James Hanley: Fearon – die Hotlist 2014

hanley_fearonDas Leben in den Elendsvierteln, harte Arbeit in den Docks, auch für Kinder, die als zusätzliche Ernährer statt in die Schule zu gehen, ihre Familie über Wasser halten müssen. Themen, die in James Hanleys 1931 erschienenen Roman ,Fearon‘ (im Original „Boy“) intensiv beschrieben werden. Dreck, Armut und doch dieser Hauch Hoffnung, man könne es irgendwann zu etwas bringen sind Triebfedern einer verstörenden Geschichte ohne Happy End.

James Hanley hat selbst einiges dazu beigetragen, seine Spuren zu verwischen. Er ist ein Autor, über den man damals wenig wusste, heute aber noch viel weniger. 1937 erschien seine Autobiographie namens ,Broken Water‘, zu der man Hanley mehr überreden musste als dass er freiwillig Auskunft über sich gab. Sie ist gespickt mit allerlei Fehlinformationen über Geburt und Herkunft. Begonnen damit, dass Hanley nicht 1901 in Dublin, sondern bereits 1897 in Liverpool geboren wurde. Diese Herkunft weist eine entscheidende Parallele zum Protag0nisten seines wohl seinerzeit bekanntesten und zu Unrecht skandalisierten Romans ,Boy‘ auf. Auch Arthur Fearon wächst in den Armenvierteln Liverpools auf. Kurz vor seinem dreizehnten Geburtstag entscheiden seine Eltern, dass er die Schule verlassen muss, um im Hafen zu arbeiten und Geld zu verdienen. Arthur Fearon ist keineswegs erleichtert darüber, der Schulbank endlich den Rücken kehren zu können, viel lieber würde er dort bleiben. Er will gern Drogist werden, sagt er. Von den Erwachsenen erntet er ein müdes Lächeln, von seinem jähzornigen Vater Schläge und Missachtung.

Die Jungen dachten an Fearon und seinen bevorstehenden Abgang. Wenn sie ihn ansahen, schienen ihre Augen zu sagen: ‚So so! Was für eine Überraschung. Gehst weg, ehe du vierzehn bist. Euch muss es ja wirklich schlimm gehen. Ist deine Mutter so arm, dass sie dich hier wegholen muss? Hm?‘

Es ist zu dieser Zeit keine Seltenheit, frühzeitig die Schule zu verlassen zu müssen, selbst die Lehrer finden sich mit diesem traurigen Umstand ab, den sie nicht beeinflussen können. Auch James Hanley selbst verließ mit dreizehn die Schule, ob freiwillig oder unfreiwillig, ist nicht genau überliefert. Arthur Fearon jedenfalls, der im ganzen Roman kaum ein einziges Mal beim Vornamen genannt wird, beugt sich dem Willen seiner Eltern und arbeitet im Hafen. Er muss die Bilge von Booten lenzen – was bedeutet, abgestandenes und dreckiges Wasser aus dem tiefsten Teil der Boote zu schöpfen -, Heizkessel von Verkrustungen befreien, Nieten anbringen. Harte Arbeit für einen gerade Dreizehnjährigen, der zusätzlich die Schikanen seines Vaters und der anderen Jungen ertragen muss, die ihn als schlapp und mädchenhaft verlachen. Arthur Fearon beschließt, von zuhause wegzulaufen und als blinder Passagier auf einem Schiff anzuheuern. James Hanley wird 1915 Matrose der Handelsmarine.

Er musste sich vor den vielen Formen des Todes hüten, vor der Entdeckung – und damit lud er Hunger und Angst ein, ständige Dunkelheit und Entsetzen, seine Gefährten zu sein. Er wusste, wenn er entdeckt würde, würde man ihn verhaften und im ersten Hafen an Land setzen.

Auf See folgt eine unsägliche Serie an Demütigungen für den Jungen. Oft mit der fadenscheinigen Begründung, dass er „nur ein Junge“ sei. Oder, dass „die Jungen“ heutzutage eine Plage wären, undankbare und unbrauchbare Geschöpfe. Vielfach wünscht sich Arthur Fearon, er wäre bereits als Mann geboren worden und müsste sich nicht in jenem ominösen Zwischenstadium befinden, in dem er Spielball und willfähriger Erfüllungsgehilfe anderer Leute Sehnsüchte und Frustrationen ist.

Logo Hotlist 2014.1091612.png.1091620,Boy‘ verursachte zur damaligen Zeit einen handfesten Skandal, viele Ausgaben wurden rigoros vernichtet, der vermeintlichen Obszönität wegen, die dieser Roman an seine Leser heranträgt. Und ja, er enthält Sexszenen in einschlägigen Etablissements im Hafen von Alexandria. Vielfach jedoch auch Szenen dessen, was wir heute als Kindesmissbrauch bezeichnen würden, dort aber schlicht „Belästigung“ genannt wird. Ich habe selten einen Roman gelesen, der von Beginn bis Ende derart hoffnungslos ist (ohne das so negativ zu meinen wie es klingt). Seine Sprache ist spröde, direkt und schnörkellos. James Hanley schrieb ihn innerhalb von zehn Tagen. Jedes kurze Aufflackern von Hoffnung wird sofort im Keim erstickt, der Junge hat keine Chance, seinem Leben zu entkommen. Es gab Gerüchte, dass Hanley während seiner Zeit als Matrose auf einen Jungen getroffen sei, der der Figur des Arthur Fearon ziemlich genau entsprochen hätte. Ob das stimmt oder nicht, kann heute niemand mehr mit Gewissheit sagen. Doch man darf wohl festhalten, dass Hanleys „Fearon“ ein authentisches und erschütterndes Bildnis dieser Zeit ist, das dank dem Arco Verlag auch heute wieder und erstmalig auf Deutsch gelesen werden kann. Es stand in diesem Jahr auf der HOTLIST, der Liste der besten Bücher aus unabhängigen Verlagen.

James Hanley: Fearon, aus dem Englischen von Joachim Kalka, Arco Verlag, 268 Seiten, 9783938375600, 24,00 €

Diese Rezension ist parallel auf Literaturen erschienen.

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