Elif Shafak: Die vierzig Geheimnisse der Liebe

Die Liebe lässt sich nicht erklären, nur erleben.
Die Liebe lässt sich nicht erklären, und doch erklärt sie alles.

shafakElif Shafak hat mich bereits vor ein paar Jahren mit ihrem Roman “Der Bastard von Istanbul” überzeugt. Meine Freude ist dementsprechend groß gewesen, als ich erfahren habe, dass ein neuer Roman von der Autorin erscheint. Shafak erschafft in ihren Romanen Welten, die bunt, schillernd und äußerst gefühlvoll sind, ohne kitschig zu sein, Welten, die bei mir Fernweh verursachen. Wenn ich Shafaks Bücher aufschlage, fühle ich mich wie auf weichen Kissen gebettet, sie begeistern mich jedes Mal aufs Neue. Auch dieses Mal bin ich nicht enttäuscht worden. Der vor Kurzem auf Deutsch erschienene Roman “Die vierzig Geheimnisse der Liebe” gehört für mich sogar zu den besten Büchern, die ich je gelesen habe und bekommt einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal.

In ihrem Roman erzählt die türkische Autorin Elif Shafak die Geschichte von Ella, einer Hausfrau, die aufgehört hat, an die Liebe zu glauben.

Du solltest endlich begreifen, dass man als Frau nicht den Mann heiratet, in den man sich verliebt hat. Wenn es ernst wird, nimmt man den, der mal ein guter Vater und verlässlicher Ehemann sein wird. Liebe ist nichts weiter als ein wunderschönes Gefühl, das eines Tages unweigerlich wieder verschwindet, so wie es gekommen ist.

Die Kinder sind inzwischen groß, Ellas Mann ist oft unterwegs und betrügt sie. Die vierzigjährige Frau ist froh, als sie einen Job bekommt. Für eine Literaturagentur soll sie ein Gutachten über “Süße Blasphemie” erstellen. Mit anfänglichen Widerwillen fängt sie an, das Manuskript zu lesen und ihr eröffnet sich eine neue Welt, eine Welt, in der die Liebe alles beherrscht. Sie öffnet sich dieser scheinbar neuen Erfahrung und lernt nun die Liebe mit allen ihren Facetten kennen.

Zwei Erzählstränge und verschiedene Erzählperspektiven versprechen ein besonderes Leseerlebnis, bei dem der Leser und seine Aufmerksamkeit gefordert aber auch mit wunderbaren Geschichten belohnt werden. Die Teile des Romans sind wie die fünf Elemente mit Feuer, Wind, Erde, Wasser und Leere betitelt. In diesen Abschnitten bekommt der Leser nicht nur die Geschichte von Ella zu lesen, sondern auch den Roman, den Ella begutachten soll – es ist die Geschichte um den im 13. Jahrhundert lebenden persischen Dichter und Mystiker Rumi und seinen Freund, den Wanderderwisch, Shams-e Tabrizi. Shams lehrt seinen Freund die vierzig Geheimnisse der Liebe, erläutert sie an bildhaften Beispielen. Diese Geheimnisse zu erkunden, die in gewisser weise als Regeln der Liebe betrachtet werden können, hat mich nachdenklich gestimmt und gleichzeitig glücklich gemacht.

Indem Shafak 800 Jahre zwischen die Geschichten von Rumi und Ella setzt, zeigt sie, dass die Themen, über die sie schreibt, nicht an Bedeutung verlieren und auch in 1000 Jahren das Menschenleben bestimmen werden.

Das einundzwanzigste Jahrhundert unterscheidet sich im Grunde gar nicht so sehr vom dreizehnten. Beide werden als Ära beispielloser religiöser Konflikte, kultureller Missverständnisse sowie einer allgemeinen Verunsicherung und Angst vor dem anderen in die Geschichte eingehen. In solchen Zeiten bedarf es der Liebe mehr denn je.

Der Roman kann als eine Sammlung ideenreicher Geschichten betrachtet werden, die Shams während seiner Wanderschaft verschiedenen Menschen erzählt. Sie sind klug und weise, sie sind schön und erklären die Welt. Shafaks Roman ist ausserdem eine Ansammlung wunderbarer Sätze und poetischen Zitate. Ein Buch, das zu einem Lebensbuch werden kann, in dem man Notizen macht, zu dem man greift, wenn es einem nicht so gut geht oder wenn man sich von der Worten streicheln lassen möchte. Ein Buch voller scharfsinniger Beobachtungen, die einem beim Lesen manchmal den Atem rauben. “Die vierzig Geheimnisse der Liebe” ist ein Buch über zerstörerische Eifersucht, Verzweiflung, über den ewigen Kampf zwischen Vernunft und Gefühl, über den Islam als Religion der Liebe. Ein Märchen für Erwachsene, eine Liebesgeschichte, ein Buch über Suchen und Finden, ein Wegweiser in Sachen Liebe, eine Hymne auf die Liebe und Freundschaft, ein kraftvolles Buch über Spiritualität – Shafaks neuster Roman ist eine literarische Goldgrube, aus der man stets schöpfen kann und die nie leer wird. Der Roman ist sehr gut recherchiert, versetzt den Leser in Staunen, überrascht, herausfordert. Er bietet unheimlich viel Gesprächsstoff, kann aber auch in der Abgeschiedenheit des Herzens gelesen werden, zur stillen Kontemplation.

“Die vierzig Geheimnisse der Liebe” ist im Kein & Aber Verlag erschienen, der einen wunderbar bunten Programm hat und Bücher auf hohem literarischen Niveau verlegt. Auch gestalterisch berühren die wunderschönen Bücher mit der äußeren und inneren Eleganz mein bibliophiles Herz. Das verursacht, dass ich sehr gerne Kein & Aber Bücher in die Hand nehme und mich in fremde Welten entführen lasse.
Außerdem finde ich es toll, dass der Verlag seit einiger Zeit ausgewählten Büchern einen Downloadcode für ein gratis Ebook beilegt. Dieser Service ist äußerst leser(kunden)freundlich. Dafür möchte ich dem Verlag Danke sagen und ein großes Lob aussprechen.

Mach dir keine Gedanken über den Weg, sondern widme dich dem ersten Schritt. Er ist das Schwierigste, nur von dir hängt er ab. Sobald der erste Schritt getan ist, lass alles geschehen, wie es geschieht, dann wird sich der Rest ergeben. Schwimm nicht mit dem Strom – sei der Strom!

Elif Shafak: Die vierzig Geheimnisse der Liebe. Aus dem Englischen von Michaela Grabinger. Kein & Aber 2013, 512 Seiten, 22,90 €.

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