[Gastrezension] William E. Bowman: Die Besteigung des Rum Doodle

rumdoodleFür Literaturrezensenten sind lustige Bücher meistens ein sehr undankbares Opfer. Sie entziehen sich jeglicher Kritik. Guter Humor und sensibler Witz entfalten sich immer nur zwischen den Sätzen einer Geschichte, nicht in einer oft distanzierten, kühlen Nachbesprechung. Diskussionen regt er selten an, vielmehr entlarvt er häufig ihre Sinnlosigkeit und widmet sich nur einem Dienst: der Unterhaltung des Lesers.

Noch schwieriger wird es für mich persönlich noch, wenn das Buch, das es zu besprechen gilt, schon vor längerer Zeit erschienen oder — wie im Falle von „Die Besteigung des Rum Doodle“ — sein Autor schon vor einiger Zeit gestorben ist. Ein Buch dann noch als großartige Leistung und „absolute Empfehlung für xy-Liebhaber“ (wie es der Klappentext auch tut) zu bezeichnen, kommt mir irgendwie falsch vor.

Hilft aber nichts, ich habe mich dafür bereiterklärt, diese Gastrezension für „We read Indie“ zu schreiben, also muss ich da jetzt durch. Also: „Die Besteigung des Rum Doodle“ wurde 1956 von William E. Bowman, einem britischen Ingenieur und Hobby-Bergsteiger, geschrieben (so zumindest der Klappentext der Rogner&Bernhard-Ausgabe dieses nun erstmalig auf Deutsch erhältlichen Werkes). Dieser Mann aus England, diesem bekanntlich unheimlich zerklüfteten, mit tückischen Bergwänden mehr als gesegneten Land, schickte sich an, den größten Bergsteigerroman aller Zeiten über die Erstbesteigung größten Berg aller Zeiten, den 40.000 1/2 Fuß hohen Rum Doodle in Yogistan, zu schreiben.

Ein Hinweis vorab: Lest das Vorwort von Bill Bryson nicht! Nicht nur weil es bei weitem nicht so unterhaltsam ist, wie der eigentliche Roman, sondern weil es ihn auch noch von vorne bis hinten spoilert. Es wirkt fast so, als hätte sich Bryson aus Ermangelung eigener Ideen (die er ja sonst eigentlich hat) dazu entschlossen, den Roman in einem Viertel seiner Länge und mit einem Bruchteil seiner Originalität zusammenzufassen und dem Leser so den ganzen Spaß an der Sache zu verderben.

Fängt man dann den Roman an, wird schnell folgendes klar: Der Roman ist [1] enorm lustig und unglaublich leicht zu lesen, was zum Großteil auf Bowmans intelligente Wortwahl, aber auch auf die gute deutsche Übersetzung zurückzuführen ist. Er fordert [2] den Leser in intellektueller Hinsicht in keiner Weise, sondern tut nur eines: herzlich und direkt unterhalten. Sollte man allerdings [3] während des Lesens das Bedürfnis verspüren, eine sozialhistorische Analyse des Bergsteigens durchzuführen, wird man auch nicht enttäuscht. Denn die „Besteigung“ ist eine scharfzüngige, pointierte Satire, die auf so ziemlich alle ins Lächerliche reichenden Aspekte des Bergsteigens zielt: von ungenießbarem Essen in großer Höhe über die oft überzogenen Reden eingebildeter Bergsteiger über Teamgeist und Zusammenhalt, bis hin zu komplett abwegigen wissenschaftlichen Untersuchungen von Menschen, die sich auf Gedeih und Verderb ihren Platz in der Geschichte technologischen und intellektuellen Fortschrittes sichern wollen.

An dieser Stelle lasse ich die Charakterbeschreibungen von Mitgliedern des Bergsteigerteams wie Jungle, dem unbeirrbar herumirrenden Navigationsexperten oder Shute, dem Fotografen mit zu viel Ausrüstung, aus und komme zum Schluss. Ich will ja nichts verraten, nicht wahr, Herr Bryson.

Denn das Buch spricht da besser für sich selbst. Daher: Einfach mal anlesen und entweder lieben oder hassen lernen. Manchmal ist Literatur eben so einfach.

William E. Bowman: Die Besteigung des Rum Doodle. Rogner & Bernhard Verlag 2013, 192 Seiten, 19,95 €.

Herzlichen Dank an Lukas Hermann für den Gastbeitrag!

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