Episoden und Szenen aus dem Alltag entschieden, die lose miteinander verbunden sind. Besonders aber ist die Perspektive Janas auf ihre Heimat: Mit viel Humor, kindlichem Scharfsinn und zuweilen viel Zynismus beschreibt sie ihre Umwelt; erklärt sich das, was sie nicht versteht, mit eigenen Überlegungen:

Wir sind ein kleines Land mit einem großen Freund. Ich kann allerdings nicht glauben, dass ein Großer einen kleinen Freund nötig hat. In der Schule geben sich die Großen nicht mit den Kleinen ab. Es muss einen Haken haben, dass sich das größte Land für uns interessiert.

Diesen Haken kann Irena Brežná heute mithilfe der zweiten, der versteckten Hälfte ihres Kopfes und dem darin steckenden einmaligen Sprachempfinden zum Glück in Worte kleiden. Ich empfehle den Roman allen Freunden von ungewöhnlichen Sprachbildern, schrägen Metaphern und Sätzen, deren Ende wie ein Augenzwinkern ist. Und vielleicht macht ihr es nicht so wie ich und lest erst „Die beste aller Welten“ und dann „Die undankbare Fremde“.

Irena Brežná: Die beste aller Welten. edition ebersbach 2008, 164 Seiten, 18,00 €.

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