Michael Weins: Goldener Reiter

cover_40_163Michael Weins ist 1971 geboren worden und lebt heutzutage als Autor und Psychologe. Zuletzt erschien von dem Autor, der heutzutage in Hamburg lebt, der Roman „Lazyboy“. „Goldener Reiter“ erschien zum ersten Mal bereits im Jahr 2002 und wurde in diesem Jahr vom mairisch Verlag in einer neuen und goldenen Ausgabe erneut veröffentlicht. Ein Buch, was vor zehn Jahren an mir vorbeigezogen ist, hat mich auf diesem Weg doch noch ins literarische Herz treffen können.

„Meine Mutter ist immer still. Meine Mutter ist meine Mutter und sie benimmt sich wie eine Mutter. Mütter reden nicht mit sich selbst und kichern dabei und pfeifen.“

„Mama, bitte […]“. Es gibt ganz viele Sätze in diesem Roman, die mit genau diesen Worten beginnen. Es ist die Bitte darum, sich normal zu benehmen. Es ist die Bitte darum, nicht aufzufallen; sich so zu verhalten, wie sich auch alle anderen Mütter verhalten. Normale Mütter. Es ist ein Satz, der nicht von einem pubertierenden Kind gesprochen wird, dem seine Mutter peinlich ist, sondern von einem Kind, das merkt, dass mit seiner Mutter etwas nicht mehr stimmt. Jonas Fink ist zehn, vielleicht auch elf oder zwölf, Jahre alt, als ihn das Gefühl beschleicht, eine Mutter zu haben, die anders ist, als andere Mütter. Jonas, der noch ein Kind ist, reagiert mit Abwehr auf die Verhaltensänderungen der Mutter. Er schämt sich ihrer, möchte nicht mehr zu ihr gehören.

„Meine Mutter ist nicht meine Mutter. Ich kenne diese Frau nicht. Ich weiß, dass die anderen Leute im Wartezimmer meine Mutter anstarren. Ich spüre, dass sie auch mich anstarren. Ich überlege, aufzustehen und mich umzusetzen. Ich kenne diese Frau nicht.“

Was mit einem Pfeifen, einem Kichern und Selbstgesprächen anfängt, endet in Ochsenzoll, in der geschlossenen Psychiatrie. Zunächst ist die Mutter von Jonas einfach nur ungewöhlich fröhlich und gesprächig, später folgt ein unangemessener Kleidungsstil. Doch das scheinbare Glück der Mutter beginnt zu kippen: sie schläft kaum noch und raucht viel. Nachts schreit sie ins Telefon, tagsüber fühlt sie sich verfolgt. Jonas ist auf sich allein gestellt und von den Verhaltensänderungen seiner Mutter überfordert. In einer Zeit, in der man als Kind seine Mutter braucht, übernimmt er die Aufgaben eines Erwachsenen und der Mutter alles ab, was sie nicht mehr bewältigen kann. Als Leser glaube ich recht schnell zu verstehen, dass die Mutter manisch ist, dass sie psychisch krank ist und Hilfe braucht, doch Jonas ist ein Kind und beschreibt das, was er erlebt aus der eigenwilligen und liebenswerten Perspektive eines Kindes.

Der Klinikaufenthalt verändert seine Mutter, ihre positiven Verhaltensweisen kehren zurück, doch Jonas ist nachhaltig beschädigt. Während seine Mutter sich um ihn bemüht, hat er nicht verarbeiten können, was geschehen ist. Die Eindrücke haben ihn nachhaltig geprägt: das Gefühl sich auf die eigene Mutter nicht mehr verlassen zu können, ist ein Gefühl, das die eigene Realität ins Wanken bringen kann.

„Ich mache mich schön, sagt meine Mutter. Ich finde mich richtig schön so, findest du nicht? Sie lächelt in den Spiegel. Ihr Lippenstift ist zu grell.
Gibt es kein Mittag?, frage ich.
Nein, sagt sie.
Wieso?, frage ich. Was machst du?
Ich gehe weg.
Wohin gehst du?, frage ich. Wann kommst du wieder?
Du musst ja nicht alles wissen. Die Frau vor dem Spiegel lächelt.“

Es ist vor allem die besondere Perspektive, die den Roman zu einer intensiven Lektüre macht. Dadurch, dass der Roman aus der Perspektive eines Heranwachsenden geschildert ist, bleibt vieles unklar, anderes muss man sich selbst erschließen. Warum ist Jonas stellenweise so emotionslos?  Während seine Mutter in der Klinik ist, lebt der Junge alleine: Warum fügt er sich in die Situation, ohne Hilfe in Anspruch zu nehmen? Jonas ist ein großartiger Beobachter und ein genauer Beschreiber, doch von seinen Gefühlen erfährt man wenig. Zu Beginn nennt seine Mutter ihn „Spielverderber“, weil er ihr ihr Glück nicht gönnt. Etwas muss dem Kind an diesem Glück falsch vorkommen, etwas muss ihn spüren, dass es sich um ein falsches Glück handelt und nicht um das echte Glück seiner Mutter. „Goldener Reiter“ ist ein Roman, auch wenn man im Nachwort erfährt, dass die Geschichte autobiographische Züge trägt, und doch hätte ich mir gewünscht, etwas mehr über die Motive und Gefühle von Jonas zu erfahren.

Michael Weins erschafft in seinem Roman „Goldener Reiter“ das Porträt eines Kindes einer psychisch kranken Mutter. Trotz der reduzierten und verknappten Sprache handelt es sich um eine bewegende Innenansicht:  ich habe mit Jonas ein Kind eines psychisch kranken Elternteils kennengelernt, ich habe ihn begleiten dürfen, habe geschmunzelt, war verwundert und berührt. Die Geschichte von Jonas und seiner Mutter ist eine Geschichte, die mich verstört und mit einem Gefühl der Beklemmung in meiner Brust zurückgelassen hat. Eine wichtige und lesenswerte Lektüre, die jedoch auch schwer zu ertragen ist.

Michael Weins: Der goldene Reiter. mairisch verlag 2013, 208 Seiten, 19,90 €.

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