[Gastrezension] Gregor Sander: Was gewesen wäre

sanderTief beeindruckt lege ich diesen Roman zur Seite, der mich vom ersten bis zum letzten Satz gefesselt hat. Auf der Suche nach einer ganz besonderen Story hatte ich meinen Stapel mit den Neuerscheinungen durchwühlt, bis ich diesen schmalen Band in der Hand hielt.

Einige Stunden später, es ist bereits dunkel, sitze ich da und fühlte mich einfach nur glücklich. Glücklich deshalb, weil ich endlich wieder einen Roman gefunden habe, der sich abhebt aus der Fülle der neuen Bücher. Ein Roman, der berührt, verzaubert, eigene Erinnerungen wach ruft und der sprachlich überrascht – eine ganz außergewöhnliche Story!

Geschickt werden Erzählperspektiven, Orte und Zeiten der Handlung miteinander verknüpft. Eben noch sind wir mit Julius und Astrid im Sommer 1987. Dann – einem Kameraschwenk gleich – mit Astrid und ihrem heutigen Freund Paul im Budapest der Jetzt-Zeit. Erinnerungen fließen in gegenwärtige Handlungen und umgekehrt. Und was für Bilder Sander zaubert!

Was mir ganz besonders gefällt, ist die weibliche Erzählperspektive. Nur ganz wenigen Autoren gelingt das, was Gregor Sander vom ersten Satz an schafft. Man läuft mit Astrid und Jana durch den Wald und es ist klar: hier sind zwei Mädchen unterwegs. Und das hält er so durch bis zum Schluss – diesen sehr weiblichen Blick. Mit wenigen Worten erreicht Gregor Sander, dass in meinem Kopf eine komplette Filmszene abläuft, wenn der Roman auf Seite 5 beginnt:

„Wir gingen durch den Wald, Jana und ich. Fast Hand in Hand. Unsere Arme berührten sich beim Laufen manchmal, und wir trugen beide Sommerkleider mit kurzen Ärmeln. Meines war weinrot mit hellen grünen Längsstreifen. Ich hätte gern Jeans und T-Shirt angezogen, aber Jana hatte gesagt: ‚Das geht nicht. Nicht da.‘ Jetzt ging sie neben mir und ihre Haare, die ihr sanft über die Schultern fielen, waren auf eine kindliche Art blond und leuchteten im gedämpften Licht des Waldes. Wir hatten sie zusammen gewaschen, bei mir zu Hause, und ihnen Glanz gegeben mit einem Ei.“

Beide Mädchen sind unterwegs zu einem Sommerfest, das in einem alten Forsthaus am See stattfindet. Dort, wo Julius mit seiner außergewöhnlichen Mutter lebt, die Künstlerin ist. Hier, wo alles beginnt, wo Astrid sich in Julius verliebt. In einem Dorf nahe von Neubrandenburg.

Große Teile des Romans allerdings spielen in Berlin, in der geteilten und der wiedervereinten Stadt. Wir streifen mit Jana und Astrid durch das Kreuzberg der 80er Jahre (Tequilla-Trinken im „Franken“ in der Oranienstrasse, Milchkaffee-Schlürfen in einem Café am Landwehrkanal), aber auch durch die Dimitroffstrasse im Prenzlauer Berg. Eindrucksvoll ist die Szene, wo beide Mädchen am Aussichtsturm Bernauer Strasse stehen und auf die menschenleere Oderberger und Eberswalder Strasse in den Ostteil der Stadt schauen.

Klaustrophobisch und beklemmend wird es, als beide mit der U8 von Kreuzberg nach Wedding fahren. Astrid, die nur zu Besuch im Westteil der Stadt ist, gerät in Panik, als sie Westberlin verlassen und die in diffusem Licht versunkenen „Geisterbahnhöfe“ im Ostteil der Stadt abfahren. Ich finde, das liest sich fast wie ein Horrortrip:

„Die U-Bahn verlangsamte ihre Fahrt plötzlich und fuhr im Schritttempo in einen Bahnhof ein. Er war dunkler als die anderen Bahnhöfe … Kacheln waren aus der Wand gerissen, überall lag Dreck und Staub … ‚Jannowitzbrücke‘ war dort zu lesen, und ich sah tatsächlich einen Soldaten, mit geschulterter Waffe stand er hinter einem kleinen Häuschen, einem Kiosk vielleicht … und als ich auf den blaugrünlichen Kacheln ‚Alexanderplatz‘ las, gab es für mich kein Halten mehr … Dass jetzt über mir der Alexanderplatz war, der Fernsehturm und die Weltzeituhr … , das war zu viel für mich.“ (S.150-152)

Astrid hat die Chance, im Sommer 1988 in West-Berlin zu bleiben. Julius, den sie wahnsinnig liebt, plant gerade seine Flucht über Ungarn und die Schweiz zu ihr… Es ist großartig, wie wir in ihrer Haut stecken, das Für und Wider einer solchen Entscheidung mittragen. Lohnt es, Freunde und Familie aufzugeben für die eine große Liebe? Und ist diese Liebe überhaupt stark genug, um ein gemeinsames Leben im Westteil der Stadt aufzubauen? Also doch zurück in das Leben unter einer Diktatur?

Gregor Sander lässt die späten 80er und ganz besonders den Herbst 1989 wieder präsent werden. Und das alles, ohne zu langweilen! Im Gegenteil. Er zeigt mit wenigen Worten, dass es eine Zeit großer Gefühle,  jugendlicher Spontanität und wilder Risikobereitschaft war. Dass es aber gleichzeitig eine von Angst, Verrat und Vertrauensbruch geprägte Zeit war. Fehler wurden gemacht. Zwanzig Jahre später verlieren dann manche Dinge an Bedeutung. Und was damals extrem wichtig und existenziell war, kann heute vergeben und vergessen werden.

Gregor Sander: Was gewesen wäre. Wallstein Verlag 2014, 248 Seiten, 19,90 €.

Herzlichen Dank an Jacqueline Masuck von Masuko13 für den Gastbeitrag!

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2 Antworten auf “[Gastrezension] Gregor Sander: Was gewesen wäre”

  1. Hallo Astrid,
    schön wenn ein männlicher Autor, weiblich schreiben kann. Alleine das reizt mich schon mal in das Buch rein zu lesen. Dann die Party am See und Künstler Eltern
    die wahrscheinlich, bunt, experimentell, leben(so stelle ich sie mir vor). Ausserdem
    mag ich Berlin sehr, seine unterschiedlichen Gesichter, seine Historie usw.
    Danke für den Tipp!!
    Liebe Grüße
    Sabine Bärbel Patjens
    P.S auch ich bin ständig auf der Suche nach neuen Stoff Futter für meine Fantasie
    und Illusionen ohne Klischees und die übliche Wortwahl.

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