Jens Steiner: Carambole

SteinerCarambole-US-4.inddNachdem ich vor vielen Jahren vom Rand des falschen Tellers, auf dem mein inzwischen fast vergessenes Leben stattfand, den Sprung gewagt habe, sitze ich jetzt immerhin am Rand des richtigen Tellers. Es war ein Sprung im letztmöglichen Moment. An meinem neuen Rand bin ich glücklich, wie ich nur sein kann.

Jens Steiner porträtiert in „Carambole“ einen Tag in einem namenlosen Dorf. Charakteristisch für seinen Roman ist die Multiperspektivität, mit deren Hilfe Steiner den Eindruck erzeugt, dass in dieser Einöde zugleich gar nichts – nämlich nichts von Bedeutung für jemanden außerhalb des Dorfes – und zugleich alles passiert. „Carambole“ ist ein Buch der Möglichkeiten, ein Spiel mit Perspektiven und Identiäten, genau wie das gleichnamige Brettspiel, das dem Roman seinen Namen gibt:

Ja, es ist nur ein Spiel. Wir sind nichts anderes als drei alberne Herren, die sich auf ihre alten Tage ein bisschen amüsieren wollen. Und doch verstärken das gespielte Raunen und der Budenzauber mit der Loge nur das, worum es uns geht: Versöhnung mit der Vergangenheit, der Gegenwart, der Zukunft. Denn hinter jeder Ecke vermuten wir Griesgrame die Tragik.

Genauso wie jene drei wunderlichen alten Herren, die ihr altes Leben nicht mehr ertragen konnten und sich neue Identitäten suchten, ihre Vorbilder in der Philosophie finden und in ein neues Ich schlüpfen wie in einen Handschuh, so spielt Steiner und mit ihm der Leser mit den Figuren des Romans: Sie sind austauschbar, Menschen von nebenan, fast schon wandelnde Klischees. „Was passierte mit uns in diesen Tagen? Wir sind, was weiß ich, wir sind, ach Gott. Ganz gewöhnliche Menschen. Wir wollen nur ein bisschen zufrieden sein. Mehr nicht.“ Es gibt das hübsche Mädchen, das sich von den Eltern unverstanden fühlt und rebelliert, drei Halbstarke, die nicht wissen, wohin mit sich, zwei verfeindete Brüder, gescheiterte Ehepaare, Verlassene, Einsame, schräge Typen, Wunderlinge, Dorftrottel.

Alle Figuren erscheinen auf ihre Weise seelisch beschädigt worden zu sein. Jens Steiner schildert eine unheimliche Atmosphäre, die Figuren belastet ein unheimlicher innerer Druck, der ausbrechen will. „Carambole“ ist eine einzige böse Vorahnung, es ist ein kurz bevorstehender Ausbruch, es brodelt; die Figuren schwimmen in einem Topf voll kochendem Wasser und gleich – so spürt man als Leser, wird er, muss er überkochen. Heruntergeschlucktes, Verdrängtes und längst Vergessenes drängen nach oben, man muss weiterlesen – denn irgendetwas, das ist den ganzen Roman über klar – muss passieren.

Wie Jahresringe hatten sie sich über ein Skelett gelegt, das das Gewicht kaum mehr tragen konnte, weshalb der Mensch den ganzen Tag auf seinem Balkon saß, ohne ein einziges Mal aufzustehen, und käme eines Tages einer und stäche eine feine, hohle Nadel in diese Fettmasse, könnte er einen Bohrkern herausholen, der davon erzählte, wie dieser Mensch zum Stillstand gekommen und seiner eigenen Geschichte, aber auch der Geschichte des Dorfes nie mehr entronnen war, wie das Dorf selber, einer Wucherung gleich hoffnungsvoll und gleichzeitig im Krepieren begriffen, immer wieder in eine ungewollte Gegenwart stolperte, wie es seine eigene Vergangenheit begrub, wie seine Bewohner sich mit Wörtern gegenseitig Wunden schlugen und jede neue Generation die ältere bestrafte, und lauschte dieser Geologe des Fetts während seiner Untersuchung dem leisen Stöhnen des Menschenbergs auf dem Balkon über dem Dorfladen, vernähme er darin die Klage des Dorfes, dass es im Begriff sei, seine Seele zu verlieren, denn bald gäbe es hier niemanden mehr, der auf einen Anfang warte, stattdessen mache man nur noch Anfänge und vergesse, was Warten heiße, doch das Warten sei die Seele des Dorfes, das Warten auf nichts und alles, das Warten auf dass endlich etwas passiere.

Zunächst fällt es nicht ganz leicht, zu verstehen, worum es im Roman geht. Man wird ins Geschehen hineingeworfen und ist sich dabei nicht klar, was hier überhaupt geschieht: Wer spricht und wer zu wem in welchem Verhältnis steht, löst Steiner langsam in seinen zwölf „Runden“ auf. Steiner umrundet seinen Schauplatz unermüdlich, sieht seinen Figuren zu und lässt sie ihre Geschichte selbst erzählen. Er wechselt leichfüßig zwischen den perspektiven und schildert sie alle gleichermaßen glaubwürdig. „Carambole“ ist wirklich ein amüsantes, ein lehrreiches Spiel mit dem, was zwischen den Menschen geschieht – jenseits der Worte, die zwischen ihnen gesprochen werden. Jens Steiners Sprache ist ungewöhnlich und an manchen Stellen richtiggehend überrumpelnd. Sie ist so schräg und zugleich so schön wie der gesamte Roman. „Carambole“ hat mich vollkommen überzeugt und für mich ist der Roman ein klarer Fall für die Shortlist.

Jens Steiner: Carambole. Ein Roman in zwölf Runden. Dörlemann Verlag 2013, 224 Seiten, 19,90 €.

Rezension zuerst erschienen bei syn-ästhetisch.

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