James Sallis: Driver

»Das erste Licht des Morgengrauens, die Welt da draußen flickte sich wieder zusammen, während er ihr zuschaute.«

james-sallis-driverDriver fährt, sonst nichts. Er definiert sich durchs Fahren, so sehr, dass er für alle nur Driver ist – seinen richtigen Namen erfahren wir im ganzen Roman nicht. Wie wir auch so vieles andere nicht erfahren: Die Geschichte, die uns James Sallis in diesem 2005 erschienenen und zwei Jahre später ins Deutsche übertragenen Krimi erzählt, setzt sich aus Fragmenten zusammen, aus Splittern einer von Anfang an gebrochenen Biografie, die der Leser selbst in seinem Kopf zusammenfügen muss. Mühsam ist diese Arbeit, nicht jedes Stück fällt an seine Stelle, und immer wieder läuft man Gefahr, sich an den scharfen Kanten zu schneiden – doch das ist es wert. Man wird belohnt mit einem Roman, der so faszinierend unterkühlt und wortkarg ist wie sein Held und den Leser trotzdem – oder gerade deshalb – mit voller Wucht erwischt.

Die Splitter, die vor uns ausgebreitet werden, zeigen, wie Driver als Kind dem Vater bei Einbrüchen hilft, weil er schmal genug ist, um durch Hundeklappen zu kriechen; wie die Mutter beim Abendessen mit Messern auf ihren Mann losgeht; wie Driver später mit dem Auto seiner Pflegeeltern nach Hollywood abhaut; wie er dort fortan als Stuntfahrer arbeitet, sich schnell den Ruf als bester Fahrer der Stadt erwirbt, sodass nicht nur die Produktionsfirmen, sondern auch die Gangsterbosse auf ihn aufmerksam werden und er hin und wieder bei Raubfällen den Fluchtwagen fährt. Drivers Credo ist, sich aus allem herauszuhalten: »Ich fahre. Das ist alles, was ich mache. Ich bin nicht dabei, wenn du das Ding planst, und auch nicht, wenn du’s den anderen verklickerst. […] Ich beteilige mich an nichts, ich kenne niemanden, ich bin unbewaffnet. Ich fahre.«

Klar, dass das nicht lange gutgehen kann – das wissen wir schon vom ersten blutigen Satz an. Angefangen hat es mit Irene und ihrem Sohn Benicio, seinen neuen Nachbarn: Weil sie Driver, der sonst kaum jemanden an sich heranlässt, nach nur kurzer Zeit ans Herz wachsen, will er Irenes Ehemann Standard aus der Patsche helfen, als dieser, kaum aus dem Gefängnis entlassen, von früheren Partnern erpresst wird. Driver bietet sich als Fahrer bei Standards nächstem und letztem Bruch an, doch der läuft vollkommen aus dem Ruder: Standard wird erschossen, und Driver hat auf einmal eine Tasche mit einer Viertelmillion Dollar in der Hand. Als daraufhin nicht nur diejenigen getötet werden, die in den Deal involviert waren, sondern auch Irene, wirft Driver seine Prinzipien über den Haufen und macht sich auf die Suche nach den Drahtziehern, um sich an ihnen zu rächen.

Auf gerade einmal hundertsechzig Seiten erzählt der Autor diese Geschichte, und doch raubt sie einem über lange Zeit den Atem. Das hat inhaltliche wie formale Gründe. Sallis hält sich nicht mit detaillierten Beschreibungen oder wortreichen Dialogen auf, er beschränkt sich auf das, was geschieht, lässt seinen Helden nicht lange reflektieren, sondern einfach handeln. Diese Unmittelbarkeit der Handlung spiegelt sich auf stilistischer Ebene wider, Sallis’ Sprache ist karg, lakonisch, fast schon hart, die Kapitel sind kurz, die Schnitte scharf. Das einzig Komplexe ist die nicht lineare Erzählstruktur, sie springt derart zwischen den Zeiten und Orten hin und her, dass der Leser mitunter droht, den Faden zu verlieren. Ungeheuer rasant geht es in dem Roman zu, mindestens genauso rasant wie auf den Straßen von L.A., auf denen Driver zu entkommen versucht.

Die Welt, in die James Sallis seinen Helden – und uns – hineinwirft, ist eine Nacht- und Schattenwelt, düster, schmutzig und gnadenlos. Sämtliche Dinge und Menschen in ihr sind ramponiert, nur der Tagesanbruch verspricht, wenn nicht Heilung, so doch zumindest Linderung: »Sechs Uhr morgens, das erste Licht des Morgengrauens, die Welt da draußen flickte sich wieder zusammen, während er ihr zuschaute.« Kühl und trostlos ist die Atmosphäre, die James Sallis erschafft; die Melancholie, die dem Roman und seinem Protagonisten innewohnt, lässt den Leser schaudern und macht Driver nicht nur zu einer fesselnden, sondern auch zu einer berührenden Lektüre. Ein brillanter Krimi mit Noir-Elementen, dessen Ästhetik sich visuell in der – wie immer beim Liebeskind Verlag – zurückhaltenden Eleganz des Covers fortsetzt.

Und ebenso in der sehr sehenswerten Verfilmung von Nicolas Winding Refn mit Ryan Gosling in der Hauptrolle. Die Geschichte wird in Drive deutlich stringenter erzählt, und es gibt erwartbare inhaltliche Verschiebungen, beispielsweise deutet sich zwischen Driver und Irene (gespielt von Carey Mulligan) eine zarte Liebesgeschichte an. Dies tut jedoch der Qualität des Films keinen Abbruch, im Gegenteil: Dem Regisseur gelingt es, die Stimmung des Romans einzufangen, indem er eine ähnlich reduzierte Sprache verwendet. Viel wird über die Bilder transportiert, über die Mimik und Interaktion der Schauspieler, über den Soundtrack – wenig wird hingegen mit Worten gearbeitet, wenig wird erklärt. Drive lebt, wenn man einmal von einigen allzu expliziten Gewaltszenen absieht, von seiner stillen Poesie und wird damit der Romanvorlage zweifelsohne gerecht.

James Sallis: Driver. Aus dem Englischen von Jürgen Bürger. Liebeskind 2007, 160 Seiten, 16,90 €.

Die Rezension ist zuerst auf SchöneSeiten erschienen.

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