Miklós Vajda: Mutterbild in amerikanischem Rahmen

product_thumbMiklós Vajda wurde 1931 geboren und hat lange Zeit als Übersetzer aus dem Deutschen und Englischen ins Ungarische gearbeitet. Während einer politischen Säuberung, verlor Vajda seine Stelle als Lektor und arbeitete in der Folge freiberuflich als Übersetzer und Kritiker. Zwischen 1989 und 2005 war er als Herausgeber der Zeitschrift „The New Hungarian Quarterly“ tätig. Sein Romandebüt „Mutterbild in amerikanischem Rahmen“ veröffentlichte Vajda mit bereits 78 Jahren.

„Ich bin maßlos; mich interessiert auch ihr Dasein außerhalb von mir, das private, vor und nach mir, ohne mich, auch das versuche ich, aus den aufgeklaubten Mosaiksteinchen zusammenzufügen, aber, ich kann nichts dafür, egal, was sie in letzter Zeit macht, alles ist – genauer gesagt war – immer für mich, wegen mir, durch mich und mit mir verbunden.“

Was ist „Mutterbild in amerikanischem Rahmen“ eigentlich? Womit haben wir es zu tun? Handelt es sich um ein Geschichtsbuch, einen Familienroman oder vielleicht doch eher um einen autobiographischen Roman, wenn nicht sogar um eine Autobiographie? Der Text verweigert sich einer eindeutigen Zuordnung, auch wenn der Eindruck nahe liegt, dass es sich um einen autobiographischen Roman handeln könnte. Ich habe den Text lange als Familienroman gelesen, als eine Mutter-Sohn-Geschichte, doch die Zweifel an der Fiktionalität der beschriebenen Ereignisse mehrten sich mit der Zeit. Genährt wurden diese dann vor allen Dingen zum Abschluss des Buches, denn Vajda fügt seinem Buch einen Anhang hinzu, der historische Dokumente enthält.

Im Mittelpunkt von „Mutterbild in amerikanischem Rahmen“ steht die Beziehung zwischen Mutter und Sohn, deutlich wird dies schon daran, dass die Mutter im Titel auftaucht und dem Text ein Gedicht von Rainer Maria Rilke mit dem Titel „Der Sohn“ vorangestellt ist. Der Erzähler des Romans erinnert sich an seine mittlerweile verstorbene Mutter. Die Erinnerungen folgen keiner Chronologie, es gibt immer wieder zeitliche Sprünge. Der Erzähler ruft sich Momente mit seiner Mutter ins Gedächtnis, beschreibt Begegnungen mit ihr, seziert das gemeinsame Verhältnisse.

Die beschriebenen Erinnerungen sind immer mal wieder humorvoll und mit Ironie gefärbt, doch es überwiegt eine melancholische Grundstimmung, die stellenweise mit Ärger auf die verstorbene Mutter durchsetzt ist. Die Mutter wird als kühle Frau beschrieben. Der Erzähler hat sie nie weinen gesehen, „selbst beim Tod“ des Vaters und der Schwester weinte sie nicht.

„Gefühle kann sie nicht, konnte sie nicht oder wollte sie nicht direkt, in Worten, geschweige denn in Gefühlsausbrüchen ausdrücken.“

Der Erzähler beschreibt seine Mutter als wenig mütterlich, die meisten Aufgaben tritt sie an das Dienstmädchen ab. In einem gemeinsamen Gespräch fragt der Erzähler seine Mutter, ob sie ihn denn überhaupt selbst gestillt habe und kommt zu dem Fazit: „Wenn ich ehrlich bin, haben meine Eltern und ich uns kaum gesehen“. Erst mit vierzig Jahren wird dem Erzähler von seiner Mutter angeboten, sie zu duzen.

„Wir verstummen. Überhaupt unterhalten wir uns oft ziemlich schwer oder oberflächlich. Wir sind keine gesprächigen Menschen. Miteinander irgendwie nicht.“

Im Roman von Miklós Vajda spielen jedoch nicht nur die privaten Erinnerungen des Erzählers eine Rolle, sondern auch die Politik. Aufgewachsen ist der Erzähler in einer großbürgerlichen Familie, mit seinen Eltern lebte er lange in einer Villa. Erst nach und nach beginnt in den vierziger Jahres des zwanzigsten Jahrhunderts diese Fassade zu bröckeln und Risse zu bekommen. Die Mutter offenbart dem Sohn, dass der Vater eine jüdische Herkunft verbirgt – verzweifelt versuchen sie ihn, als er schwer erkrankt, zu retten. 1949 wird die Mutter des Erzählers wegen „Gerüchtemacherei“ verhaftet. Als sie sieben Jahre später vorläufig entlassen wird, flieht sie nach Amerika und lässt ihren Sohn, der mittlerweile fünfundzwanzig Jahre ist, im zerstörten Ungarn zurück.

„Sie muss sich und mir jetzt und immer wieder beweisen, dass es eine richtige Entscheidung war, mich, ihren damals fünfundzwanzig Jahre alten Sohn, der endlich erwachsen zu sein schien, unter argen Gewissensbissen verlassen zu haben und ausgewandert zu sein. […] Ich muss beweisen, ebenfalls ihr und mir, dass es die richtige Entscheidung war, zu Hause geblieben zu sein. Ich dachte damals, nicht ohne ein gewisses Pathos, ich dürfe mein geschundenes Heimatland nicht verlassen, was würde denn aus ihm werden, wenn alle weggingen?“

Die Erinnerungen in dem Roman drehen sich um gegenseitige Besuche, der Erzähler reist zum ersten Mal mit vierunddreißig Jahren nach Amerika, um seine Mutter wiederzusehen. Später kehrt seine Mutter für einen Besuch in das gemeinsame Herkunftsland zurück. Die Begegnungen der beiden sind immer wieder spürbar verkrampft, die Entfernung, die zwischen ihnen liegt, scheint manchmal kaum zu überwinden.

„Ja, das ist sie, zweifellos, sie ist nicht nur die amerikanische Lady, sondern unter ihrer Verkleidung meine Mutter, die ihr Amerikanischsein behaltend, ja, sogar krampfhaft betonend, für zwei Wochen ihren mir bereits bekannten, billigen, aber stabilen amerikanischen Plastikrahmen verlassen hat, aber in den hier leer hinterlassenen, kostbaren, stark mitgenommenen historischen Rahmen nicht mehr tritt, nicht mehr treten kann und auch nicht will, denn er passt nicht mehr zu ihr.“

Die Mutter des Erzählers scheint aus dem Rahmen gefallen zu sein: ihre Heimat ist ein Land, in das sie kaum zurückkehren kann, in dem sie sich nicht länger aufhalten möchte. Zu groß die Angst, wieder ins Gefängnis gehen zu müssen. Doch auch ihre Wahlheimat bietet ihr einen nur äußerlich stabilen Rahmen, der im Laufe der Geschichte immer stärker seine Brüchigkeit offenbart.

„Mutterbild in amerikanischem Rahmen“ ist ein faszinierender Roman, der mich begeistert und bewegt hat und dabei unheimlich viele Facetten besitzt. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, diese Facetten Schicht um Schicht freizulegen. Seite für Seite wurde die Geschichte vielfältiger: hinter der Mutter-Sohn-Geschichte verbirgt sich ein beeindruckendes Porträt der Geschichte Ungarns. Stück für Stück entfaltet sich ein wahnsinniges und erschreckendes Panorama, eine Zeit, die von Verbrechen und Unmenschlichkeiten geprägt wurde. Ergänzt werden diese historischen und politischen Beschreibungen durch den Anhang am Ende des Romans, durch den aus einem beeindruckenden Roman ein authentisches Zeitzeugnis wird. Es handelt sich um die Briefe der Schauspielerin Gizi Bajor, die 1950 mehrmals den ungarischen Ministerpräsidenten Mátyás Rákosi anschrieb und verzweifelt um eine vorzeitige Haftentlassung der Mutter des Erzählers bat. Die ungarische Schauspielerin taucht in Miklós Vajdas Roman nur als Nebenfigur auf, besitzt aber eine so ungewöhnliche Geschichte, das man schon fast einen eigenen Roman über sie, die schließlich von ihrem psychisch kranken Ehemann ermordet wurde, schreiben könnte.

Miklós Vajda hat diesen Roman erst sehr spät in seinem Leben geschrieben und veröffentlicht, geschadet hat dies seinem Text jedoch keinesfalls. „Mutterbild in amerikanischem Rahmen“ ist eine großartig erzählte Mutter-Sohn-Geschichte, die von Timea Tankó sehr gelungen ins Deutsche übertragen wurde. Die Geschichte ist berührend, läuft aber nie Gefahr, sentimental zu werden. Vajda erzählt mit einem besonnenen und zurückhaltenden Ton, dem ich gerne zugehört habe.

Ein Buch, das ich nur weiterempfehlen kann, da es eine Lektüre enthält, die mit dem Zuklappen der letzten Seite nicht endet, sondern weiter in einem rührt und dazu einlädt, zu recherchieren, sich zu informieren und weiterzulesen.

Miklós Vajda: Mutterbild in amerikanischem Rahmen. Braumüller Literaturverlag 2012, 228 Seiten, 21,90 €.

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