Lydia Davis: Kanns nicht und wills nicht – die Hotlist 2014

Ich habe einfach kein Interesse daran, dieses Buch zu lesen. Ich hatte auch kein Interesse daran, dasLydia Davis Kanns nicht und wills nicht letzte, das ich zu lesen versuchte, zu lesen. Ich habe immer weniger Interesse daran, eines der Bücher zu lesen, die mir gehören, obwohl sie vermutlich einigermaßen gut sind.

Was ist das für ein Buch, das bisher so gänzlich übersehen und -hört wurde, geht es nur mir so? Oder kennen Sie Lydia Davis: Man Booker International Prize 2013, eine der originellsten Köpfe der amerikanischen Literatur (The New Yorker), Übersetzerin von Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit und Flauberts Madame Bovary ins Englische, never heard of. Für solche Entdeckungen gibt es zum Glück die Hotlist, auf der in diesem Jahr Kanns nicht und wills nicht von eben dieser Dame stand. Ich habe immer Interesse daran Bücher zu lesen, die vermutlich einigermaßen gut sind. Lydia Davis aber ist etwas ganz besonderes.

In Ich fühle mich ziemlich wohl, könnte mich aber ein wenig wohler fühlen führt Davis dem erst etwas verwirrten Leser und Erste-Welt-Menschen vor Augen, auf welch hohem Niveau er jammert. Der einfache Trick der Autorin mit großen Absätzen zwischen Wehklagen wie “Ich bin müde.” oder “Dieses Pesto lässt sich nicht gut vermengen.” lässt diese sacken, macht die Nichtigkeiten unserer Malaisen fast körperlich spürbar, wenn man sich nach fünf Seiten Kinderkram bewusst wird, wie gut es einem geht. Genervt blickt man von der Lektüre auf und schämt sich dann ein bisschen in sich hinein.

Lydia Davis spielt mit Alltagsbeobachtungen und -gefühlen. Schätzt das Alter der Leute, die im Zug an ihr vorbeigehen und wundert sich, sie transkribiert ihre Träume, schreibt Briefe Flauberts um und schmilzt manchmal eine Szene, eine kleine Geschichte in einen Satz ein. Dann schreibt sie humorvolle Briefe an einen Tiefkühlerbsenproduzenten oder erkundigt sich nach Preisen für Pfefferminzbonbons. Selbstverständlich finden sich in einer Sammlung von knapp 100 Geschichen auf 300 Seiten auch solche, die nicht zünden wollen. Die Methode Davis’ ihre Erzählungen zum Teil auf die kleinste noch mitteilbare Form zu verkürzen, birgt vielmehr die Gefahr den Leser nicht zu erreichen, als eine detaillierte, doch die meisten Kurz- und Kürzestgeschichten funktionieren so gut, sind so harmonisch konstruiert, dass man begeistert immer mehr dieser Fetzen haben möchte.

Eine in Gedichtform gesetzte Spammail – oder soll es gar ein Liebesgedicht sein? – die Verzweiflung auf der Suche nach einem Buch, das die Lektüre wert ist (siehe oben und unten) oder die Reflexion über den Sinn des Schreibens. Nach mancher halben Seite fragte ich mich, wozu ich noch Romane lese, wenn diese Frau es schafft mit fünf Sätzen Welten zu entwerfen, Situationen zu schaffen und mich gleichzeitig zum Nachdenken bringen zu können. Aber man soll nicht so oft Genie sagen!

Die Bücher, von denen ich rede, sind angeblich einigermaßen gut, aber sie interessieren mich einfach nicht. In Wahrheit mögen sie um einiges besser sein als bestimmte andere Bücher, die mir gehören, aber manchmal interessieren mich die Bücher, die nicht so gut sind, mehr.

Dieses Buch ist großartig, bitte interessieren Sie sich dafür! Auch wenn sich der (zugegeben schwer zu übersetzende Originaltitel) nicht 1:1 ins Deutsche übertragen lässt und etwas an Zauber einbüßt: interessieren Sie sich nicht nur, lesen Sie Cant’t and won’t/Kanns nicht und wills nicht von Lyria Davis!

Lydia Davis: Kanns nicht und wills nicht. Aus dem Amerikanischen von Klaus Hoffer. Droschl 2014, 300 Seiten, 23,00 €.

Herzlichen Dank an Tilman für diesen Gastbeitrag! Die Rezension ist parallel auf 54books erschienen.

hotlist_logoBisherige Rezensionen zur Hotlist 2014:
» Sarah Schmidt: Eine Tonne für Frau Scholz (Verbrecher Verlag)
» Emrah Serbes: junge verlierer (binooki)
» Lili Grün: Mädchenhimmel! (AvivA Verlag)
» Andri Pol: Menschen am CERN (Lars Müller Publishing)
» Günter Saalmann: Fiedlerin auf dem Dach (Eichenspinner Verlag)
» Emma Donoghue: Zarte Landung (Krug & Schadenberg)
» Carl Nixon: Settlers Creek (Weidle Verlag)
» Mawil: Kinderland (REPRODUKT)

 

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  1. Ich finde Lydia Davis ganz großartig. Ihre Sammlung der Kurzgeschichten ist ein Lesebuch im wahrsten Sinne des Wortes: man kann immer wieder darin blättern und findet Neues und Überraschendes. Wie z.B. der kurze Text zum Thema Geld („Money“, ich habe „nur“ die englische Ausgabe „The Collected Stories“). Davis beschreibt, was sie alles nicht will. Sie will nicht mehr Freunde, mehr Geschenke, mehr Lob und Ehr, usw. Sie will einfach nur mehr Geld. Das ist so schlicht und ehrlich auf den Punkt gebracht, das hat mich sehr beeindruckt.

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