Jürg Schubiger: Nicht schwindelfrei

„Man kann das nicht erzählen. Sie wärmten sich mit ihren Leibern, die beiden Menschen“

schubingerPaul ist etwas zugestoßen, eine Krankheit, ein Koma, und während der Körper in der Reha seine Funktionen wieder erlangt hat, sind im Gedächtnis Löcher zurückgeblieben: „Pauls Erinnerung war meist nicht verdunkelt oder erloschen, sondern bloss ein wenig defekt.“ Paul kann nicht zurück an den Schreibtisch im Büro, er war Journalist, hat sich aber, so glaubt es sein Chef, zu sehr verloren in den eigenen Reportagen. Pauls Frau Marion hat ihn zwar nicht verlassen, ist aber auch nicht mehr so richtig da: Sie steht ihm bei seiner Genesung zur Seite – wenn sie nicht gerade Zeit mit einem anderen Mann verbringt. Die Liebe existiert noch, liegt allerdings begraben unter der Last, die Pauls Anderssein für die Ehe bedeutet. Er hat viel vergessen und muss sich wieder bewusst machen, was das meint, das Leben. Er spaziert durch die Welt, betrachtet sie, denkt sie: „Pauls Kopf war nicht wählerisch in seinen Gedanken. Er ging vor sich hin. Er hätte singen mögen, unterliess es aber. Wenn er so weitermachte, lernte er noch fliegen.“ Es gibt auch ein Kind in Pauls Leben und eine andere Frau, Claire, der er eines Tages zu ihrer Wohnung folgt, und die ihn hineinlässt, einfach so: „Wurden sie ein Liebespaar?, fragte er. So kann man das nicht sagen. Es war das alte Unglück und die neue Not, die sie zusammenbrachte.“

Der Schweizer Autor Jürg Schubiger, der früher als Psychologe gearbeitet hat und vor allem für seine Kinderbücher bekannt ist, erzählt in Nicht schwindelfrei von einem Mann, dem Erinnerungen abhandengekommen sind – und den das gar nicht stört. Die Versehrtheit hat Paul zurückgeworfen auf eine naive, freundliche Kindlichkeit, er sieht sich die Welt an und teilt sie nicht mehr ein in die alten, stupiden Kategorien, er sieht sich die Welt an und freut sich, dass es sie gibt. Seiner Frau gefällt das nicht, sie hätte gern einen Mann, der rundum funktioniert, und sucht ihn sich deshalb woanders. Und es wirkt, als seien auch Pauls Gefühle defekt, denn das verletzt ihn nur am Rande, alles ist ihm entwischt, alles muss er sich neu aneignen, er grübelt, überlegt, beobachtet, betastet: „Für alles stand ein Wort bereit: Frühblüher, Hautflügler, Patientenverfügung. Die Wörter waren schon fertig da, ausnahmslos alle, bevor man überhaupt zu reden anfing. Das Reden brachte sie immerhin ein wenig ins Wackeln.“

Nicht schwindelfrei ist ein Büchlein, ein Geschichtlein. Freilich ist es nicht möglich, auf 112 Seiten einen Charakter so zu beleuchten, dass ich als Leserin ihn kennenlerne mit all seinen Facetten. Das finde ich schade, es hätte mir gefallen, mehr zu erfahren über Paul, Marion und Claire, mehr in die Hände gelegt zu bekommen als nur dieses Mosaikstück. Es bleibt mir überlassen, die Geschichte weiterzudenken in ihren Möglichkeiten, und angeblich schätzen Stammleser dies an Jürg Schubiger, aber ich bin vielleicht denkfaul, ich hätte sie ganz einfach lieber noch weitergelesen. Melancholisch ist diese Erzählung, traurig nicht, eher kindlich-hoffnungsfroh, heruntergebrochen auf das Essenzielle. Was bedeutet es, ein Mensch zu sein? Nur zu leben. Einfach so.

Jürg Schubiger: Nicht schwindelfrei. Haymon Verlag 2014, 112 Seiten, 17,90 €. Bei ocelot.de ist das Buch versandkostenfrei erhältlich.

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