Judith Heckel über indiebook!

Judith Heckel ist ein Teil von indiebook. Gemeinsam mit ihren Kollegen Nicole Grabert, Christiane Krause und Martin Stamm vertritt sie im Moment 38 unabhängige Verlage – vom Alexander Verlag bis zum Weidle Verlag. Im Interview steht sie uns Rede und Antwort.

Was und wer ist indiebook?

Unter dem Namen indiebook existiert zur Zeit ein Büro, das Vertriebsarbeit und Backoffice für Vertreter_innen unabhängiger Verlage anbietet, und eine Website, auf der Informationen zu den vertretenen Verlagen gefunden werden können – Vorschauen, Rezensionen, Lesetipps und andere nützliche Informationen für Buchhändler_innen.

Wie kamen Sie auf die Idee, indiebook zu gründen?

Indiebook ist entstanden aus der Zusammenarbeit dreier Verlagsvertreterinnen: Nicole Grabert, Christiane Krause und mir. Wir haben schon seit vielen Jahren Verlage gemeinsam in ganz Deutschland vertreten, irgendwann kam dann die Idee, das auch mit einem gemeinsamen Büro und einer Website zu verbinden. Wir haben dann Martin Stamm mit ins Boot geholt, der indiebook federführend betreut. Für viele Buchhändler_innen steht der Name indiebook momentan für uns drei Vertreterinnen und die Programme, die wir vertreten. Die Idee hinter indiebook ist aber, das Projekt zu öffnen für weitere Vertreter_innen unabhängiger Verlage und für weitere interessierte Verlage und daraus eine Plattform zur Vernetzung des unabhängigen Buchhandels mit unabhängigen Verlagen zu machen.

Wie waren die Rückmeldungen der Buchhandlungen und Verlage zu Ihrer Idee?

Wir als Vertreterinnen-Team haben auch davor schon eine gemeinsame Büro-Adresse geführt – für die Verlage und Buchhandlungen war also zuerst mal nur neu, dass wir dem Ganzen einen Namen geben und auch einen Webauftritt haben. Das haben die Verlage auch alle unterstützt und uns z.B. gut mit Daten und Material für die Seite versorgt. Im Buchhandel wird vor allem geschätzt, dass wir so viele Informationen bündeln, die man sich sonst mühsam zusammensuchen muss – so halten wir die Vorschauen auch aus den vorangegangenen Saisons aller von uns vertretenen Verlage zum Download vorrätig oder stellen regelmäßig wichtige Rezensionen, Auszeichnungen oder Jubiläen zu Titeln unserer Verlage zusammen. Am Traffic auf der Seite sehen wir, dass diese Angebote gut angenommen werden.

Ansonsten hat uns indiebook als „Marke“ auch dabei geholfen, unser Profil im Buchhandel noch sichtbarer zu machen. Wir als Vertreterinnen-Team waren auch vorher schon „die mit den spannenden kleinen Verlagen“, jetzt hat das Projekt auch einen passenden Namen. Auf jeden Fall bekommen wir seitdem noch mehr Vertretungsanfragen von Verlagen, die sich selbst als independent begreifen. Und Buchhandlungen, die in ihrem Sortiment mal was abseits der Publikumsverlage ausprobieren möchten, landen früher oder später auch bei uns.

Welche Hürden gibt es beim Vertreten von Indie-Büchern und wie hat sich das Projekt seit der Gründung verändert? Werden Indie-Bücher heutzutage besser akzeptiert?

Die größte Hürde fürs Sortiment ist sicher, dass das Verkaufen von Büchern aus Independent-Verlagen oft anstrengender ist: es erfordert mehr Engagement, Kenntnis und Bemühen von der Buchhändlerin. Indie-Bücher sind in der Regel keine Stapeltitel, sondern brauchen Empfehlungen oder die richtige Präsentation, damit die Kund_innen sie überhaupt wahrnehmen. Um die Programme von Indie-Verlagen zu verkaufen, kann ich in der Regel nicht mit Werbemaßnahmen, Pressekampagnen oder Auflagenhöhen des Vorgängertitels argumentieren, sondern verkaufe den Inhalt des Buches. Und den muss die Buchhändlerin wieder an ihren Kunden weiterverkaufen. Dafür muss sie ihr Publikum kennen und ihr Sortiment eigenständig und eigenwillig pflegen. Immer mehr Buchhandlungen haben aber erkannt, dass genau das ihre Chance ist, als stationärer Einzelhandel zu überleben – die Fülle und das wahllose Angebot kann der Kunde auch im Netz finden, für die Beratung, Entdeckung und persönliche Ansprache ist der reale Buchladen immer noch der bessere Ort.

Wenn man sich Ihren Lebenslauf anschaut, fällt auf, dass Sie Diplom-Psychologin sind. Psychologie und Indie-Bücher – gibt es da einen Zusammenhang?

Vertreterin war ich schon, bevor ich mein Diplom erworben habe, deshalb ist es für mich eher umgekehrt: Die Erfahrungen der Vertreterei haben mir beim Studienabschluss enorm geholfen – wenn man regelmäßig in noch unbekannte Buchhandlungen reinspaziert und denen überzeugend von neuen Büchern erzählen muss, verlieren mündliche Prüfungen viel von ihrem Schrecken 🙂

Die Definition der Begriffe indie und unabhängig ist nicht ganz eindeutig, wie wir selbst seit der Gründung unseres Projekts „we read indie“ immer wieder feststellen mussten. Wie definieren sich für Sie unabhängige Verlage?

Die Kriterien der Kurt-Wolff-Stiftung finde ich, zumindest im Hinblick auf die Ausschlusskriterien wie Umsatzobergrenze, Konzernunabhängigkeit und „kein Bezahlverlag“, erstmal sehr brauchbar. Wobei ich auch bspw. Verlage ohne professionelle Auslieferung, ohne Börsenvereinmitgliedschaft und mit geringerer Titelproduktion zu den Indie-Verlagen zähle.

Inhaltlich macht für mich einen Indie-Verlag aus, dass ein Mensch oder eine Gruppe von Menschen aus Leidenschaft für ihre Bücher und mit einer Menge persönlichem Einsatz einen Verlag gründen und führen.

Welche Indie-Bücher sind im Moment besonders beliebt und wie schätzen Sie die Rolle ein, die Indie-Bücher auf dem Buchmarkt spielen?

Die erste große Welle der Graphic-Novel-Begeisterung ebbt langsam ab, aber im Bereich Graphic Novel und Comic spielen Independent-Verlage immer noch eine große Rolle. Die meisten Buchhändler_innen sind aber davon überzeugt, dass es ihre Kund_innen meist eher nicht interessiert, ob ein Buch in einem Independent- oder Konzernverlag erschienen ist, sondern dass es um die Inhalte geht. Bei Belletristik oder Sachbuch denke ich auch, dass das stimmt. Wobei es Independent-Verlage ja auch immer auszeichnete, dass sie in allen Bereichen auch den Randgebieten Raum geben und damit für bestimmte Inhalte wichtige Adressen sind (Lyrik beispielsweise, oder Noir-Romane oder Subkultur oder politische Themen – die Liste ließe sich beliebig erweitern).

Ich freue mich auch über das vermehrte Interesse an Bibliophilem und „schönem“ Buch, an besonderen Einbänden, illustrierten Ausgaben oder handgemachten Umschlägen. Auch das suchen und finden Buchhandlungen eher in Independent-Verlagen.

Meine Prognose ist: den Hauptteil ihres Umsatzes machen auch engagierte und unabhängige Buchhandlungen weiterhin mit Titeln aus Publikumsverlagen. Aber je mehr der Kauf von „Gebrauchsliteratur“ ins Internet oder in den e-book-Markt abwandert, desto wichtiger werden die besonderen Titel im Sortiment.

Zum Abschluss würden wir gerne noch nach Ihrem ganz persönlichen Indie-Buchtipp fragen.

Oje, das ist schwierig – da könnte ich jetzt aus jedem unserer Verlagsprogramme Lieblingstitel aufzählen…

Abseits unserer Verlage freue ich mich sehr über die Neuauflagen der Romane von Georges Perec im Diaphanes-Verlag (und auch über den Perec-Text im Libelle-Verlag). Und den Indie-Verlagen anabas und Schöffling kann ich bei der Gelegenheit mal dafür danken, dass sie das Werk von Ror Wolf pflegen und immer neue Schätze heben. Das macht für mich auch die Arbeit eines Independent-Verlags aus: dass sie ihren Autorinnen und Autoren verbunden sind und dass sie auf der Suche nach guter Literatur nicht nur aktuellen Trends hinterherjagen, sondern abseits allen Zeitgeists auch vergessenen oder verkannten Texten einen Platz geben – und damit ihrer Zeit oft voraus sind.

Wir danken Judith Heckel herzlich für das Gespräch!

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