We talk Indie: Im Gespräch mit dem kladde|buchverlag

kladdebuchverlag

2013 gründete sich der kladde|buchverlag. Jonas Al-Nemri und seine Mitstreiter wollen in der Buchbranche einen Gegenpol schaffen zu Massenfertigung,Lieblosigkeit und Einerlei. Ihr besonderes Konzept: Das Crowdfunding. Ich hatte die Freude, mit Jonas Al-Nemri ein Interview zu führen, in dem er diesen besonderen Verlag aus Freiburg näher vorstellt.

Jonas, du hast, mit einigen anderen, letztes Jahr den kladdebuchverlag gegründet. Wie kam es zu dieser Gründung?

Das beschreibt unser Motto eigentlich ganz gut: es reicht unserer Meinung nach nicht mehr, einfach nur Bücher zu machen. Wir fanden, dass Bücher – gerade in Zeiten der Digitalisierung – nicht mehr nur Gefäße bestimmter Inhalte sein dürfen. Uns waren – nein: uns sind außerdem nach wie vor die Missstände der Buchbranche ein Dorn im Auge.
Am Anfang unserer Geschichte steht also nicht wie sonst eine Idee, sondern viel mehr das Bedürfnis etwas verändern zu wollen. Wir haben uns zusammengesetzt und daraus etwas entwickelt, das genau das möglich machen kann.

Mit welchen Problemen wart ihr bei der Gründung konfrontiert?

Die Frage, ob unser anfängliches Gedankenspiel auch der Realität standhält. Crowdfunding ist in Deutschland noch wirklich jung und die meisten wissen gar nicht, welche Möglichkeiten es bereithält. Viele stehen der Sache auch noch misstrauisch gegenüber – ich glaube für viele erscheint es immer viel zu schön um wirklich wahr sein zu können. Unsere Aufgabe lag also von Anfang an darin, nicht nur unser Verlagskonzept zu präsentieren, sondern auch darin, das Crowdfunding an sich den Menschen näher zu bringen.

Wie viele Menschen arbeiten im Verlag?

Mittlerweile besteht unser Team aus 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Der Großteil davon sind jedoch Freiberufler und Studierende, die von unserer Idee so begeistert sind, dass sie gerne ein Teil davon sein wollen. Unser Kernteam besteht jedoch aus vier Leuten.

jonas-al-nemriWas sind eure Prämissen, wie und womit grenzt ihr euch ganz bewusst von anderen Verlagen ab?

Von einigen Verlagen wollen wir uns gar nicht abgrenzen. Binooki, Mairisch und Voland&Quist beispielsweise sehen wir nicht als Konkurrenz, sondern als Gleichgesinnte, die sich für die Qualität und die Vielfalt in der Literatur einsetzen.
Was den kladdebuchverlag jedoch besonders macht ist sein Konzept selbst. Unsere Bücher werden konsequent durch Crowdfunding finanziert (Crowdpublishing). So lassen wir die Leserschaft entscheiden, welche Bücher wir publizieren. Crowdpublishing ermöglich den Leserinnen und Lesern wirkliche Teilhabe an einem Buch.

Gleichzeitig ermöglicht dieser Weg der Finanzierung, dass wir die Honorare der Autorinnen und Autoren attraktiver gestalten und ein wichtiges Zeichen setzen können, damit Schreiben auch als Beruf sich wieder auszahlt. Ganz besonders am Herzen liegt uns auch die Vielfalt im Buchhandel. Wir fokussieren deshalb den Vertrieb im Bereich Print über die unabhängigen, inhabergeführten Buchhandlungen und gewähren diesen die in der Branche bestmöglichen Konditionen. Neben dem normalen Vertrieb über den Zwischenbuchhandel wollen wir so ein Netzwerk aus Resellern etablieren, die von dem Zugang zur Crowd stark profitieren. Wie buylocal wollen wir so unseren Teil dazu beitragen, die Leserschaft für den regionalen Handel zu sensibilisieren.

Wer unsere Bücher in der Hand hält wird sehen und spüren, dass dieses Buch nicht nur tolle Texte bereithält, sondern auch den eigenen Lebensstil ausdrückt. Mit unseren Büchern zeigt man sich gerne, man legt es im Café stolz auf den Tisch, neben Smartphone und Autoschlüssel. Es ist ein literarisches Accessoire, dass man gerne bei sich trägt. Unsere Vision: man fragt nicht mehr: „Hast Du schon das neue Buch von….?“ sondern „Hast Du schon das neue Kladdebuch?
Derzeit entwickeln wir auch unser whitelabel, sodass wir auch Selfpublishern und anderen Verlagen Crowdpublishing näher bringen und diese dabei unterstützen können.

Das Prinzip des Crowdfunding – interessierte Menschen tragen ihren Teil zur finanziellen Realisierung eines Projekts bei – ist in der Musikbranche schon recht verbreitet, in der Buchbranche bisher weniger. Woran liegt das?

Die Buchbranche wartet bekanntlich immer etwas länger ab. Sie betrachtet erst einmal. Welche Auswirkungen das hat, kann man im Bereich Ebook, Digitalisierung und Opensource nachverfolgen. Aber wie gesagt, Crowdfunding ist – auch in anderen Branchen – noch so jung. Dabei stammt die Wurzel des Crowdfunding ja sogar aus der Verlagswelt: Mäzenatentum und Subskription. Vielleicht braucht die Branche auch einfach jemanden, der ihr zeigt, wie groß das Potenzial ist und wie das alles überhaupt geht. Deshalb sind wir ja jetzt da 🙂.

Gibt es dennoch ein klassisches Auswahlverfahren, d.h. entscheidet ihr als Verlag, welche Bücher der “Crowd” vorgestellt werden?

Ja. Wir müssen derzeit noch eine Vorauswahl treffen. Jedoch können wir in unserem Lektorat freier wählen; so haben neben bekannteren Autorinnen und Autoren auch junge Talente eine Chance. Wir glauben auch, dass es zum derzeitigen Zeitpunkt wichtig ist, die Anzahl der Projekt zu beschränken, damit das ganze nicht kollabiert. Die Zahl der Projekte wird jedoch jetzt stetig erweitert.

Ihr legt besonderen Wert auf die Herstellung, auf Papierqualität und Ausstattung. Ihr geht mit ansteckendem Idealismus an die Buchproduktion. Ist eine solche Produktion aber nicht sehr kostspielig?

Es ist total toll, dass Du diese Frage stellst und dass Dich unsere Buchgestaltung anspricht.
Die Produktion mit einem Anspruch wie wir ihn haben ist tatsächlich kostspielig.
Gleichzeitig fordert Crowdfunding aber auch diese Qualität. Denn es geht nicht mehr darum, so billig wie möglich zu produzieren und zu verkaufen, sondern fair, nachhaltig und hochwertig. Die Unterstützerinnen und Unterstützer wollen nicht nur die Publikation irgendeines Romans ermöglichen, sondern wirklich an einem Buch teilhaben und die Literatur aktiv mitgestalten. Es ist also ein Produkt notwendig, das die Supporter auch nach dem Funding begeistert und überzeugt. Würden wir hier also an Nachhaltigkeit und Wertigkeit sparen, wäre das Leseerlebnis nicht mehr außergewöhnlich.

Euer “International Short Story Project” soll Autoren aus aller Welt in einer Anthologie zu einem bestimmten Thema vereinen. Kannst du ein bisschen mehr über diese spannende Idee erzählen?

Die Idee hinter dem ersten International Short Story Project ist wirklich spannend: Autorinnen und Autoren aus aller Welt schreiben zur selben Zeit unter dem Motto „The Crisis Inside“ in ihrer Muttersprache eine Short Story – in dieser Zeit dürfen sie nicht miteinander kommunizieren oder Einblick in die Arbeit der Anderen bekommen. Im Anschluss wird ein großes Team aus Editor_innen und Übersetzer_innen aus den verschiedensten Ländern die Texte ins Englische und ins Deutsche übersetzen. Die Bücher werden später dann sowohl die Texte in der Originalsprache als auch in der Übersetzung zeigen. Das Projekt basiert auf der sogenannten „generation crisis“, einer Generation, die weltweit nicht nur durch soziale Netzwerke und das Internet verbunden ist, sondern auch – vielleicht unbewusst – durch die Krisen. Wie verarbeiten wir unser Leben und das Leben der Anderen? Wir sind umgeben von Katastrophen, Kontrollverlusten und Kriegen – werden diese Krisen im Außen immer auch Krisen im Inneren?

Ihr verbindet viele Menschen über Ländergrenzen hinweg – ein Vorteil der globalen Vernetzung. Wie seid ihr mit all diesen Menschen in Kontakt getreten?

Organisiert wird das Projekt von dem Ideengeber Julian Tangermann aus den Niederlanden, der wirklich hervorragende Arbeit leistet. Die Texte sind bereits geschrieben und die Übersetzungen haben begonnen. Das internationale Funding wird im September 2014 starten und während der Frankfurter Buchmesse laufen, auf der wir das Projekt natürlich auch vorstellen.

Ich bin sehr auf die Stories gespannt, denn schon die Lebensgeschichten der Autorinnen und Autoren selbst ist teilweise einfach der Wahnsinn: ein junger Autor der aktuell aus Syrien flüchten musste, weil er sich in seiner Kunst kritisch dem Regime gegenüber zeigte. Eine Autorin aus der Ukraine, die natürlich die jüngsten Geschehnisse ganz besonders verarbeitet. All das wird sich in den Short Stories widerspiegeln

In Kürze werden wir die verschiedenen Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projekts einzeln der Öffentlichkeit vorstellen. Bisher findet man Informationen zum Projekt auf unserer Verlagsseite: http://kladdebuchverlag.de/international-short-story-project/

Ihr besetzt mit euren Verlag eine Nische – werden es traditionelle Verlage in Zukunft schwerer haben? Manch einer hat ja schon das Ende der klassischen Buchverlage prophezeit.

Ich weiß gar nicht, ob wir wirklich eine Nische besetzen. Wir zählen uns zwar zu den Indieverlagen und sind damit in wirklich attraktiver und guter Gesellschaft, aber unsere Literatur ist keine Nischenliteratur, sondern große Literatur, es ist die Literatur, die die Leserinnen und Leser wollen.
Ich glaube nicht, dass der klassische Verlag per se am Ende ist. Vielleicht werden noch weitere Verlagskonzerne in dem Wandel untergehen, aber es passiert gerade so viel in der Branche.
Die Publikumsverlage werden an Einfluss verlieren und die Indieverlage mit markantem Profil werden stärker in den Markt drängen.
Selfpublisher werden vor allem durch die Entwicklung der Dienstleister wie amazon publishing noch mehr Präsenz zeigen. Aber das ist nicht das Ende, sondern einfach nur Weiterentwicklung. Ich glaube im Übrigen auch nicht an den Tod des gedruckten Buches. Digitale Literatur mit all ihren Ausformungen wird ganz neue Möglichkeiten eröffnen, aber gebundene Seiten hören deshalb noch lange nicht auf: In unserem digitalen, flimmernden Leben, werden bedruckte Seiten irgendwann ein kleiner Urlaub für den Kopf 🙂

Was wünschst DU dir für die Zukunft, in welche Richtung sollte sich die Buch – und Verlagsbranche entwickeln?

Der Indiebookday hat gezeigt, dass wir alle auf dem richtigen Weg sind. Ich wünsche mir, dass die Leserinnen und Leser noch mehr unabhängige Literatur wagen, dass die Feuilletons und Bestsellerlisten sich auffüllt mit ungewöhnlicher und guter neuer Literatur, dass sich der Mainstream aufteilt die vielen wunderbaren Nischen wahrnimmt:
Für unseren Verlag wünsche ich mir natürlich, dass die Leser- und Autorenschaft aber auch die Verlage und Buchhandlungen unser Crowdpublishing als attraktiven und innovativen Publikationsweg wahrnehmen.

Vielen Dank für das Interview und alles Gute!

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2 Antworten auf “We talk Indie: Im Gespräch mit dem kladde|buchverlag”

  1. Was für ein großartiges Verlagsprojekt! Auch „the international short story project“ begeistert mich sehr und „The crisis inside“ werde ich unbedingt lesen. Danke für die Inspiration.

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