[Blogtour] Karen Köhler im Gespräch

Karen Köhler
© Julia Klug

Karen Köhler wurde 1974 in Hamburg geboren. Sie studierte Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater in Bern. Seit 2008 lebt sie wieder in Hamburg, wo sie als Theaterautorin und Illustratorin arbeitet. Die Autorin erhielt verschiedene Preise, unter anderem 2011 den Hamburger Literaturförderpreis. Der Erzählband Wir haben Raketen geangelt ist ihr erstes Buch.

Karens Universum ist so mitreißend, dass wir von We read Indie uns zusammengetan haben, um mit unseren Raketen von Blog zu Blog zu fliegen und euch das eindrucksvolle Debüt aus unterschiedlichen Perspektiven zu zeigen. Dazu haben wir uns etwas Besonderes ausgedacht: Wir haben nicht nur sechs Rezensionen geschrieben, sondern auch je einen Ausschnitt aus der fulminanten Erzählung »il Comandante« veröffentlicht. Nachzulesen ist all das auf SchöneSeiten, Bibliophilin, Klappentexterin, Literaturen, Bücherwurmloch sowie glasperlenspiel13. Den krönenden Abschluss der Raketen-Blogtour bildet nun dieses schöne Interview, das uns die Autorin geschenkt hat.  

***

Zunächst einmal: Ist der Name Karenina – wie er auf deiner Homepage steht – dein Künstlername? Steht hinter ihm eine besondere Bedeutung?

Karenina ist so entstanden: Ein sehr guter Freund nennt mich so. Als ich anfing zu illustrieren, wollte ich das von meinem richtigen Namen erkenntlich trennen. Also ist mein illustratorischer Künstlername »Karenina Illustration«. Ich habe Karenina auf Facebook übernommen, weil es mir gefällt. Mittlerweile nennen mich ein paar Leute Karenina, aber mein richtiger Name ist Karen. Karen Köhler.

Du bist Autorin von Prosatexten und Theaterstücken, Schauspielerin, Performancekünstlerin, Illustratorin. Wie bedingen sich all diese Ausdrucksformen?

Es bedingt sich auch chronologisch. Bei mir dachten alle am Gymnasium, dass ich Freie Kunst studieren würde. Ich habe damals sehr viel experimentiert (und dabei fast die Lungen meiner Mitschüler verätzt, als ich mit einer Zinkplatte und konzentrierter Schwefelsäure mal wieder etwas ausprobieren wollte). Ich suchte. Danach, was ich dieser Welt zu geben hatte, und entschied irgendwann, dass ich der Welt nichts Neues hinzuzufügen hatte, und studierte nicht Kunst und machte nach meinem Einserabitur ein Praktikum in einer Tischlerei.

Durch Zufall lernte ich einen Fotografen kennen und entwickelte rasch Interesse für Fotografie. Ich nutzte Kameras, Filmmaterial, Studio und Dunkelkammer der Fotografen, bei denen ich Assistentin war, und drückte mich künstlerisch über Fotos aus. Das Fotografieren ging schnell, ich hatte sofort ein Bezug zum Ergebnis, aber irgendwann reichte mir das nicht mehr. Ich wollte noch näher ran. Und dann bewarb ich mich um einen Schauspielstudienplatz und wurde eine Personalunion für die Kunst. Ich verschmolz quasi mit dem Endprodukt.

Nach einigen Jahren im Beruf reichte mir dann der Beruf nicht mehr. Ich fühlte mich unterfordert und kündigte mein Festengagement und studierte als Gasthörerin in Hamburg Sanskrit. So bin ich wieder in Hamburg gelandet. Eigentlich wegen Prof. Harunaga Isaacson und Prof. Michael Zimmermann, die mich damals als Gasthörerin aufnahmen. Dann bekam ich keine Stipendien, um das Studium Vollzeit zu betreiben (denn mein Geld verdiente ich nebenbei immer noch als Schauspielerin, was sehr zeitaufwendig war, als Gast an verschiedenen Theatern, in Ulm, Basel, Wien, überall, nur nicht in Hamburg …), und begann mich dann irgendwann wieder über andere Kanäle kreativ auszudrücken.

Ich schrieb ein Kindertheaterstück, weil ein Intendant mich dazu aufgefordert hatte, ich wollte erst nicht, weil ich dachte: Das soll ein Profi machen, ich kann doch nicht schreiben. Aber er ermutigte mich. Und dann konnte ich nicht mehr damit aufhören. Ich schreibe also erst seit 2008. Etwa zur selben Zeit habe ich angefangen zu illustrieren. Die Welt hatte sich seit meinem Abitur technisch weiterentwickelt, ich investierte in Computer und Software und legte los, ohne Ziel. Ich konnte am Computer aber auf einmal viel freier arbeiten als mit Papier. Dann kamen irgendwann die ersten Anfragen von Agenturen. Die bezahlten mir Geld für meine Illustrationen. Ich dachte so: Wie krass ist das denn. Hihi. Naja, und so läuft das heute nebenbei. Ich nehme Illustrationsaufträge an, wenn ich Zeit habe, wenn nicht, dann nicht.

Meinen Lebensunterhalt verdiene ich heute mit Schreiben. Das hat sich ganz langsam so entwickelt, ich bin da reingerutscht. Ich schreibe fürs Nationaltheater Weimar beispielsweise sehr regelmäßig Jugendstücke. Ich habe regelmäßig für ein Theaterfestival gebloggt und wurde dafür bezahlt. Auf die Bühne gehe ich selber nur noch für Inhalte, die mich interessieren, oder wenn ich mit KünstlerInnen zusammenarbeiten kann, die ich schätze. Das hat sich jetzt in Richtung Performance entwickelt, beziehungsweise sage ich Performance dazu.

Du wolltest Kosmonautin werden und hast Fallschirmspringen gelernt. Außerdem magst du Mathe und den Weltraum. Ganz besondere Leidenschaften für eine Autorin, oder? Was fasziniert dich an der Höhe und am Unendlichen? 

Also als Kind wollte ich unbedingt in den Weltraum, seitdem ich im Fernsehen Aufnahmen der Erde aus dem Weltraum gesehen hatte. Das hat meine Perspektive, mein ganzes Weltbild verändert. Afrika oben, Europa auf dem Kopf. Das hat mich wahnsinnig fasziniert. Auch die Frage nach Unendlichkeit. Was ist das? Was kommt hinter den Sternen? Da muss doch irgendwann irgendwo Ende sein. Ich hatte als Kind eine Idee, dass wir mit unserem Universum nur eine kleine Erbse oder sowas in einer viel größeren Welt sind. Wir wissen heute ja auch immer noch viel mehr über den Mikro- als über den Makrobereich.

Na ja, irgendwann zerplatzte der Kosmonautin-Traum an meinen Amalgamfüllungen, und als ich durch Zufall mit Fallschirmspringen in Kontakt kam (ich lebte in San Francisco in einer WG und ein Mitbewohner machte »skydiving«, Oh, Himmeltauchen, wie cool, dachte ich und ging mit), fühlte ich mich schon bei meinem ersten Sprung, einem Tandemsprung, so frei und gut, dass ich das lernen wollte. Und dann machte ich so einen Führerschein, eine Lizenz zum Springen, und diese Zeit im Himmel, das war eine Zeit lang ein echter Trost. Denn ich glaube, ich litt an der Welt, seitdem ich ein Kind war. Ich musste irgendwann aufhören, nachdem ich Probleme mit den Ohren bekam. Ich glaube, ich habe jetzt eine echt beschissene CO2-Bilanz.

Mathe. Hm. Zahlen sind ja auch ein Anker in der Welt. Sie sind so konkret und bieten irgendwie Halt. Gleichzeitig, wenn man sich mehr mit Mathematik beschäftigt und in die Abstraktion hineingerät, dann wird es philosophisch. Das fängt ja schon mit den negativen Zahlen an. Minus eins? Was? Wie kann etwas kleiner als null sein,wenn doch null bedeutet, dass nichts mehr da ist. Das muss man als Kind erst mal zulassen können, wenn man sich damit im Unterricht konfrontiert sieht.

Am Unendlichen fasziniert mich, dass sich Parallelen darin schneiden können. An der Höhe fasziniert mich der Überblick, die Perspektive, die Schönheit des Planeten, der Abstand zum Banalen.

Warum hast du für dein Prosadebüt die Form der Kurzgeschichtensammlung gewählt? Inwiefern war diese Form dringlich für dich, inwiefern lassen sich Dinge damit anders erzählen als beispielsweise mit einem Roman?

Literatur braucht so wahnsinnig viel Zeit. Wenn man nicht viel Zeit am Stück für die Arbeit an einem Text zur Verfügung hat, und ich rede von Monaten und Jahren, dann bietet eine Kurzgeschichte eine Form, die für mich handhabbar ist. Ich schreibe ja nur aus dem Bauch heraus. Ich habe das nicht gelernt an einem Institut. Ich bin instinktgetrieben und alles, was ich an Dramaturgie besitze, habe ich vom Schauspielberuf geklaut und von dem, was ich selber gelesen habe.

Ich mag an der kurzen Form auch, dass man auf sehr kleinem Raum ein Universum erzählen kann. Man springt hinein in eine Welt. Wenn ich meine Texte jetzt lese, dann denke ich, dass ich noch mehr hätte weglassen können. Kurzgeschichten bieten ja auch sprachliche Freiheiten, die man im Roman gar nicht durchziehen könnte, weil das dann niemand mehr lesen wollen würde. Ich mag die kurze Form sehr. Und ich weiß auch nicht, ob ich schon den Atem für einen längeren Text habe. Das wird sich zeigen. Das muss man üben. Üben. Üben.

Welche Erzählung in Wir haben Raketen geangelt war als Erste da?

Das ganze Manuskript war ja dem Prozess des Weglassens und Hinzufügens unterworfen, bis es seine heutige Form angenommen hatte. Das fing an mit einer Datei, die ich meiner Agentur schickte. Dann flogen ein paar Texte wieder raus. Ich schrieb innerhalb von anderthalb Jahren 5 neue. Später sind im Lektorat bei Hanser davon noch mal zwei Texte rausgeflogen. Und ich schrieb wieder einen neuen. Diese beiden Texte waren die »ältesten«, aber sie sind nicht deswegen rausgeflogen. Sie passten nicht mehr zum Ganzen. Der eine war zu kurz, der andere erzählte auf einmal als einziger aus einer männlichen Perspektive … Jetzt ist der älteste Text »Wir haben Raketen geangelt«. Ich habe ihn 2011 geschrieben.

In deinen Geschichten werden sehr ernste Themen mit einer ganz besonderen Leichtigkeit beschrieben. Dir gelingt es, weder verharmlosend noch pathetisch zu sein. Ist dir diese Art des Umgangs wichtig?

Danke für das Kompliment.

Hm.

Ich versuche herauszufinden, wie ich die Widrigkeit des Lebens, welches mich umgibt, einfangen kann, ohne in diese Fallen zu tappen. Wenn man Augen und Ohren offen hat, dann begegnet einem unter der Oberfläche von Lebensentwürfen ja immer irgendwo ein Schmerzpunkt. Ich las 2008 in den Nachrichten von einem Mann, der sich auf dem Hochsitz zu Tode gehungert und den Sterbeprozess in einem Tagebuch dokumentiert hat. Ich fragte mich, was steht da drin in dem Tagebuch. Ich speicherte die Nachrichtenmeldung in meinem Computer ab.

Dann suchte ich 2012 nach einer Idee für ein Projekt mit Sandra Hüller. Wir wollten ihre Musik (sie macht nämlich sehr schöne, feine Lieder) mit Literatur von mir kombinieren. Ich wollte einen Text schreiben, der durchlässig genug wäre, um von ihren Liedern durchwoben zu werden. So kam ich auf die Tagebuchform. Zack, erinnerte ich mich an die Nachricht vom Hochsitzsuizid. Und so wurde daraus »Wild ist scheu«. Es ist also eine Lebensrealität, die mich umgibt, die irgendwie durch meine Phantasie zur Literatur geworden ist.

Die Gefahr, bei solchen Themen in die Fallen der Pathetik oder des Kitsches zu geraten, ist groß. Vielleicht schaffe ich auch nicht immer, sie zu umschiffen, aber ich versuche es. Ich versuche irgendwie, dieses Monster: Leben zu bändigen. Ich nehme es ernst, nehme die Figuren ernst, ich urteile nicht über sie, ich bin empathisch, ich führe sie, auch wenn sie Entscheidungen treffen, wie die, sich zu Tode zu hungern. Ich könnte nicht über das WG-Leben schreiben. Das müssen andere machen. Ich ringe mit Tod, Krankheit, Schmerz und Liebe.

Deine Storys bestehen aus Tagebucheinträgen, Briefen und Postkarten, durchnummerierten Miniaturen und vielem mehr. Was reizt dich an den verschiedenen Formaten? Inwiefern ist die Vielfalt wichtig, um das zu erzählen, was du zu erzählen hast?

Ich habe Lust, Formen auszuprobieren. Manchmal weiß ich einfach, dass es so und nicht anders sein muss. Manchmal ist es ein Ringen um die Form. Wie kriege ich das erzählt, was ich erzählen will? »Polarkreis« beispielsweise: Ich stellte mir die Frage, ob eine Ehe zwischen zwei Menschen überhaupt noch eine zeitgemäße Form ist. Ich meine, fast jede zweite Ehe wird geschieden. Die Versprechen bis in den Tod gelten auf einmal nur noch auf Zeit. Und dann dazu das ganze Programm mit Verlobung und Ringen und Trauung. Das sind irgendwie ja vollkommen überholte Rituale, da hinkt die Gesellschaft sich selbst hinterher. Warum können zum Beispiel nicht drei Leute miteinander heiraten oder fünf? Auf eine Art, die sie für richtig halten mit – keine Ahnung – einem Ritual und einem Versprechen, was für sie gut ist. Ich fragte mich, wie verhält man sich also, wenn man heute einen traditionellen Heiratsantrag bekommt und damit eigentlich nichts anfangen kann? Ich habe die Protagonistin in »Polarkreis« vor der Antwort weglaufen lassen. Ich wollte irgendwie, dass sie alles verliert außer ihrer Liebe. Und dann kam die Idee, das über Postkarten und Briefe zu erzählen. Eine Einbahnstraßenkommunikation. 

Du hast den Umschlag selbst entworfen. War das eine Bedingung deinerseits oder ist der Verlag auf dich zugekommen? Die Umschlaggestaltung ist wie deine Erzählungen selbst unkonventionell. Wie hast du dich inspirieren lassen?

Oh, das war so, dass Hanser sehr schnell ein Angebot an meine Agentur gemacht hatte, weil sie das Manuskript gerne in ihrem Programm wollten. In dem Angebot war schon enthalten, dass sie mir den Vorschlag gemacht haben, mein eigenes Cover zu gestalten. Ich hätte das von mir aus nie gefragt oder gewollt, das hätte ich mich gar nicht getraut. Aber es gab vom Verlag ein sehr großes Vertrauen in mich. Und genauso schnell, wie Hanser sich für mein Manuskript entschieden hat, habe ich mich auch für Hanser entschieden. Ich bin sehr, sehr froh, wie das gelaufen ist. Ich habe eine tolle Agentur, ich bin bei Graf & Graf, und einen tollen Verlag. Wie die während der Bachmannpreis-Windpocken-Krise zu mir standen, hat mich sehr berührt. Auch die Zusammenarbeit mit der Herstellungsabteilung war sehr schön. Wir haben sehr viel Liebe ins Buch gelegt.

Mit dem Cover ging es so, dass ich zunächst für eine verlagsinterne Sitzung ein paar Entwürfe gemacht habe, immer noch mit der Option, wenn’s ihnen nicht gefällt, können die sich jederzeit einschalten. Dann waren die Herstellung und die Verlagsleitung aber gleich von einem Entwurf begeistert, der schon mit den Tieren und dem gefalteten Umschlag experimentierte. Aus jedem Text habe ich ein Tier genommen, das entweder real oder als Metapher in der Erzählung auftaucht. Also neun Texte = neun Tiere. Die habe ich nach Größe geordnet und ins Buch gehen lassen. Die Texte ordnen sich im Erzählband inhaltlich so, dass sie sich von der Stadt und der Zivilisation in die Wildnis bewegen. Von der onkologischen Station eines Krankenhauses hin zur sibirischen Wildnis. Untereinander sind sie durch kleine Querverweise verbunden. Sie sind ein Schwarm.

Den Stadt-Wildnis-Verlauf habe ich im Cover auch wieder aufgegriffen. Im umklappbaren Teil. Ursprünglich wollte ich den Titel ausstanzen lassen, das ging dann aber nicht, weil die Druckerei meinte, es könnte problematisch werden. Ich verwarf die Idee und überlegte eine neue Titel/Schriftgestaltung. So kam ich zum Handlettering und machte meine eigene Schrift. Ich wollte die Kosten niedrig halten und hatte mich für einen 2-Farben-Druck entschieden (ein Pantone-Türkis und ein HKN-Rot in verschiedenen Abstufungen), aus dem dann aber doch noch ein 3-Farben-Druck (es kam noch Schwarz dazu) wurde, weil der Verlag gerne eine Autorenfoto auf der Klappe wollte, ich nicht, es war ein Kompromiss. Insgesamt durfte ich sehr viel bestimmen: welches Papier, welche Druckfarbe im Innenteil, welches Lesebändchen, Vorsatzpapier bedrucken lassen, innen mit Vignetten arbeiten. So ist das Buch sehr besonders geworden und ich habe wirklich das Gefühl, es zu etwas sehr Eigenem gemacht zu haben. Es war eine tolle Zusammenarbeit. 

In deiner Erzählung »Familienportraits« wünscht sich deine Protagonistin »Dinge, die ich noch erleben will: (…) Krieg und Frieden lesen. Gegen die Welt. Vor dem Fest«. Sind das auch die Bücher, die du gelesen hast, die du schätzt? Was für Bücher liest du, welche Autoren? Welches Buch würdest du empfehlen?

Klar sind das Referenzen. Bei Krieg und Frieden hatte ich zwei Versuche und bin bisher noch nicht durchgekommen. Das habe ich mir aber fest vorgenommen. Ich will das noch lesen. Wirklich, wirklich, wirklich. (Ich hatte so eine Phase, da habe ich mir russische Autoren vorgeknüpft: Dostojewski, Tolstoi, Bulgakow, Charms … Anna Karenina von Tolstoi habe ich geschafft, aber Krieg und Frieden nicht. Ich hatte angefangen und dann kam was dazwischen und dann war ich raus. Zwei Mal.)

Jan Brandts Gegen die Welt habe ich sehr gerne gelesen. Ich finde sogar, er ist ein Dostojewski unserer Zeit. Und Saša Stanišić halte ich einfach für einen herausragenden Autor. Punkt. Er schreibt wahnsinnig gut. Ich habe von ihm beide Bücher gelesen. Beide haben mir wirklich sehr gut gefallen. Ich könnte mich jetzt sätze-, ach was, seitenweise in Lob ergießen. Mach ich aber nicht. Ich mag, was er mit Sprache anstellt. Seinen Humor. Ich mag mich seinen Texten gerne als Leserin anvertrauen.

Wen mag ich noch? Hm. Benjamin Maacks Erzählungen. Agota Kristof verehre ich. Ich mochte auch Glavinics Das größere Wunder. David Mitchell. Ich habe jetzt im Urlaub gerade Zehnter Dezember von George Saunders gelesen, die Erzählungen fand ich auch wahnsinnig gut. Ich will mehr Frauen lesen. Ich freue mich auf Nino Haratschwilis neues Buch. Auf das von Lucy Fricke. Verena Güntners Es bringen. Das neue Buch von Olga Grjasnowa. Ich möchte endlich lesen: Zadie Smith. Chimamanda Ngozi. Aaargh … Es sind immer so viele Bücher. Und dann kommen immer schon wieder neue …

Du hast sowohl unser Logo als auch das des Indiebookday illustriert. Warum ist es dir wichtig, dich für diese Initiativen zu engagieren?

Als Daniel Beskos mir von der Indiebookday-Idee erzählte und mich fragte, ob ich ihm ein Logo machen könnte, war ich sofort begeistert. So schnell konnte ich gar nicht gucken, wie er meine ersten Krakel-Entwürfe gleich genommen und hochgeladen hatte, und schwupp ging das Indiebookday-Logo auf Reise im Netz. Ich mag auch die Idee, dass das freier Content ist: Alle können sich das Logo nehmen und damit wieder was machen. Ich beherzige das Motto von diesem Jahr: Stay Unkraut. Das möchte ich mir immer bewahren.

Ich schätze Independent-Verlage wie mairisch, Verbrecher, Voland & Quist, binooki usw., weil sie sich sehr sorgfältig um ihr Programm kümmern. Das ist ja nicht nur Nische, das ist auch Qualitätsverlegerei. Wenn ich sehe, mit wie viel Liebe sich da um die Titel gekümmert wird, dann geht mir das Herz auf. Das ist toll. Auch wenn man sich zum Beispiel Schöffling & Co. anschaut, das ist ja ein großer Indieverlag: Das haben die aus eigener Kraft geschafft, da steckt kein Random-House-Kapital oder keine Bonnier-Gruppe dahinter. Die Indies stehen alle irgendwie da mit geradem Haupt und gereckter Faust. Das gefällt mir.

Na ja, und als ihr mich gefragt habt, war natürlich auch sofort klar: Das muss unterstützt werden, logisch.

(Nachtrag – off the Dingens: Ich wollte eigentlich auch immer zu einem kleinen Verlag. Hat sich jetzt anders ergeben. Ich suchte einen Verlag, der einen Weg mit mir geht. Der mich begleitet und zu mir hält. Eine literarische Heimat. Ein Rudel. Ich dachte immer: Bei einem großen Verlag ist alles sehr unpersönlich und man ist so eine saisonale Nummer, dann kommt schon wieder das nächste Profitmaximierungsprojekt. Das war ein Vorurteil, das ich gegen große Verlage hatte. Es sind nicht alle so böse.)

Ist schon ein neues Schreibprojekt in Planung? Falls ja, magst du uns ein bisschen darüber verraten?

Es gibt für die nächsten zwei Spielzeiten Schreibaufträge für Jugendtheaterstücke von verschiedenen Theatern, die bereits ausgemacht sind. Ich mache immer nur eine Stückentwicklung pro Jahr, ich könnte mehr machen, will aber noch genug Zeit für Prosa haben. Alle Prosaprojekte, die ich angefangen hatte, habe ich jetzt verworfen. Sie erscheinen mir nicht mehr gut genug. Ich bin ja noch im Anfang, ich finde ja erst noch meine Stimme. Was sind meine Themen? Interessiert das jemanden? Lohnt es sich, dass dafür Bäume gefällt werden?

Ich bin gerade sehr streng mit mir. Ich frage mich: Was muss von mir erzählt werden und wie muss es erzählt werden? Ich möchte mich nämlich gerne an einen längeren Text wagen. Und es gibt da eine Ahnung von etwas, das ist alles noch die unteren sechs Siebtel vom Eisberg. Aber es ist da, eine Idee, eine Ahnung, ein Ding, ein Etwas, eine Geschichte, die erzählt werden will.

Sehr vage alles, ich weiß. Ich brauche Zeit. Immer diese Zeit …

***

Vielen Dank für das Gespräch, liebe Karen, und alles Gute für dich und dein Buch!

 

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2 Antworten auf “[Blogtour] Karen Köhler im Gespräch”

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