Daniel Woodrell: Der Tod von Sweet Mister

044678243-der-tod-von-sweet-misterDer Schriftsteller Daniel Woodrell wurde 1953 geboren und ist in St. Louis und Kansas City aufgewachsen. Mit nur siebzehn Jahren ging er von der Schule ab, um sich bei den Marines zu melden. 1986 erschien sein Romandebüt „Cajun-Blues“. Zuletzt erschien von ihm auf Deutsch der Roman „Winters Knochen“, der auch verfilmt und auf dem Sundance Film Festival als bester Film ausgezeichnet wurde. Zu seinem neuesten Roman „Der Tod von Sweet Mister“ gibt es ein interessantes Interview mit Daniel Woodrell.

Daniel Woodrell erzählt in seinem Roman „Der Tod von Sweet Mister“ die Geschichte einer Mutter und ihres Sohnes. Glenda ist jung Mutter geworden, aber von ihrer Jugendlichkeit ist nur noch wenig übrig, denn sie trinkt schon länger mehr, als ihr gut tut. Ihr Sohn Shug ist dreizehn, er ist übergewichtig und ein Außenseiter. Gemeinsam mit seiner Mutter lebt Shug in einem kleinen Häuschen auf einem Friedhof. Glenda ist für die Instandhaltung des Friedhofs zuständig, aber völlig überfordert und Shug beginnt schon früh damit, ihre Aufgaben zu übernehmen. Gemeinsam mit Glenda und Shug wohnt dort auch noch sporadisch Red, Shugs Vater – zumindest soll er das angeblich sein. Eigentlich glaubt keiner der drei wirklich daran. Red ist kriminell und gewalttätig und Glenda und Shug sind immer wieder seiner brutalen Unberechenbarkeit ausgesetzt, genauso wie seinen Demütigungen.

„Seine Stimme schien für mich immer voll von diesen Würmern zu sein, die einen fressen, wenn man tot ist.“

Daniel Woodrell erzählt seinen Roman aus der Sicht von Shug, der in diese unbarmherzige Welt gestoßen wurde, ohne einen Halt zu haben, ohne Orientierung, ohne Hilfe – völlig auf sich allein gestellt. Er ist grausamen Situationen ausgesetzt, ohne dass es ihm gelingt, das Erlebte „wegstecken“ zu können: er bekommt Dellen und Schrammen.

„Die Schreie, die ich damals und in all den anderen ähnlichen Momenten wie in Flaschen verkorkte, warteten und warteten nur darauf, wieder herausgelassen zu werden, und der Zeitpunkt sollte kommen. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass nichts von alledem passiert ist.“

Von der ersten Seite an schlägt dem Leser eine ungeheure Ausweglosigkeit und Düsternis entgegen. Der Verlauf von Shugs Leben scheint von Beginn an vorbestimmt zu sein und wie soll er sich auch wehren gegen die Einflüsse, denen er ausgesetzt ist? Gegen die Gewalt, die er selbst erlebt und die er mit ansehen muss? Gegen seinen Vater, der ihn auf Beutezüge mitnimmt und zu einem Dieb macht? Doch nicht nur Shugs Leben nimmt einen dramatischen Verlauf, keine von Daniel Woodrells Figuren kommt in dieser Geschichte ungeschoren davon.

Der Titel des Romans bezieht sich auf eine Stelle im Text, als Glenda ihren Sohn mit dem Spitznamen „Sweet Mister“ anspricht: „Wenn du in dieser Welt hier aufwächst, Sweet Mister, dann musst du hellwach sein. Wenn du am Morgen zur Tür hinausspazierst, musst du hellwach sein, und zwar bis zum Abend, wenn die Lichter ausgehen. Hast du das verstanden?“

Für Glenda, die den halben Tag betrunken ist, ist ihr Sohn in all diesem Elend immer noch der „Sweet Mister“, der hilfsbereite, liebenswerte junge Mann. Doch Seite um Seite ist der Leser gezwungen mitzuerleben, wie dieser Sweet Mister verschwindet und ausgelöscht wird. Langsam stirbt. Irgendwann zerbirst die Flasche, in der Shug all die Jahre seine Schreie eingesperrt und verschlossen hat. Sweet Mister gibt es am Ende des Romans nicht mehr, da ist nur noch Shug, der sich irgendwie in der Welt zurecht finden muss.

Daniel Woodrell ist mit „Der Tod von Sweet Mister“ ein beeindruckender Roman gelungen. Mit 190 Seiten handelt es sich zwar um ein schmales Buch, doch um ein dennoch vielfältiges und intensives Leseerlebnis. Daniel Woodrell verwendet kein Wort, keinen Satz, zu viel. Alles passt in all seinem Schrecken genau zusammen. Der Roman hat mich vor allem auch in seiner reduzierten Sprache begeistern können. Das Ende des Buches wird von Woodrell offen gelassen, doch beim Zuklappen der letzten Seite ist kaum noch Platz für einen Hoffnungsschimmer. Stattdessen ist zu befürchten, dass Shug genauso enden wird wie der Rest seiner Familie. Ich habe beim Lesen des Romans unheimlich mit Shug gelitten, dem ich so sehr gewünscht hätte, dass er jemanden findet, der ihm Halt und Stabilität geben kann. Shug wurde in eine Welt gestoßen, die ihn nicht haben wollte. In eine Familie, die ihn vor lauter eigenen Problemen kaum sehen konnte.

In „Der Tod von Sweet Mister“ variiert Daniel Woodrell ein Thema, das ihn auch schon in seinem Roman „Winters Knochen“ beschäftigt hat: seine Geschichten spielen in verlassenen Gegenden Amerikas, unter Menschen die beinahe wie eine kleine Parallelgesellschaft leben. Ihr Leben wird von Gewalt, Alkohol und Kriminalität bestimmt. Kinder, die in dieses Milieu hineingeboren werden, haben kaum eine Chance sich in eine andere Richtung zu entwickeln.

Daniel Woodrell beschreibt eine erschreckende Welt, eine dunkle Welt voller Abgründe, die unheimlich fremd wirkt und dennoch auch irgendwo in der Nähe von uns existieren kann. Ich war erleichtert, sie mit dem Zuklappen des Buches wieder verlassen zu können und kann diese beeindruckende und intensive Lektüre dennoch nur jedem empfehlen. Ein Buch, das mich erschüttert hat und dessen Lektüre nur schwer auszuhalten war. „Winters Knochen“ konnte mich damals nicht vollständig überzeugen, doch von „Der Tod von Sweet Mister“ bin ich absolut begeistert. Ich freue mich bereits auf weitere Bücher dieses spannenden Schriftstellers.

Daniel Woodrell: Der Tod von Sweet Mister. Aus dem Amerikanischen von Peter Torberg. Liebeskind 2012, 192 Seiten, 16,90 €.

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3 Antworten auf “Daniel Woodrell: Der Tod von Sweet Mister”

  1. Liebe Mara,
    ein wahrlich düsterer Roman, der mich doch sehr an meine Arbeit erinnert. Es ist erschreckend, wieviel „wahre Begegebenheit“ ich schon beim Lesen der Rezension erkennen konnte. Woodrell hat hier niedergeschrieben – ob autobiographisch oder nicht -, was viele von uns wirklich unglaublicherweise erleben müssen.
    Es kommt auf jeden Fall auf meine Schnüffelliste.

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    1. Liebe Bee,
      der Roman ist in der Tat unheimlich düster, etwas, dass für Daniel Woodrell nicht untypisch ist. Um so schrecklicher empfinde ich die Tatsache, dass das, was er beschreibt, für viele Menschen Realität ist. Bei solchen Büchern lernt man das eigene Leben dann doch manchmal noch etwas mehr zu schätzen.
      Das Buch könnte dir auf jeden Fall gefallen und ich wäre gespannt auf deine Meinung dazu. 🙂

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