Sabine Kray über Diamanten Eddie.

Sabine Kray_© Rebecca Sampson© Rebecca Sampson

Sabine Kray wurde 1984 geboren und lebt heute in Berlin als Autorin und Übersetzerin. Sie engagiert sich als Mentorin für Mädchen mit Migrationshintergrund bei der Bürgerstiftung Neukölln. Diamanten Eddie ist ihr Debüt.
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Klappentexterin: Was war der ausschlaggebende Moment, als du dich entschieden hast, über die Lebensgeschichte deines Großvaters zu schreiben?
Sabine Kray: Zunächst habe ich mich auf die Suche nach meinem Großvater gemacht, weil ich wissen wollte, wo ich herkomme – schließlich hatte ich Edward Kray nie kennengelernt. Der Moment, in dem mir klar wurde, dass ein Roman daraus werden musste, war der als ich in einem Bonner Archiv den sogenannten Wiedergutmachungsantrag meines Großvaters in den Händen hielt – der übrigens nie bewilligt wurde. Mit diesem Antrag bewarb er sich um Entschädigung für die erlittenen Leiden während der Zwangsarbeit. Teil eines solchen Dokuments war stets ein vom Betroffenen selbst verfasster Text über die Zeit in Zwangsarbeit. Die Odyssee, die mein Großvater da schilderte hat mich erschüttert. Dieses Verbrechen der Nazis – die Zwangsarbeit – war mir zuvor noch nie begegnet. Weder im Geschichtsunterricht noch im kulturellen Diskurs.

Erst in den letzten Jahren hat es zaghafte Versuche der Aufklärung und Auseinandersetzung gegeben. Beispielsweise durch die Ausstellung zum Thema Zwangsarbeit im jüdischen Museum im Jahr 2010. Damals wunderte sich das Feuilleton, warum wir uns bis dahin so wenig mit diesem Thema auseinandergesetzt haben. Die Gründe waren vor allem wirtschaftlicher Natur. Aus Angst vor Entschädigungsansprüchen wurde das Thema jahrzehntelang totgeschwiegen. Den Betroffenen wurde damit nicht nur materielle Entschädigung vorenthalten, sondern auch die für die Verarbeitung solch traumatischer Erlebnisse notwendige emotionale Anerkennung. Sie waren keine Opfer der Nationalsozialisten, sie waren allenfalls so etwas wie Kollateralschäden des Krieges, oder wie Jens Bisky von der Süddeutschen Zeitung es in seinem Artikel anlässlich der Ausstellung des jüdischen Museums so treffend formuliert hat: „Erstmals will eine Ausstellung das ganze Bild des NS-Verbrechens Zwangsarbeit zeigen – viel zu lange hatte sie als unvermeidbare Begleiterscheinung gegolten“.

Erst seit den späten 90er Jahren wandelt sich die Einstellung der Wirtschaft, es entstehen Stiftungen und Orte der Erinnerung – wohl auch weil von den wenigen verbliebenen Opfern kein großer finanzieller Schaden mehr droht. Trotzdem bleibt eine Lücke in der kollektiven Erinnerung zu füllen. Deshalb habe ich mich entschieden, Edward Kray und den mehr als 12 Millionen Zwangsarbeitern des zweiten Weltkrieges eine Stimme zu geben.

Die Passagen aus den Arbeitslagern und dem Zweiten Weltkrieg sind bedrückend und lesen sich sehr authentisch. Wie sehr hat dich das beim Schreiben beschäftigt?
Diese Passagen basieren in großen Teilen auf Zeitzeugenberichten. Die Freie Universität Berlin unterhält ein Online Archiv, in dem mehrere hundert lebensgeschichtliche Interviews ehemaliger Zwangsarbeiter archiviert werden. Die Interviews sind lang – bis zu acht Stunden und ich habe Wochen damit verbracht diese Schicksale in mich aufzunehmen. Die Grausamkeiten und die Verzweiflung, die dort geschildert wurden, aber auch der Lebensmut dieser Menschen haben mich sehr berührt. Während des Schreibens bestand die Herausforderung für mich darin an der Intensität des Gefühls festzuhalten, sie in die Geschichte hinein zu weben, ohne dabei ins Sentimentale abzurutschen. Gleichzeitig war es mir natürlich besonders wichtig, plausibel und historisch akkurat zu bleiben. Dafür habe ich eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten gelesen und im Zweifel auch einige Wissenschaftler persönlich kontaktiert um der Wahrheit so nah wie möglich zu kommen.

Wie viel Recherche-Arbeit steckt in deinem Roman?
Wie bereits angedeutet, haben Zeitzeugenberichte und wissenschaftliche Auseinandersetzungen eine große Rolle gespielt. Ich bin aber auch quer durch Deutschland durch die Archive gereist, um einzelne Informationen, die speziell das Schicksal meines Großvaters betrafen, zu prüfen und zu verifizieren. Teilweise habe ich auch auf Brachgrundstücken gestanden auf denen einmal ein Lager gewesen ist und habe versucht der Atmosphäre des Ortes nachzuspüren. Auch die Psychiatrie in die mein Großvater gebracht wurde, als die Erinnerungen übermächtig wurden, habe ich besucht und dort Akteneinsicht bekommen.

Der heitere Teil der Recherche war dann natürlich die Suche nach „Diamanten Eddie.“ Ich bin viele Male nach Mönchengladbach gefahren, um dort mit Zeitzeugen zu sprechen, die meinen Großvater gekannt haben. Die Geschichten, die ich dort gehört habe, waren oftmals zu verrückt um wahr zu sein, aber sie sind es. Darüber hinaus habe ich Städte besucht, die in der Geschichte ein Rolle spielen: Düsseldorf, Antwerpen, Nizza, die Heimatstadt meines Großvaters in Südostpolen und einige andere.

An welche besonderen Momente deiner Recherche erinnerst du dich?
Ein besonderer Moment war sicherlich der, als ich mehr zufällig als geplant meine Familie in Polen gefunden habe. Ich war nach Zamość gereist, um mir ein Bild von der Stadt zu machen und nur durch diverse verrückte Zufälle bin ich letztendlich vor dem Gartentor der Cousine meines Vaters gelandet. Wir wussten nicht, dass wir noch lebende Verwandte in Polen haben und als ich mich bei Barbara vorgestellt habe, hat sie sofort angefangen zu weinen. Ein wahnsinniger Moment.

Was waren die ersten Gedanken, nachdem dir die Informationen über deinen Großvater vorlagen? Warst du im ersten Moment schockiert?
Schockiert war ich vor allen Dingen von seinen Erlebnissen während der Zwangsarbeit. Die verrückten Geschichten aus der Nachkriegszeit haben mich vor allen Dingen gefreut, denn mir wurde schnell klar, dass er dem Leben alles entrissen hat, was nur möglich war – vom Opfer zum Akteur im eigenen Leben geworden ist.

Die Einbrüche und Diebstähle beschreibst du bis ins kleinste Detail. Wie hast du das geschafft?
Die Einbrüche basieren zum Teil auf den Erzählungen seines Lehrlings, den ich in Mönchengladbach kennengelernt habe. Den Rest habe ich mir angelesen und mithilfe von Filmen gedanklich weiter mit Leben angefüllt. Darüber hinaus habe ich selbst das Öffnen von Schlössern erlernt – eine große Kunst, die viel Geduld und Ruhe erfordert. Das war wichtig für mich, denn ich wollte diese Herausforderung, diesen Moment der Befriedigung, selbst erleben, um ihn authentisch beschreiben zu können.

Inwiefern hat sich dein Bild über deinen Großvater nach deinem Buch verändert?
Es ist schwer zu sagen, in wie weit sich mein eigenes Bild verändert hat, schließlich habe ich das vorliegende Bild selbst gezeichnet. Ganz sicher hat sich das Bild, das sich mein Vater von seinem Vater gemacht hat, verändert. Zum Positiven.

Wie hat deine Familie auf den Roman reagiert?
Anfangs hatte mein Vater sicherlich Bedenken und es war nicht einfach in zum Erzählen, aber vor allen Dingen auch zum Erinnern zu bringen. Dann hat er jede neue Version des Manuskriptes von mir bekommen und sich großartig eingebracht. Deshalb habe ich ihm das Buch gewidmet.

Wirst du weiter schreiben oder dich an deine Promotion setzen?
Ganz sicher werde ich weiter schreiben, die ersten Themen nehmen bereits Form an und es ist ein wunderbares Gefühl zu wissen, was man mit seinem Leben anfangen möchte.

Du engagierst dich auch als Mentorin für junge Mädchen mit Migrationshintergrund bei der Bürgerstiftung Neukölln. Wie sieht deine Arbeit dort aus?
Die Bürgerstiftung hat ein großartiges Projekt ins Leben gerufen. Es heißt Mentorenprojekt und es geht darum „one on one“ mit einem jungen Menschen zu arbeiten, wobei „arbeiten“ eigentlich der falsche Ausdruck ist. Es handelt sich um eine Begegnung auf Augenhöhe, einen Austausch. Ziel des Projektes ist es, jungen Mädchen kurz vor ihrem Schulabschluss eine Idee davon zu vermitteln, was sie mit ihrem Leben anfangen können und vor allen Dingen, was sie von diesem Leben wollen. Ist das Ziel der Wünsche gefunden, findet man gemeinsam heraus, was dafür getan werden muss. Dann leiste ich Hilfestellung bei der Umsetzung. Dies findet in der Regel einmal wöchentlich für zwei Stunden statt, kann aber in intensiven Phasen auch umfassen, dass mein Mentee zum Abendessen kommt, wir bis spät Abends reden, lernen und vom Leben erzählen. Dann übernachtet sie bei mir und am nächsten Morgen schicke ich sie nach einem gemeinsamen Kaffee in die Schule. Man kann sagen: für einige Stunden in der Woche bin ich so etwas wie Mutter oder große Schwester.

Die Klappentexterin dankt Sabine Kray für das Interview und wünscht ihr weiterhin viel Erfolg!

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