Carl Nixon: Settlers Creek – die Hotlist 2014

»… und er spürt, wie seine Welt erzittert und ins Rutschen gerät«

nixon_2Anstelle eines klassischen Titelblattes eröffnen fünf doppelseitige Fotos von Lisa Bach das Buch; an ihren oberen Rändern sind die üblichen Angaben – Autor, Titel, Übersetzer und Verlag – und zum Schluss die Widmung vermerkt. Dass der Weidle Verlag großen Wert auf die Ausstattung seiner Bücher legt, darauf, dass jede Geschichte in ein angemessenes Gewand gekleidet wird, ist an Details wie diesen zu erkennen. Noch bevor man das erste Wort gelesen hat, ist man schon drin in der Romanwelt: Im Fall von Carl Nixons Settlers Creek sind es die Küsten- und Gebirgslandschaften Neuseelands, mal friedlich wie auf den erwähnten Bildern im Innern des Buches, mal unheilvoll wie auf Stephanie Nixons Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die Umschlag und Einband zieren.

Beide haben ihre Berechtigung, denn Settlers Creek handelt zwar von Schmerz und Wut, ist jedoch keinesfalls rau, sondern zart und poetisch. Nixon nimmt sich viel Zeit, um seine Geschichte zu erzählen, in der Presse wurde er hierfür mitunter kritisiert. Doch genau in dieser Ruhe liegt die Stärke des Romans; was geschieht, entfaltet durch sie eine umso größere Intensität. Dabei ist das, was geschieht, nicht viel: Am Anfang begeht ein neunzehnjähriger Junge Selbstmord – es ist der Sohn des Protagonisten Box Saxton. Einst war Box ein erfolgreicher Unternehmer, doch die Finanzkrise nahm ihm fast alles, das luxuriöse Haus mit Meerblick, den BMW, das Geld für die Privatschule der Kinder. Nun ist er ein einfacher Bauarbeiter und lebt unter der Woche dort, wo es gerade Arbeit gibt.

An einem dieser Orte, Stunden von der Familie entfernt, ist er, als er die Nachricht vom Tod seines Sohnes Mark erhält. »Er hat so geparkt, daß ihn der Wind von der Seite trifft; eine starke Bö schüttelt den ganzen Wagen. Box sitzt in der Fahrerkabine und spürt, wie seine Welt erzittert und ins Rutschen gerät.« Auf den folgenden zweihundert Seiten begleiten wir Box in seinem altersschwachen Pick-up zum Flughafen und von dort nach Christchurch, wo die Familie lebt; sind dabei, wenn er seiner Frau Liz und seiner Tochter Heather Trost spendet, während er selbst im Stillen leidet; sind dabei, wenn er mit dem Bestatter redet und wenn er nach Governors Bay fährt, jene ländliche Gegend im Süden von Christchurch, wo er aufgewachsen ist und wo Mark nun beerdigt werden soll.

Tempo nimmt die Geschichte erst im letzten Drittel auf, als Marks leiblicher Vater Tipene auftaucht: Dieser ist Maori und will den Jungen auf dem Friedhof seiner Ahnen im nördlich gelegenen Kaikoura bestatten lassen. Box zeigt sich verständnislos – nicht gegenüber der Tradition, sondern gegenüber diesem Mann, der sich all die Jahre nicht um seinen Sohn geschert hat und nun Mitspracherecht fordert. Ein Gespräch lässt er gar nicht erst zu, und so nimmt Tipene den Leichnam kurzerhand mit sich. Es ist für Box der Beginn einer Odyssee, die ihn an den Rand seiner Kräfte – und an den Rand des Gesetzes – bringt: Abzuwarten, bis die träge Staatsgewalt eingreift, kommt für ihn nicht infrage, stattdessen bricht er ebenfalls nach Kaikoura auf, um die Sache auf eigene Faust zu regeln.

Ein Jahrhunderte währender Konflikt wird in dieser Geschichte verhandelt, das Aufeinanderprallen zweier Kulturen, zweier Traditionen, zweier Rechtsauffassungen, ein Konflikt, in dem es kein Richtig und kein Falsch gibt. Und doch ist Settlers Creek kein politischer Roman, nicht in erster Linie zumindest. Im Vordergrund steht das persönliche Drama eines Mannes, der vieles verloren hat in seinem Leben, ohne jedoch daran zu zerbrechen – bis zu diesem letzten Verlust, der ihm den Boden unter den Füßen wegzieht. Von der Trauer und der Wut seines Helden erzählt Carl Nixon (ins Deutsche übertragen vom Verleger Stefan Weidle) mit einer stoischen Ruhe und einer unaufgeregten, klaren Sprache, die umso mehr aufwühlen. Immer wieder hat man zu schlucken bei der Lektüre.

Sie drängten sich im Niemandsland des Flures zusammen. Box’ Augen blieben irgendwie trocken. Liz und Heather schluchzten, schnappten nach Luft durch Tränen und Rotz und Schleim; Ausscheidungen des Schmerzes, die sich in Box’ Sweatshirt ergossen.
So also ist das jetzt, dachte er. Das ist es, was übrigbleibt, das hier in meinen Armen. Box kam sich vor wie ein Überlebender eines verheerenden Erdbebens. Es war ihm nur das geblieben, was er festhalten konnte.

Von einer leisen Schönheit sind vor allem jene Passagen, die nach Governors Bay führen. Zweimal kehrt Box im Laufe der Geschichte an den Ort seiner Kindheit zurück, einen Hof, der inzwischen dem Verfall preisgegeben ist; noch häufiger kehrt er in seiner Erinnerung dorthin zurück, zeichnet zarte Bilder seiner Großeltern. Jenseits der politischen Dimension ist die Familie – das Glück, das sie bedeutet; das Leid, wenn sie auseinanderbricht – das zentrale Motiv von Settlers Creek: Box Saxton kämpft für sie, er tut alles, um sie beisammenzuhalten und zu beschützen. Ihm dabei zu folgen und zu sehen, wie er droht, selbst kaputtzugehen, das ist manchmal beklemmend, manchmal fesselnd, in jedem Fall aber bewegend. Eine Lektüreerfahrung, die bleibt.

Nixon - Settlers Creek (4)

Carl Nixon: Settlers Creek. Aus dem Englischen von Stefan Weidle. Weidle Verlag 2014, 344 Seiten, 23,00 €.

Die Rezension ist parallel auf SchöneSeiten erschienen.

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Bisherige Rezensionen zur Hotlist 2014:
» Sarah Schmidt: Eine Tonne für Frau Scholz (Verbrecher Verlag)
» Emrah Serbes: junge verlierer (binooki)
» Lili Grün: Mädchenhimmel! (AvivA Verlag)
» Andri Pol: Menschen am CERN (Lars Müller Publishing)
» Günter Saalmann: Fiedlerin auf dem Dach (Eichenspinner Verlag)
» Emma Donoghue: Zarte Landung (Krug & Schadenberg)

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2 Antworten auf “Carl Nixon: Settlers Creek – die Hotlist 2014”

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