Kleinverlagsoase am Wannsee

Literarisches Colloquium Berlin

Die Sonne flirtet mit dem Wannsee und zaubert funkelnde Sterne ins Wasser. Die Bäume beobachten das faszinierende Lichtspiel und rascheln im sanften Sommerwind mit ihren Blättern Applaus. Wir sind mittendrin in diesem grünen Paradies vor den Toren der Hauptstadt und können unser Glück kaum fassen, so schön ist nicht nur die Kulisse, sondern vor allem auch der Anlass, der uns am 20. Juli ins Literarische Colloquium Berlin (LCB) geführt hat: die jährliche Zusammenkunft der »Kleinen Verlage am Großen Wannsee«. Wir wollten – nein, wir mussten – unbedingt dabei sein, brannten wir doch förmlich darauf, die Menschen hinter den besonderen Indiebooks persönlich kennenzulernen. Also Kamera, Notizbuch, Aufnahmegerät und Fragen in die Taschen und hinaus ins Grüne.

Thomas Geiger
Thomas Geiger vom LCB

Von einer »Gartenmesse« spricht Thomas Geiger, der mitverantwortlich für das literarische Programm im LCB ist: Der Ausgangsgedanke bei der Konzipierung dieser Veranstaltung vor acht Jahren war es, den Garten des Anwesens öfter zu bespielen, in der Tat waren anfangs die Verlagsstände auf der Wiese, die von der Villa hinunter zum Wannsee führt, verteilt. Allerdings bemerkte man schnell, dass sich die Veranstaltung dadurch verlief, die Verlage und ihre Freunde blieben unter sich und es entstand kein Dialog. So hat man sich schließlich für eine konzentriertere Form entschieden und den Hauptort des Geschehens auf die Terrasse und ins Haus verlegt. Dennoch wird die Wiese eifrig genutzt: Zwischen einer Lesung und der nächsten sitzen hier die Besucher, blicken aufs Wasser, lassen sich bei einem Stück Apfelstrudel oder einem Glas Wein treiben.

Kleine Verlage am Großen WannseeMit Vogelgezwitscher in den Ohren und dem funkelnden Wannsee an der Seite erforschen wir die einzelnen Stände, die vor und in der imposanten Villa aufgebaut sind. Jeder Verlag zeichnet sich durch ein außergewöhnliches Programm aus, setzt in der Buchgestaltung einmalige Akzente und lockt das neugierige Publikum an. Wie hungrige Bienen schwärmen die Besucher – wenigstens sechshundert werden es auch dieses Jahr wieder sein, so Thomas Geiger – von Stand zu Stand. »Alle sind auf einer Augenhöhe, die Leser können mit den Verlegern und den Autoren ins Gespräch treten«, beobachtet Fabian Thomas, Blogger bei The Daily Frown und Gründer des im Entstehen begriffenen eBook-Verlages shelff. Genau das ist es, was diese Veranstaltung so einzigartig macht. Auch wenn sie als Messe samt Verlagsständen konzipiert ist, so kommt die übliche Buchmessehektik nicht auf, man hat Zeit und Ruhe, sich ausgiebig mit den Büchern und ihren Machern zu beschäftigen. »Die Veranstaltung ist ein Schaufenster für die Indie-Verlagskultur«, so Fabian Thomas.

24 deutschsprachige Kleinverlage folgten der Einladung des LCB und stellen an diesem schönen Sommertag dem Publikum ihre Programme vor. Die begrenzte Teilnehmerzahl ist den Räumlichkeiten der Villa geschuldet, wo die Stände bei schlechtem Wetter unterkommen müssen. Ausgewählt werden Verlage mit einem dezidiert literarischen Programm. »Unser Augenmerk«, so erklärt uns Geiger, »liegt dabei tatsächlich auf den kleinen Verlagen, umsatzstarke Indie-Verlage wie zum Beispiel Antje Kunstmann haben von sich aus genügend Kraft, um ihr Programm beim Publikum bekannt zu machen«. Außerdem legen die Veranstalter Wert auf eine geographische Vielfalt: Es sind natürlich einige Berliner Verlage wie Matthes & Seitz, J. Frank und Transit vertreten, doch die meisten sind von außerhalb angereist, etwa aus Dresden (Voland & Quist), Hamburg (asphalt & anders) und Leipzig (Poetenladen), aber auch aus der Schweiz (Dörlemann) und sogar aus Schweden (Edition Rugerup).

Binooki
Selma Wels (l.) und Inci Bürhaniye (r.) von binooki zusammen mit Blanka Stolz von mairisch

Obwohl sich die Kleinstverlage unterscheiden und jeder Verlag sein eigenes Gewand trägt, sind sie alle eins: eine große Familie – das fällt uns gleich zu Beginn auf. Es wird zusammen gescherzt, gelacht und viel geredet. Konkurrenz gibt es keine, wie Axel von Ernst vom Lilienfeld Verlag bestätigt. Neben seinem Stand steht der des jungen Berliner Verlages binooki, eine seiner beiden Gründerinnen, Inci Bürhaniye, fügt hinzu: »Man wird so herzlich aufgenommen und alle unterstützen sich gegenseitig – allein deswegen lohnt es sich, diesen Job zu machen«. Bürhaniye und ihre Schwester Selma Wels sind zum ersten Mal hier. Obwohl ihr Verlag gerade einmal zwei Jahre alt ist, kamen die Veranstalter nicht um sie herum: Die Aufgabe des LCB – und auch sein Glück – sei es, hauptberuflich die Literaturbranche zu scannen, und wenn ein Verlag durch die Presse geistere wie zuletzt binooki, so werde er natürlich auch hierher eingeladen.

»Ein guter Kleinverleger sollte es schaffen, dass wir auf ihn aufmerksam werden«, sagt Geiger, und genau das ist Inci Bürhaniye und Selma Wels gelungen. Anvar Cucoski, Lektor beim Berlin Verlag, erzählt, dass er gezielt hergekommen sei, um sich die Veranstaltung von binooki anzusehen: »Die zwei Verlegerinnen sind nicht nur sympathisch, sie haben auch ein richtig gutes Konzept, das meiner Meinung nach Zukunft hat. Heutzutage muss man sich spezialisieren, sich eine Sparte aussuchen, um bestehen zu können«. Auch wir schlüpfen in den prall gefüllten Saal und lauschen den beiden Schwestern, wie sie aus Alper Canıgüzs Roman Söhne und siechende Seelen lesen. Schon der erste Satz, den wir hören, bringt uns und das gesamte Publikum zum Lachen und macht Lust auf mehr: »Mit fünf Jahren befindet sich der Mensch auf der Höhe seiner Reife, danach beginnt er zu faulen. Ich, Alper Kamu, wurde vor einigen Monaten fünf«.

Die binooki-Schwestern lesen selbst, weil sie ausschließlich türkischsprachige Literatur in deutscher Übersetzung verlegen. Andere Verleger beschließen, einen oder mehrere ihrer Autoren lesen zu lassen, wiederum andere stellen ihr Verlagskonzept vor – die Gestaltung des Bühnenprogramms ist ihnen überlassen, vom LCB gibt es nur eine zeitliche Vorgabe: fünfzehn bis zwanzig Minuten. Am Abend findet auch eine Podiumsdiskussion mit dem schönen Titel »Ach zum Teufel die Bilanzen« statt, es sprechen Heinrich von Berenberg vom Berenberg Verlag, Manfred Metzner von Das Wunderhorn sowie Daniela Seel von KOOKbooks (mehr dazu im Börsenblatt). »Solche Panels, wo die Verleger aus dem Nähkästchen plaudern, finde ich persönlich interessanter als die eigentlichen Lesungen«, sagt der Literaturkritker Thomas Wörtche, der hergekommen ist, um Kollegen aus dem Literaturbetrieb zu treffen und sich mit ihnen auszutauschen.

Die Klappentexterin und Daniel Beskos von mairisch
Die Klappentexterin und Daniel Beskos von mairisch

Auch den Verlegern selbst geht es in erster Linie um diesen Austausch – und nicht um die Verkäufe. »Zehn Minuten mit Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag reden bringt mir mehr als drei Wochen lang die FAZ lesen«, sagt Daniel Beskos vom Hamburger mairisch Verlag mit einem Augenzwinkern. Mit Daniel sitzen wir eine Weile auf der Wiese, jeder von uns eine Flasche Bier in der Hand, und sprechen über die Branche, später gesellt sich noch Suhrkamp-Lektor Lars Claßen zu uns. Wir reden darüber, dass im Verlagswesen und im Buchhandel die Gesichter tief hängen und insgesamt eine starke Verunsicherung zu spüren ist. Nicht jedoch an diesem Tag, was schlichtweg daran liegt, dass die Indie-Verleger nicht im Geringsten verunsichert sind. Egal mit wem wir uns unterhalten, alle blicken absolut zuversichtlich in die Zukunft und strahlen eine Begeisterung aus, die uns vollkommen mitreißt.

André Gstettenhofer
André Gstettenhofer von Salis

Diese positive Stimmung spiegele sich auch in den Verkaufszahlen wieder, erläutert André Gstettenhofer vom Zürcher Salis Verlag, der für uns eine der großen Entdeckungen an diesem Tag ist: »Unsere Bücher übertrumpfen manchmal sogar die der großen Verlage, und das mit viel weniger Aufwand. Alle machen einen guten Job, weshalb ich mir um die Indie-Verlagsszene keine Sorgen mache«. Annette Kühn von luxbooks, die bereits zum fünften Mal dabei ist, erklärt diesen Erfolg so: »Verlage mit spitzen Profilen wie unserer sind in Zeiten des Umbruchs deutlich wendiger und haben nicht so festgefahrene Strukturen wie die großen Verlage, weshalb sie nicht so sehr unter den Veränderungen leiden. Wir haben von Anfang an gelernt, uns auf nichts zu verlassen«.

Annette Kühn von luxbooks zusammen mit Sohn Jonathan
Annette Kühn von luxbooks zusammen mit Sohn Jonathan

Eine »Gegenkultur« sei das, worum sie sich bemühen, jedoch nicht, »sondern eine Erweiterung der bereits bestehenden Kultur – etwas, was die großen Verlage vernachlässigen«, meint Annette Kühn und führt aus: »Inhalte dürfen nicht an Wert verlieren, und Verlage haben mehr denn je eine Filterfunktion zu erfüllen«. So sieht es auch die Autorin Zoë Beck, deren Bücher größtenteils bei Bastei Lübbe erscheinen. Eine Veranstaltung wie diese sei »tausendmal interessanter als die Buchmessen, wo die großen Verlage im Vordergrund stehen, die alle dasselbe machen und sich gleich präsentieren«. Ganz anders die Indie-Verlage, die eine klare Ausrichtung haben, eine »Prägung«. Aus der Masse der Buchproduktion ragen sie durch sorgfältig zusammengestellte Programme heraus – jedem einzelnen Titel, der an diesem Tag präsentiert wird, ist diese Sorgfalt anzusehen.

Stolz und freudestrahlend reicht uns Daniel Beskos ein druckfrisches Exemplar von Michael Weins Goldenem Reiter, der im Oktober in einer Neuauflage bei mairisch erscheinen wird: was für ein wunderschöner Goldbarren! Am Stand nebenan strahlen uns die Bücher von binooki entgegen, leuchtend grün und gelb, wie Früchte, in die man hineinbeißen möchte. Und gegenüber beim Salis Verlag können wir unsere Augen nicht von dem bezaubernd gestalteten Bilderbuch Nemorino und das Bündel des Narren von Gion Mathias Cavelty und Chrigel Farner lösen. Wir entdecken, staunen, verlieben uns – und vergessen vor lauter Freude nicht nur die brennende Sonne auf den Köpfen, sondern auch die voranschreitende Zeit. So stellen wir am Abend erschrocken fest, dass wir längst nicht mit allen Verlegern gesprochen haben.

WannseeAber das macht nichts, denn wir wissen, dass wir noch genügend Gelegenheiten haben werden, diese so lebendige und inspirierende Szene kennenzulernen. Jetzt holen wir uns erst einmal ein letztes Bier, stellen uns am Fuße der Wiese an die Balustrade und schauen hinaus auf den Wannsee. Der Anblick, der sich uns bietet, ist göttlich: Die untergehende Sonne färbt das Wasser rötlich und die Angler in ihren Booten zeichnen sich nurmehr als schwarze Silhouetten ab, hinter uns strahlen die Villa und die Bäume in goldenem Abendlicht. Dieser Moment des vollkommenen Friedens ist der perfekte Ausklang für diesen Tag, an dem uns so viele begeisterungsfähige, engagierte und vor allem entspannte Menschen begegnet sind wie auf kaum einer anderen Literaturveranstaltung.

Klappentexterin und Caterina

12 Antworten auf “Kleinverlagsoase am Wannsee”

  1. Hallo Klappentexterin und Caterina,
    eine wirklich interessante Veranstaltung. Ich bin ein wenig neidisch, nicht dabei gewesen zu sein. Viele Indie-Verlage auf einem Haufen, und dann noch so interessante – und in dieser Villa am Wannsee mit dem tollen Seeblick.
    Von den erwähnten / kurz vorgestellten Verlagen finde ich binooki besonders interessant. Den Verlag kannte ich gar nicht und Bücher türkischer Autoren findet man bei uns ja nicht solo häufig verlegt. Das scheint mir ein wirklich interessantes Konzept zu sein und ich werde mir das Verlagsprogramm von binooki mal genauer anschauen. Natürlich auch von einigen anderen mir neuen Verlagen.
    Jedenfalls, ein wunderbarer, informativer Bericht. Vielen Dank Euch beiden!
    Liebe Grüsse, Kai

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    1. Herzlichen Dank, lieber Kai, für deine schönen Worte.

      binooki war auch für uns eine echte Entdeckung, auch wenn uns der Verlag und sein Konzept bereits ein Begriff waren: Aber die Verleger „in natura“ kennenzulernen, bringt einen eben doch noch mal näher an die Bücher heran – vor allem in solchen Fällen wie binooki, wo die Menschen hinter den Büchern einfach unglaublich sympathisch und herzlich sind. Da bekommt man sofort Lust, sich mit ihren Projekten zu befassen.

      Das gilt für einige Leute, die uns an diesem Tag begegnet sind, und das haben wir ja auch versucht, in unserem Artikel zu transportieren: Diese Menschen sind so voller Elan und Euphorie, dass das, wofür sie sich engagieren, nur gut sein kann, man wird förmlich angesteckt mit dieser Euphorie. Darum ist es immer schön, auf solche Veranstaltungen zu gehen, wo man direkten Kontak zu den Leuten hat. Da entsteht eine emotionale Bindung an den Verlag als Ganzes, nicht nur an das eine oder andere Buch. Das hat etwas sehr Persönliches, Intimes, das man sich bei den großen Konzernverlagen gar nicht vorstellen kann (es gibt aber natürlich Ausnahmen).

      Ich wünsche dir, dass auch du bald eine ähnliche Veranstaltung in deiner Nähe besuchen darfst.

      Viele Grüße,
      caterina

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