[Gastrezension] Björn Kuhligk: Bodenpersonal

kuhligkIn sage und schreibe 24 Kurzgeschichten verflicht Björn Kuhligk seine Erlebnisse als Stadtschreiber am Goetheinstitut in der türkischen Stadt Eskisehir mit Prosafragmenten. Selten sind seine Geschichten dabei länger als ein paar Seiten, manche erschöpfen sich sogar schon in einer handvoll Zeilen, Zeilen über das Reisen, die Menschen, die Liebe und die Sehnsucht.

Meine Gedanken zum Buch…

Ein Buch, das zum einen Teil Reisetagebuch, zum anderen Teil literarisches Notizbuch ist und sich dabei nicht ganz entscheiden kann, welchem Teil es sich mehr zuneigt, trotzdem oder gerade deshalb ein fesselndes Potrait des Autors zeichnet, dem sich der Leser gerne ein paar Minuten lang widmet, Tag für Tag. Verschiedener könnten die zwei Seiten des Buchs dabei gar nicht sein. Der Reisebericht, welcher durch lustige Anekdoten und kristallklare Beschreibungen besticht und den Leser, an der Seite des Autors, nach Eskisehir entführt, im Kontrast zur nebligen Prosa Kuhligks, die oft entrückt von Ort und Zeit über den Zustand des Seins, auch im Gegensatz der Hauptfigur zu anderen Handelnden, sinniert und sich dabei im eigenen Kopf verläuft.

Ich persönlich hatte oft mehr Spaß an ersterem, gab der Autor mir doch sich als Hauptfigur und Eskisehir als Handlungsort, während seine Geschichten für mich oft ungreifbar blieben und so schnell aus meinem Gedächtnis verschwanden. Gerne reiste ich daher mit dem Autor durch die Türkei, entdeckte fremde Städte, erklomm Sprachbarrieren und erlebte Dinge, die ich mir ohne die Hilfe dieses Buches nicht hätte erträumen können. Wie zum Beispiel ein Konzert vom quasi Volkshelden Baba Müslüm, das sich nach Stunden des Wartens in der Rezitation eines einzigen Liedes erschöpft, was aber keinen der Zuschauer zu verwundern scheint oder einen Besuch im Glasmuseum von Eskisehir, mit Polizeieskorte und reichlich Cay.

Meine Lieblingsgeschichte ist mit ihren 10 Seiten gleichzeitig eine der zwei längsten im Buch. “Der liebe Gott auf dem Speicher” spielt in den Straßen von Amsterdam, wo sich ein Einheimischer und eine Reisende begegnen und wandern und Kaffee trinken. Sie erzählt und er hört ihr zu und ich lese davon und habe dabei ein wohliges Gefühl, auch wenn die Geschichten der Reisenden nicht immer gut enden. Doch hier finde ich wonach ich bei Kuhligk lange suche, eine Handlung, die ich nachvollziehen kann, obwohl ich mir mit dem Autor nicht ein und dasselbe Gehirn teile. Eine Geschichte, die nachhallt, weil sie weder verkopft noch abgehoben ist, sondern einfach ehrlich und mich an dem Leben zweier Menschen teilhaben lässt, die ich ohne Kuhligk als Vermittler nie kennen gelernt hätte.

Als Gesamtwerk wird dieses Buch bei mir noch lange nachklingen, werde ich mich noch eine Weile nach der Türkei sehnen und sicher noch um einiges länger an den Prosafragmenten des Autors knabbern, bis diese weich genug gekaut sind, um sie nachvollziehen zu können. Ein Buch, das sich einem nur dann vollends erschließt, wenn man sich ihm öffnet, ohne Vorbehalte und intellektuelle Verknotungen. Doch auch ein Buch, das gut daran getan hätte dem Leser ein bisschen mehr Herzlichkeit angedeihen zu lassen, ein bisschen mehr Fleisch auf die fiktionalen Knochen zu hamstern, damit diese Literatur nicht nur sättigt, sondern auch warm hält.

Kurz zusammen gefasst… Ein Reisetagebuch, gespickt mit Prosafragmenten, das sich liest wie das literarische Notizheft eines türkischen Stadtschreibers, was es im Endeffekt auch ist.

Björn Kuhligk: Bodenpersonal. J. Frank 2010, 102 Seiten, 18,90 €.

Herzlichen Dank an die Bücherphilosophin für diesen Gastbeitrag! Die Rezension ist zuerst hier erschienen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s