Im Gespräch mit Steven Uhly

L1003875 (3)© Secession Verlag

Steven Uhly, geboren 1964 in Köln, ist Übersetzer und Autor von bisher vier Romanen, die im Secession Verlag für Literatur in Zürich erschienen sind. Seinen ersten beiden Romanen Mein Leben in Aspik (2010) und Adams Fuge (2011) folgte Glückskind (2012). Darin wird die Geschichte eines verwahrlosten Mannes erzählt, der ein Kind findet und daraufhin beginnt, sein Leben zu ändern. Der Roman wurde verfilmt unter Regie von Michael Verhoeven.

Uhly überrascht seine Leser mit jedem neuen Roman, der in nichts seinem Vorgänger gleicht. In Königreich der Dämmerung (2014) breitet er ein imposantes Panorama des Europa nach dem Ende des 2. Weltkrieges aus. Großartige Charaktere, eine spannend erzählte und gut recherchierte Story  machen den Roman zu einem unvergesslichen Leseerlebnis. Wir wollten mehr über die Hintergründe des Romans wissen.



masuko13: Ihrem Roman ist sicher eine intensive Recherche vorangegangen. Uns interessiert sehr, wie lange Sie an „Königreich der Dämmerung“ gearbeitet haben.

Steven Uhly: Die ersten 100 Seiten entstanden 2004, als ich noch Dozent für Literaturwissenschaft in Brasilien war. Damals hatte ich nicht die Möglichkeiten, den Stoff weiter zu schreiben, also ließ ich ihn liegen und vergaß ihn. Ende 2012 fand ich das Manuskript in meinem Computer und schrieb weiter. Anfang April 2014 war das Buch fertig. Dabei muss man sich vorstellen, dass Recherche und Schreiben immer parallel abliefen, auch wenn es manchmal Schreibpausen gab, weil ich mir erst einen Überblick verschaffen musste.

Wird Sie das Thema Displaced Persons/Auswanderung nach Israel auch weiterhin bewegen? Entsteht möglicherweise aus dem recherchierten Material eine neue Geschichte?
Ja, tatsächlich gibt es ein Folgeprojekt, aber es ist nicht fiktionaler Art, sondern es handelt sich um eine Biographie über Erich/Efraim Frank, einen Gelsenkirchener Juden, der eine zentrale Rolle während und nach der Nazizeit spielte, der aber ich Deutschland und allgemein im Westen gänzlich unbekannt geblieben ist.

Manche Szenen wirken sehr authentisch. Egal ob Sie Panzerspuren im schlammigen Schnee, Flüchtlingsströme im düsteren Nachkriegs-Europa oder die Ankunft der Schiffe in Israel beschreiben. Sind alle diese Bilder in Ihrem Kopf entstanden oder haben Sie auch viele Dokumentarfilm- Aufnahmen gesichtet, auf die Sie sich in Ihren Beschreibungen stützen konnten?
Ich habe ständig gelesen und Dokumentationen geschaut. Mein Anspruch war, einen relevanten Stoff zu schreiben, deshalb mussten sich die Szenen auf die Überlieferung stützen.

Gab es eigentlich einen Auslöser zur Entstehung des Romans? Vielleicht gab es einen konkretenAnstoß oder bewussten Moment, wo Sie gedacht haben: darüber schreibe ich!
Ja, den gab es. Aber das Buch ist ganz anders geworden als geplant. In den 90ern beschäftigte ich mich mit der Mystik der Nazis, vor allem mit Himmlers Vorstellungen von der Wiedergeburt. Deshalb wollte ich eigentlich eine Persiflage darauf machen. Doch als ich zu schreiben begann, geriet der Stoff völlig anders und wurde episch und sehr ernst. Das war auch einer der Gründe, weshalb ich abbrach – ich fühlte mich außerstande, einen so großen Bogen zu schlagen. Als ich dann endlich soweit war, baute ich eine kleine Hommage an die Ursprungsidee ein – das Kapitel, in dem Josef Ranzner davon träumt, dass die Nazis in den unterschiedlichsten Körpern und Kulturen wiedergeboren wurden.

Gibt es möglicherweise in Ihrer Familie jemanden, der zu den Displaced Persons gehörte und in einem der Lager in Pöppendorf, Lübeck, Berlin oder Bayern untergebracht war?
Nein.

Wie darf ich mir als Leser vorstellen, dass Sie mit den Figuren des Romans arbeiten? Entstehen die Charaktere skizzenhaft bereits vorher oder entwickeln Sie diese beim Schreiben? Machen sich manche Figuren vielleicht sogar selbständig, gehen eigene und nicht vorhersehbare Wege?
Schreiben ist die Performance, in der das Geschriebene mit allem, was dazu gehört, entsteht. Die Figuren, ihr Äußeres, ihre Innenwelt tauchen beim Schreiben auf. Ich habe nur partiell Kontrolle über diesen Vorgang, eher ist es so, dass ein Teil des Geistes, vielleicht jener Teil, den wir normalerweise ‚das Unbewusste‘ nennen, sich wie ein Raum öffnet, in dem sich die Figuren bewegen, ohne dass mein Ich eingreift. Auf diese Weise entsteht eine Stimmigkeit, die nicht bloß rationaler bzw. erzählstrategischer Art ist, sondern auch emotionaler, visueller, taktiler etc., vielleicht kann man sagen ‚ganzheitlich‘.

Ana Stirnweiss, Marta und Lisa Kramer, ja selbst Sturmbannführer Teitz und Josef Ranzner werden einem im Laufe der Story seltsam vertraut. Man begleitet sie auf den fast 700 Seiten Ihres Romans, ohne ein einziges Mal den roten Faden zu verlieren. Man lebt und leidet und liebt mit jeder einzelnen Figur. Sie haben wirklich eine wundervolle Art, Menschen mit wenigen Worten zu beschreiben! Könnten Sie sich Königreich der Dämmerung auf der Kinoleinwand vorstellen?
Sehr gut sogar. Ich würde mich freuen, wenn es soweit käme.

Ihr Roman Glückskind ist bereits verfilmt für Kino und Fernsehen, wurde außerdem vor wenigen Tagen im Rostocker Volkstheater aufgeführt. Was ist das eigentlich für ein Gefühl, Fiktionen zu erschaffen und diese dann für Theater oder Kino inszeniert zu sehen?
Es ist nicht ein Gefühl, sondern ganz viele. Eines aber kommt immer wieder: Dankbarkeit, dass so tolle Leute sich von meinem Buch inspiriert fühlen.


Kreativität entsteht ja zuerst im Kopf und jeder Autor/jede Autorin hat andere Vorlieben für sein Schreiben. Arbeiten Sie lieber zu festen Zeiten an einem stillen Schreibtisch oder brauchen Sie für kreative Gedanken ein hektisches Café mit dem Lärm möglichst vieler Gäste?

Ich schreibe/recherchiere jeden Vormittag von 10:00 bis ca. 15:00 in meinem Arbeitszimmer. Das tue ich aber nicht, um mich zu disziplinieren, sondern weil es die Zeit ist, die ich zum Schreiben habe. Und da ich sehr gerne schreibe und es mir großen Spaß bereitet, entsteht die Regelmäßigkeit quasi von selbst.


Lesen Sie gern Romane? Und wenn ja, haben Sie Lieblings-Autoren?

Ich bin ja von Berufs wegen Literaturwissenschaftler, habe also viele Jahre lang sehr viel gelesen. Es gibt Autoren, deren Werke sehr wichtig für mich waren, die ich also durchaus als Einflüsse bezeichnen kann. Dazu gehören bestimmte Gedichte von Fernando Pessoa (A Tabacaria; Autopsicografia; Odes de Ricardo Reis; Alberto Caeiro; Fausto), die Dramen von Georg Büchner und seine Novelle über Lenz, Hundert Jahre Einsamkeit von Gabriel Garcia Márquez, Concierto Barroco von Alejo Carpentier, Die satanischen Verse von Salman Rushdie, Das Evangelium nach Jesus Christus von José Saramago, Shakespeare (Dramen und Sonette), El Lazarillo de Tormes (16. Jh, anonym), Der Seewolf von Jack London, Der alte Mann und das Meer von Hemingway. Slaughterhouse Five von Kurt Vonnegut. The Heart of Darkness von Joseph Conrad.

Abschließend freuen wir uns sehr, wenn Sie uns ein Buch empfehlen, das Ihnen sehr am Herzen liegt.
The Heart of Darkness von Joseph Conrad kann ich jedem empfehlen, ein wunderbares Buch, in dem der Abgrund eines Menschen so geschildert wird, dass man ihn umso menschlicher wahrnimmt.

Besten Dank an Steven Uhly für dieses Gespräch!
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2 Antworten auf “Im Gespräch mit Steven Uhly”

  1. Hat dies auf masuko13 rebloggt und kommentierte:

    Das Jahr geht zu Ende und ich schaue zurück … wie viele Romane ich gelesen habe! Gute Romane. Romane, die mich durchgerüttelt und begeistert haben, die mich tagelang nicht losgelassen habe. Einer dieser Romane war ganz sicher „Königreich der Dämmerung“. Dem Autor Steven Uhly bin ich begegnet. Er hat mir ein paar Fragen beantwortet. Und so erfahre ich beispielsweise, dass der Roman eigentlich mit einer ganz anderen Story geplant war und dass er viele Jahre geruht hat von der ersten Idee bis zum fertigen Manuskript ..

    Gefällt mir

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