Sebastian Barry: Mein fernes, fremdes Land

„Wie klingt es, wenn einer Neunundachtzigjährigen das Herz bricht?“

9783869305134_1.jpg1955 wurde Sebastian Barry in Dublin geboren. Er schreibt Theaterstücke, Lyrik und Prosa. Zuletzt erschien sein Roman „Ein verborgenes Leben“, für den er 2008 mit dem Costa Book of the Year Award ausgezeichnet wurde. Seine neueste Veröffentlichung „Mein fernes, fremdes Land“ war 2011 für den Booker Preis nominiert und wurde mit dem Walter Scott Prize for Historical Fiction ausgezeichnet.

In „Mein fernes, fremdes Land“ erzählt Sebastian Barry die Geschichte von Lilly Bere. Lillys geliebter Enkel Bill nimmt sich nach seinem Einsatz im Golfkrieg das Leben. Am ersten Tag ohne Bill beginnt Lilly mit den Aufzeichnungen über ihr Leben – atemlos und beinahe ohne Pause kritzelt sie in ihr Haushaltsbuch. Siebzehn Tage lang. Die einzige Lösung die Lilly für ihr eigenes Leben noch sehen kann, ist Selbstmord. Sie möchte ihrem Enkel in den Tod folgen, denn: „wie könnte ich ohne Bill weiterleben?“.

„Ich kann nicht aus dem Leben scheiden, ohne mich wenigstens darum zu bemühen, Rechenschaft über meine Verzweiflung abzulegen.“

Lilly Bere kommt am Anfang des 20. Jahrhunderts in Irland zur Welt. Ihre Mutter stirbt bei der Geburt, der Legende nach sei Lilly aus ihrer Mutter „hevorgekrochen, lärmend wie ein Fasan aus der Deckung“. Ihr Vater, James Patrick Dunne, arbeitet als Chief Superintendent bei der Dublin Metropolitan Police. Lilly Bere erzählt von ihrer Kindheit in Irland, einem Land, das damals tief gespalten wurde durch die Irish Republican Army. Der IRA. Es ist ein Zufall, der dazu beiträgt, dass Lillys Verlobter Tadg sich in den damaligen Wirren plötzlich auf der falschen Seite befindet. Man verhängt die Todesstrafe über ihn und damit gleichzeitig auch über seine Verlobte. Hals über Kopf fliehen beide nach Amerika und finden in New Haven einen Unterschlupf. Doch auch dort holt sie die Vergangenheit wieder ein: nachdem Tadg während eines gemeinsamen Museumsbesuch erschossen wird, ist Lilly in diesem fremden, großen Land plötzlich ganz auf sich allein gestellt.

„Ich frage mich, ob, wenn ich mich in dem kleinen Krankenhaus röntgen ließe, der Röntgenapparat wohl meinen Kummer entdecken würde. Ist Kummer wie Rost, wie Schleim ums Herz?“

Einen Großteil des Buches nehmen Beschreibungen des Lebens ein, das Lilly nach Tadgs Tod gezwungen ist zu führen. Auf sich allein gestellt verliert sie nie den Mut und kämpft darum, ein neues Leben beginnen zu können. Sie findet eine Anstellung, Freunde und irgendwann auch eine neue Liebe. Über all dem liegt jedoch – schwer wie Blei – der Schatten der Vergangenheit und die ständig präsente Angst davor, von dieser wieder eingeholt werden zu können.

„Lauter schwierige, düstere Dinge, Geschichten wie alte Socken, die man in Kissenbezüge stopft. Ohne das genaue Gewicht der in ihnen enthaltenen Wahrheit zu kennen. Und Dinge, an die ich lange nicht gerührt habe, im Interesse des persönlichen Glücks oder wenigstens der täglichen Zufriedenheit, eine Disziplin, in der ich früher, glaube ich, Meisterin war.“

Es ist der Krieg, der in diesem Buch eine entscheidende Rolle spielt. Es ist der Krieg der IRA, der das Leben von Lilly nachhaltig erschüttert und verändert und es ist der Golfkrieg, der ihren Enkel Bill für immer verändern sollte.

„Mit neunzehn war er schon geschieden und glaubte bereits, auf der Verliererseite des Lebens zu stehen. Des LEBENS mit Großbuchstaben, wie er es nannte. Im Krieg erlosch sein Funkeln. Aus der brennenden Wüste kehrte er zurück wie ein Mann, der ein Wunder des Teufels geschaut hatte.“

Sebastian Barry hat mit „Mein fernes, fremdes Land“ einen wichtigen und literarisch lesenswerten Roman vorgelegt, in dessen Mittelpunkt die Situation Irlands zu Beginn des 20. Jahrhunderts steht. Am Beispiel von Lilly Bere, einer charismatischen und liebenswerten Hauptfigur, erzählt Barry von der damaligen Zeit und davon, was es für einen Menschen bedeuten kann, sein Heimatland verlassen zu müssen. Besonders tragisch in diesem Fall ist die Tatsache, dass Lilly selbst politisch nie aktiv gewesen ist, sondern für das verurteilt wird, was ihr Verlobter Tadg getan hat. Lilly verliert nicht nur ihre Heimat, sondern auch ihr Zuhause und ihre geliebte Familie. Es ist schwierig für sie, Kontakt mit ihren Verwandten zu halten, da sie die Gefahr fürchtet, in Amerika aufgespürt zu werden. Ein weiteres geschichtliches Ereignis, auf das sich der Autor bezieht, ist der Golfkrieg, an dem Lillys Enkel Bill teilnimmt. Es sind die Erlebnisse dieses Krieges, die Bill so tief erschüttern, dass Selbstmord für ihn die einzige Alternative ist.

„Wie sonderbar, wie sonderbar. Wir mögen immun sein gegen Typhus, Tetanus, Windpocken und Diphtherie, nie aber gegen die Erinnerung. Gegen sie gibt es keine Impfung.“

Der Titel des Romans bezieht sich auf das Land, in das Lilly und Tadg fliehen und das für beide eine ganz unterschiedliche Perspektive bereithält. Während Tadg für seine Taten mit dem Leben bezahlt, erkämpft sich Lilly ein neues Leben und ihre freiheit. Lillys Aufzeichnungen über ihr Leben sprechen von sehr viel Mut, Kraft, aber auch von sehr viel Traurigkeit. Der Leser erhält ungefilterte, intime und sehr berührende Einblicke in das Leben einer bewundernswerten Frau.

Sebastian Barry ist mit „Mein fernes, fremdes Land“ ein beeindruckender Roman gelungen, der mich vor allem durch seine wunderschöne und poetische Sprache überzeugen konnte.

Sebastian Barry: Mein fernes, fremdes Land. Aus dem Englischen von Petra Kindler und Hans-Christian Oeser. Steidl Verlag 2012, 314 Seiten, 19,90 €.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s