Lavie Tidhar: OSAMA

OSAMA_cover_1600px_72dpi_rgb.jpg_Die Zerstörung des World Trade Centers 2001 und die Anschläge auf die U-Bahn in London im Jahr 2005 sind im Laufe der Zeit  in unser kulturelles Gedächtnis eingegangen. Doch was wäre, wenn es eine Welt gäbe, in der all dieses gar nicht geschehen wäre? Was wäre, wenn in dieser Welt Terrorismus keine Realität wäre, sondern das Produkt eines Autors, der all dies lediglich in Groschenromanen beschreibt? Was wäre, wenn Osama bin Laden in dieser Welt als literarischer Held Berühmtheit erlangen würde und nicht als terroristische Bedrohung bekannt wäre? Genau das ist das Szenario, das von Lavie Tidhar in seinem preisgekrönten Roman „Osama“ entworfen wird.

„Joe hatte jedoch den Eindruck, dass, obwohl er es nicht verstand, in dem Buch tatsächlich ein Krieg geführt wurde. Er wusste nicht, wieso oder worum es dabei ging, es war ein ideologischer Krieg, von dem er keine Vorstellung hatte, aber ihn nicht zu verstehen bedeutete nicht, dass es ihn nicht gab.“

Der Privatdetektiv Joe, der typischerweise am liebsten Kaffee und Whisky trinkt, wird von einer mysteriösen Frau mit einem heiklen Fall beauftragt: er soll den Schöpfer dieser Groschenromane, die in einer Romanreihe unter dem Titel „Vergelter“ herausgebracht werden, ausfindig machen. Seine Suche nach Mike Longshott führt Joe über Paris und London bis in das ferne New York. Bei seinen Ermittlungen verschlägt es ihn in die reiche Welt der Privatclubs, in die Pariser Opiumwelt und auf ein fast schon skurriles Fantreffen von Anhängern des Autors. Der Privatdetektiv muss jedoch schnell feststellen, dass er sich mit seinen Untersuchungen nicht nur Freunde macht … nicht nur sein Leben ist bedroht, sondern auch das von wildfremden Menschen. Je näher er dem Autor kommt, desto mehr Menschen müssen dafür mit ihrem Leben bezahlen.

„Als er die Hand ans Gesicht hob, merkte er, dass er immer noch das zerknüllte Papier umklammerte. Er glättete es wieder und sah es sich an. Ein schmutziger Fetzen altes Zeitungspapier, kaum lesbar, bis aufs Datum: elfter September zweitausendeins. Er zuckte die Schultern, zerknüllte es erneut und ließ es in den Mülleimer fallen. Danach packte er ein paar Kleider zusammen, warf die drei Bücher dazu und verließ die Wohnung.“

Doch nicht nur Joes Leben wird bedroht, sondern auch seine Realität und wie er diese wahrnimmt, denn im Laufe der Suche nach Mike Longshott fällt es ihm immer schwerer zwischen Realität und Erfindung zu unterscheiden. Woher weiß man, ob das Leben, was man führt, real ist? Vielleicht ist das Leben von Joe reine Erfindung, während in den Büchern von Mike Longshott die Wirklichkeit beschrieben wird? Was ist, wenn Joe selbst, sich in einer Welt der Fiktion befindet? In einer Welt, die vergleichbar sein könnte mit einem Park, den Joe in Paris besucht und der voller nachgebauter Miniaturwerke ist.

„Das Wort lautet fabriques. Diese Gegenstände, diese Bauten, die man en miniature in Monceau errichtet hatte, waren Gegenstände, die der Realität ähneln sollten, an sich aber nicht real waren. Sie waren architektonische Märchen, eine erfundene szenografische Landschaft: Sie waren zu Kunstwerken konstruierte Lügen, aber sie waren nicht real […].“

„Osama“ wurde mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet und doch fällt eine klare Einordnung in ein literarisches Genre schwierig – ich habe den Roman weder als Fantasyroman gelesen, noch als Kriminalroman. So ungewöhnlich der Roman ist, so schwierig ist auch seine Kategorisierung. Doch für mich funktioniert “Osama” auch weniger als Genreliteratur, sondern aufgrund eines gewagten und spannenden Gedankenexeperiments, das der Autor in seinem Text in aller Konsequenz betreibt. Joe liest in den Bücher von Mike Longshott über eine Welt, die für uns mittlerweile einer schrecklichen Realität gleich kommt, für ihn aber völlig unbegreifbar ist, denn Joe wächst in einer terrorismusfreien Welt auf.

Der Opiumnebel aus Paris legt sich leider auch stellenweise über den Text, nicht alles in diesem Roman klärt sich auf, nicht alles ist verständlich und der Leser bleibt mit einigen Fragen und ungelösten Rätseln zurück. Auch sprachlich betrachtet befindet sich der Roman leider nicht auf dem allerhöchsten literarischen Niveau. Und doch: demgegenüber steht das beeindruckende Szenario, das Lavie Tidhar entwirft und das nicht nur beim Lesen zum Nachdenken anregt, sondern mich auch über die Lektüre hinaus beschäftigt hat.

Lavie Tidhar legt mit „Osama“ einen außergewöhnlichen Roman vor, der trotz seiner Unterhaltsamkeit keine einfache Lektüre für zwischendurch ist. „Osama“ fordert den Leser heraus, ich habe mich dieser Herausforderung nicht immer gewachsen gefühlt und dennoch das Gefühl gehabt, vieles aus der Lektüre mitnehmen zu können. Wie bei so vielen anderen Romanen, die ich lese, habe ich auch hier das Gefühl, in meiner Wertung zwiegespalten zu sein: für ein ungewöhnliches Wagnis und das literarische Experiment, gebührt Lavie Tidhar alle Achtung – die Lesbarkeit des Romans bleibt dabei aber leider ab und an etwas auf der Strecke.

Lavie Tidhar: OSAMA. Rogner & Bernhard Verlag 2013, 303 Seiten, 22,95 €. 

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  1. Ich habe mich der „Herausforderung“ auch gestellt. Und dieses Wort passt wie die Faust aufs Auge.
    „Osama“ ist nicht immer leicht, aber einen Mehrwert und eine kreative und ambitionierte Idee kann man dem Buch nicht absprechen.

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