Dea Loher: Hundskopf

loherDea Loher wurde 1964 in Traunstein geboren und studierte Germanistik und Philosophie in München. Sie ist eine der erfolgreichsten und meistgespielten Theaterautorinnen Deutschlands. Vor einigen Monaten habe ich ihren Roman “Bugatti taucht auf” gelesen, mit dem sie auch auf der Longlist des Deutschen Buchpreis stand. Ich freue mich übrigens sehr darüber, dass Dea Loher im Rahmen der Literatour Nord nächsten Monat hier in Bremen lesen wird. “Hundskopf” ist das Prosadebüt der Autorin und erschien im Jahr 2005.

“Wir waren schief in die Welt gekippt worden, und die Welt würde nie mehr gerade sein.”

“Hundskopf” besteht aus acht kleinen Erzählungen und umfasst insgesamt nur knappe 110 Seiten. Im Zentrum der Erzählungen steht das ganz alltägliche Leben – der banale Alltag, wenn man so will – und das Auseinanderbrechen dieses Gefüges. Kleinste Erschütterungen, feinste Risse – mehr braucht es nicht, um die Zerbrechlichkeit und Brüchigkeit des Lebens zu zeigen. Die Figuren, die im Zentrum der Erzählungen stehen, wirken vertraut und unscheinbar. Das etwas nicht stimmt, wird häufig erst auf den zweiten Blick bewusst.

In der Auftaktgeschichte “Honeymoon” steht das junge Pärchen Anna und Johann im Mittelpunkt, das sich gerade auf Hochzeitsreise in Amerika befindet. Anna musste in ein Krankenhaus, da sie sich nicht gut fühlt, doch die Ärzte können keine Ursache für ihr Unwohlsein finden. Es scheint viel tiefer zu liegen: wenige Tage zuvor hatte sie im Koffer ihres Mannes Drogen gefunden, die Drogen von denen Johann eigentlich schon lange clean sein wollte.

“Johann kann den Anblick von Nadeln nicht ertragen, ohne sie anfassen zu wollen, ohne sie in der Haut, ohne sie in der Vene haben zu wollen.”

Nach dieser Entdeckung herrscht zwischen Anna und Johann Sprachlosigkeit, ein meterdickes Schweigen, das nicht zu durchdringen ist. “Er machte keinen Versuch, sich zu verteidigen, zu entschuldigen. Er erklärte nichts.” Und Anna fordert keine Erklärung, wagt es nicht das zerbrechliche Glück der beiden durch falsche Fragen zu zerstören. Das scheinbare Glück des Titels der Geschichte – “Honeymoon” – steht konträr zum Inhalt. Die Geschichte endet mit einer erstaunlichen – schon beinahe körperlich spürbaren – Kälte zwischen den beiden, die Anna und Johann selbst gar nicht zu bemerken scheinen. Man wirft Worte hin und her, ohne eigentlich miteinander zu kommunizieren.

“‘Wenn sie dich operiert hätten-’, sagt er. ‘Die Probezeit ist noch nicht zu Ende.’ Er sieht geradeaus durch die Windschutzscheibe. ‘Ich hätte alleine zurückfliegen müssen.’ Anna sieht ihn von der Seite an. ‘Ja’, sagt sie, ‘ich weiß.’”

Diese Unerklärlichkeiten zeichnen alle acht Geschichten von Dea Loher aus: sie beschreibt nüchtern Zustände. Erklärungen bleiben aus. Begründungen finden sich häufig nicht. Es ist vor allem genau diese Tatsache, die dafür sorgt, dass sich beim Lesen von “Hundskopf” ein Gefühl der Beklemmung und Bedrohung entwickelt.

Die Titelgeschichte ist die längste der acht Geschichten und nimmt eine fast zentrale Position in dem Erzählband ein. In dieser Geschichte wird das Auseinanderbrechen einer scheinbar stabilen Realität am deutlichsten. Richard, Besitzer einer Kneipe, bekommt ein außergewöhnliches Angebot, das er zunächst für einen Scherz hält: er wird um einen Auftragsmord gebeten.

“Er starrte seine Hände an, die die eines Fremden waren, […]. Sie gehörten nicht mehr zu ihm, er war in eine Welt eingetaucht, in der alles, auch das Vertrauteste, nie gesehen und fern erschien; jede Bekanntschaft mit jedem Ding, mit dem Sofa, seinen Schuhen, dem billigen Teppich darunter, musste aufs Neue geschlossen werden; es galt, andere Gesetze zu verstehen.”

In dieser Geschichte zeigt Dea Loher, wie bereits eine Kleinigkeit dazu führen kann, ein ganz anderes Leben führen zu wollen. Wie nah diese beiden Leben beieinander liegen. Die Figur von Richard ist mit sehr viel Identifikationspotential gezeichnet, so dass ich fast schon gezwungen war, mir beim Lesen immer wieder vorzustellen, was ich tun würde, würde ich in eine ähnliche Situation geraten. Die eigentlich abwegige Möglichkeit wirkt plötzlich zum Greifen nahe.

Das Verhältnis von Dea Lohers Figuren ist durch eine schon fast erdrückende Sprachlosigkeit geprägt. Ihre Figuren sind unscheinbar, auf der anderen Seite aber auch häufig in irgendeiner Form exzentrisch. Dabei denke ich besonders an Tante Agnes, aus der gleichnamigen Geschichte, die mich sicherlich am meisten berührt hat.

Dea Loher zeigt in dem Erzählband “Hundskopf”, dass sie die hohe Kunst der Verknappung meisterlich beherrscht. Verknappt und nüchtern bietet sie kleine Ausschnitte, wirft Schlaglichter, öffnet kleine, schmale Fenster und konzentriert sich dabei immer auf sehr reduzierte Szenen. Vieles bleibt beim Lesen dem Leser überlassen, diese Arbeit habe ich aber gerne geleistet und viele Erzählungen beschäftigen mich auch jetzt – nach der Lektüre – immer noch. Die Zerbrechlichkeit des Lebens, die “Risse im Gefüge” und wie schmal der Grat zwischen einem heilen und einem zerbrochenen Leben sein kann, wie schnell – ganz unbemerkt – Risse entstehen können, wird von Dea Loher meisterlich erzählt.

Dea Loher: Hundskopf. Wallstein 2005, 114 Seiten, 16,00 €.

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