Truman Capote: Yachten und dergleichen

»Auf der Welle der Eleganz«

capoteTruman Capote schafft es bei mir immer wieder, einen Sauregurkentag in einen Süßholztag zu verwandeln. Zu dieser Erkenntnis brachte mich erneut der neue Erzählband Yachten und dergleichen. Unlängst erschienen beim Kein & Aber Verlag in einer entzückenden Handschmeichler-Ausgabe, die in jede Damenhandtasche passt. Das hätte dem stilvollen Autor sicherlich gut gefallen.

Die Titelgeschichte wurde im vergangenen Jahr in der New Yorker Stadtbibliothek entdeckt. Der Züricher Verlag hat seine Truman Capote Sammlung mit diesem Band nun vervollständigt. Und mit Yachten und dergleichen und fünf weiteren, bereits erschienenen Erzählungen den deutschsprachigen Lesemarkt bereichert.

Yachten und dergleichen ist eine wahre Freude. Die Erzählung entführt auf eine Segelyacht, die durch die Ägäis kreuzt. Der Ich-Erzähler – hinter dem sich mit großer Wahrscheinlich Truman Capote verbirgt – wurde von einem Freund zu diesem Törn eingeladen. Die Familie des Freundes kann wegen eines plötzlichen Todesfalles nicht daran teilnehmen, doch die Kreuzfahrt findet trotzdem statt. Der Erzähler bleibt nicht allein. An seiner Seite ist „der einzige weitere Gast, eine distinguierte, ziemlich intellektuelle Frau, die ich Mrs. Williams nennen werde.“ Die beiden – Wie amüsant! – sind wie Katze und Hund. Während Mrs. Williams vor der Reise sämtliche Bücher über die geplanten Reiseziele gelesen hat und bei den Landgängen von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit rennt, aalt sich der Ich-Erzähler im Müßiggang: „Ich hasse Besichtigungen; ein Haufen alter Steine ist für mich nichts weiter als ein Haufen alter Steine – vermutlich bin ich einer der wenigen Menschen, die Athen nicht ein Mal, sondern mehrmals besucht haben und noch kein einziges Mal auch nur in die Nähe des Parthenon gekommen sind.“ Charmanter kann man seine Abneigung wohl nicht formulieren. Überraschenderweise kommen sich die beiden grundverschiedenen Geister am Ende doch noch näher. Wie? Nun, das wird natürlich nicht verraten.

Yachten und dergleichen wirkt neben den anderen dunklen Erzählungen erhellend, wie ein freundliches Sonnenbad, bei dem mal so richtig die Seele baumeln lassen kann. Die sommerliche Leichtigkeit hüpft aus den zehn Seiten nach draußen und hakt sich bei mir unter. Schwermütiger lesen sich hingegen die anderen Geschichten über Menschen, denen die Sonne fehlt. Einsame, enttäuschte Menschen in Großstädten, die vom Glück verlassen wurden. Hier und da fällt der böse, ironische Blick aus der Feder des Autors wie in Wege ins Paradies. Mr. Ivor Belli ist ein glücklicher Witwer. Ja, so darf man wohl sagen, vor allem nach solchen Gedanken: „Mein Gott, welche Erleichterung, dass die scharfe Zunge der Frau endlich verstummt war.“ Während er am Grab seiner Frau steht, wird er von einer anderen Dame in ein Gespräch verwickelt, die auf der Suche nach Gesellschaft ist.

Richtig tragisch liest sich für mich die letzte Erzählung Der kopflose Falke. Dort begegnet ein junger Mann einer seltsamen Frau, die sich verloren hat, der Welt auf gewisse Weise entrückt ist und ihren Geliebten zunehmend verunsichert, als sie eines Tages von „ihm“ spricht. Da sprudelt aus seinem Mund das aufgestaute Unverständnis heraus, so scharf wie Messer: „Er! Er! Er! Was ist eigentlich los mit dir? Bist du« – zu spät, versuchte er das Wort zu vermeiden – »wahnsinnig?« Da war es, das Eingeständnis einer Sache, die er gewusst hatte, die er seinen Verstand aber nicht in Worte hatte fassen lassen. Und er dachte: Warum sollte das etwas ändern? Ein Mann kann nicht verantwortlich gemacht werden für diejenigen, die er liebt.“

Die Geschichten sind ein Wechselbad der Gefühle. Doch zwei Dinge vereinen sie allesamt: Den ehrlichen Blick in die zwischenmenschlichen Beziehungen und eine elegante Form des Erzählens. Capotes Beschreibungen haben für mich göttliche Züge, so detailtreu sind sie und bisweilen zum Träumen bildschön. Sie stehen nicht allein, mitten hinein springen Gedanken, die einem erfrischenden Regenschauer nach einem heißen Tag sehr ähneln. Da lächelt man und vergisst die sauren Gurken, die auf der Zunge eine pelzige Spur hinterlassen haben. Und wer möchte nicht einmal auf einer schicken Yacht das Mittelmeer durchkreuzen?

Truman Capote: Yachten und dergleichen. Aus dem Amerikanischen von Ursula-Maria Mössner. Kein & Aber 2013, 176 Seiten, 9,90 €.

Advertisements

3 Antworten auf “Truman Capote: Yachten und dergleichen”

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s