Henriette Vásárhelyi: immeer

»Der Tod nimmt alles. Nur nicht die Trauer.«

immeerSich selbst verlieren. Ganz tief fallen, den anderen festhalten wollen und ihn doch nicht halten können. Wie sich das anfühlt, davon erzählt Henriette Vásárhelyi in immeer so ergreifend, dass es mir die Luft raubt und ich mit den Armen rudere, um nicht umzukippen. Die Autorin schreibt über das, vor dem sich jeder von uns fürchtet: Wenn ein geliebter Mensch stirbt und man ohne ihn weiterleben muss.

Jans Tod kommt nicht unerwartet, er ist ein schleichender Prozess, denn Jan hat einen Gehirntumor. Trotzdem ist die Wucht enorm, ein harter Aufprall, den man durch das ganze Buch über spürt. Jan ist auch der erste Gedanke, wie ein Engel schwebt er zwischen den Seiten. Eine Erinnerungsszene schiebt sich zwischen die Augen, bis eine Fliege dazwischensummt und die junge Frau aus ihrem Traum zurück in die Gegenwart holt. Mit den Fliegen, die noch zahlreich auftreten, spricht Eva wie mit guten Freunden, aber nicht mit Monn, der Mann nach Jan.

Der Roman beginnt nach Jans Tod an einem der schönsten Orte Europas – in Italien. Wunderbares Essen, das strahlende Meer, glückliche Sonne und trotzdem hängt vor der Ich-Erzählerin ein trüber Film, der sie immer wieder in die Vergangenheit flüchten lässt. Sie führt mir vor Augen, was es heißt, wenn so eine schreckliche Krankheit ins Leben hereinbricht: „Dass eine Diagnose, das Schätzen von Zeit, die noch bleibt, nicht bedeutet, dass man bis dahin, bis zu dem vermutlichen Bisdahin, alles so weitermachen kann wie bisher. Dies zu begreifen. Aufhören muss man. Am Tag der Diagnose beginnt der Abschied wie von selbst.“

Die 1977 in Ostberlin geborene Autorin wurde für ihr Debüt 2012 mit dem Studer/Ganz-Preis ausgezeichnet und stand 2013 auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises. Henriette Vásárhelyi bedient sich in ihrem Roman der Kraft der Sprache, spielt mit ihr, wechselt vom Harte ins Weiche und bleibt dabei so klar wie man es von einem stillen Morgen am Strand kennt. Sie erzählt von den Folgen der unheilbaren Krankheit, nimmt den Leser gleichzeitig mit in eine übermütige Zeit, als das Dreiergespann Heiner, Jan und Eva an der heimischen Ostsee groß geworden ist und sich in Berlin eine Wohnung geteilt hat. Die Beziehung zwischen Jan und Eva gerät im späteren Verlauf in eine Schieflage. Liebte Jan am Ende Heiner oder Eva? Die Frage hängt in der Schwebe, verkriecht sich unter Evas Trauer, die überall spürbar ist und sich sogar in die eigenen Zellen einnistet. Die Trauer ist eine Diebin des Alltags und des Weiterlebens, und hier ganz stark, auf besondere Art anziehend.

Darum kann ich das Buch, das mich wie ein scharfes Stück Papier schneidet, kaum zur Seite legen. Ich bleibe darin kleben, lese die Textstücke mit Bedacht, als könnten sie zwischen meinen Augen zerplatzen, betrachte die traurige, haltlose Eva, die tote Fliegen sammelt, das Geschirr nicht mehr abwäscht, nicht mehr zur Arbeit geht, sich verliert, und mich direkt daran teilhaben lässt: „Schon morgens, wenn ich aufwache, wie alles um mich bebt und ächzt und stöhnt, als ob es lebt. Ich soll packen, sagen meine Eltern, muntern mich die Strübings auf, ordnet Monn an. Ich packe aus, packe ein.“ Eva muss aus der Wohnung ausziehen, aber sie bringt es nicht übers Herz, Abschied zu nehmen, von dem Ort, der sie mit Jan verbindet. Eva will nicht gehen und sich von Jan trennen, lässt seine Eltern vor der Tür stehen. Sie verbarrikadiert sich in ihrer Trauer und will nur nach hinten schauen. Wäre da nicht der gute Monn, der Retter in Not, den sie eines Tages auf Jans Handynummer erreicht.

Das Meer leuchtet in diesem Buch genauso wie die einzelnen Textfragmente, die unterschiedlich stark aus den Seiten hervorblitzen. Die Erinnerungen tragen ein kursives Buchstabenkleid. Manche Sätze lesen sich fast nüchtern. Andere wiederum winden sich wie eine Binde um meine Augen und wollen nicht wieder weggehen. Der Atem wird schwer wie Blei und das Herz setzt aus. Und dann das Meer. Es rauscht, es breitet seine Arme aus. Darin finde ich Ruhe und Geborgenheit, kann das Schwere ablegen und meinen Kopf ausruhen.

Henriette Vásárhelyi: immeer. Dörlemann Verlag 2013, 190 Seiten, 18,90 €.

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