Nina Jäckle: Zielinski

Wer denkt mitten im Strom noch an die Quelle.

jäckleEines Tages ist er da. Zielinski. Plötzlich steht eine Holzkiste, mit blauem Samt ausgekleidet, im Wohnzimmer des Protagonisten. Dort wohnt Zielinski, ein gutangezogener Herr mit schöner Stimme, dessen ständiger Begleiter ein Stock ist, mit dem er den Protagonisten ab und an auf die Stirn schlägt. Die Männer unterhalten sich über alles mögliche. Jedoch fragt sich der Protagonist, ob Zielinski wirklich existiert. Würde seine Schwester ihn auch sehen, wenn sie ihn besuchen käme? Als die Nachbarin bei ihm vorbei schaut, merkt der Protagonist schnell, dass Zielinski nur in seiner Einbildung lebt. Der namenlose Protagonist zieht sich vollkommen aus dem sozialen Leben zurück, bleibt nur noch zu Hause. Das geht sogar so weit, dass er keine Rechnungen mehr zahlt und in seiner Wohnung Feuer macht, weil man ihm den Strom abschaltet. Und alles wegen Zielinski.

Um ehrlich zu sein, ist die Einsamkeit sehr angenehm. Nichts stört mich, niemandem gegenüber habe ich mich zu erklären, ich habe keine Pflichten, außer jenen gegenüber meinem Körper. Ich lege mich auf das Bett. Ich habe nämlich die Pflicht, dem Körper genug Ruhe zu verschaffen, ihn am Leben zu erhalten durch diese kleine Tricks.

In kurzen, sehr poetischen und aussagekräftigen Absätzen beschreibt Jäckle den gesundheitlichen und körperlichen Verfall eines Menschen. Bis zu einem Ende, das den Leser überrascht und vielleicht auch wohlwollend stimmt. “Zielinski” ist ein philosophischer Krimi, eine Menschen- und Krankheitsstudie, eine dunkle und herzzerreißende Geschichte. Poetische und stilvolle Wendungen sind wichtige Merkmale der Sprache der Autorin. Das ist eine Sprache, die berührt, streichelt – oder einen mit Wucht auf die Stirn schlägt.

“Zielinski” ist ein wunderbares Buch. Es hat mich dazu verleitet, in andere Bücher der Autorin hinein zu lesen, die genau so virtuos sind und ebenso wie “Zielienski” aus kurzen Absätzen bestehen. Nachdenklich bleibt der Leser nach der Lektüre zurück und würde am liebsten alle schönen Sätze in ein Notizbuch schreiben. Oder sie alle im Buch markieren. Dann müsste man jedoch fast das gesamte Buch anstreichen. Hervorragend!

Ich hatte es nicht für möglich gehalten, dass man sich im Abseits so unbehelligt einrichten kann. Ich hätte vermutet, man würde versuchen, mich zu begeistern, für eine Welt der Freundschaften und gemeinsamen Unternehmungen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich ohne jedes Aufbegehren der anderen aus der gemeinsamen Welt schleichen kann. Das muss ich mir eingestehen.

Nina Jäckle: Zielinski. Klöpfer & Meyer 2011, 186 Seiten, 18,90 €

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