Vanessa F. Fogel über Kaffee und die Kunst des Schreibens.

0100f 6Vanessa F. Fogel wurde 1981 in Frankfurt am Main geboren, wuchs in Israel auf und hat in New York Komparatistik studiert. Die Autorin war Chefredakteurin des Graphis-Magazins und ist im Kunstbereich tätig. Ihr viel beachtetes Debüt Sag es mir wurde 2011 veröffentlicht. Jetzt ist ihr zweiter Roman Hertzmann’s Coffee bei Weissbooks erschienen.

Klappentexterin: Zuallererst möchte ich natürlich wissen: Bist du leidenschaftliche Kaffeetrinkerin?
Vanessa F. Fogel: Ich liebe Kaffee, gestehe mir aber nicht ein, dass ich süchtig nach einer guten Tasse Kaffee bin – geht es nicht vielen so? Ich verbinde viel schönes mit Kaffee – Mein Großvater, der seinen Kaffee immer fast kochend heiss trank, und meine Zeit als Studentin, während der ich als Barista arbeitete in einem Café und faszinierende Menschen kennenlernte (besonders während meiner Nachtschichten). Mein Partner hat eine Koffeinunverträglichkeit – und jeden morgen denke ich mir „armer Mann“ – er muss auf eines der köstlichsten Vergnügen verzichten.

Nun zu deiner Autorinnen-Laufbahn: Wann hast du angefangen zu schreiben?
Es klingt wie ein Klischee, ist aber wahr: So lange ich mich erinnern kann, habe ich immer schon geschrieben, immer schon Gedanken und Notizen auf meine Arme, Hände oder Servietten gekritzelt. Es handelte sich nicht immer um zusammenhängende Texte, aber ich habe immer Interesse an der Komplexität des Schreibens gehabt und auch Trost darin gefunden. Ich habe Post-Its zwischen die Seiten der Bücher gelegt, die ich gelesen habe, und Schwärmereien für so manche Romanfigur entwickelt.

Nachdem dein erster Roman Sag es mir so euphorisch aufgenommen worden ist, bist du da mit einer großen Erwartungshaltung an Hertzmann’s Coffee herangegangen?
Ja, ich bin mit einer großen Erwartungshaltung an Hertzmann’s Coffee herangegangen, denke aber nicht, dass dies unbedingt mit den Reaktionen auf Sag es mir zusammenhängt. Jedes Buch ist wie dein Erstling – du gibst dem Buch alles was du hast und kannst, weil es genau das ist, was du tun musst.

Ich gebe zu, anfangs war ich skeptisch, dass eine junge Frau aus der Sicht eines 80-jährigen Mannes schreibt. Doch die Zweifel haben sich schnell aufgelöst. Daher meine Frage: Wie ist das, aus dem Blickwinkel eines älteren Menschen – und dann noch eines Mannes – zu schreiben?
Es hat etwas Befreiendes aus dem Blickwinkel einer anderen Person zu schreiben – nicht nur, weil man sich selbst loslassen muss, sondern auch, weil man diese Person so gut kennenlernt, dass man gewissermaßen auch zu dieser Person wird. Als ich ein 80-jähriger Mann war, hatte das etwas Melancholisches, da er fast sein ganzes Leben bereits hinter sich hatte. Aber ich war auch jemand, der vor seinem Tod noch eine wichtige Mission zu erledigen hatte, und das war wiederum sehr belebend.

Hertzmann’s Coffee enthält zahlreiche mitreißende Protagonisten. Wie hast du sie gefunden? Hast du eine Lieblingsfigur?
Die Protagonisten sind eine Mischung aus Personen, die ich kenne, von denen ich gehört habe, oder Personen, die ich mir ausgedacht habe. Ich könnte niemals eine Lieblingsfigur wählen! Das wäre, wie ein Kind dem anderen Kind vorzuziehen – das würde Rivalität zwischen den Geschwistern auslösen und davon handelt ja unter anderem auch der Roman. Daher wähle ich keinen Liebling aus, sondern erwähne nur, dass ich die drei Männer aus verschiedenen Gründen liebe: Yankele, weil er so reine Absichten verfolgt; Marc, weil er einfach cool und lustig ist; und José-Rafael, weil er über die richtige Balance zwischen Sensibilität und Grobheit verfügt.

Wie auch in deinem Debüt verarbeitest du in deinem aktuellen Buch die Holocaust-Vergangenheit deiner eigenen Familie. Inwiefern hat die Geschichte dein Schreiben beeinflusst? War sie gar mit einer der Auslöser?
Die Vergangenheit meiner Familie hat mein gesamtes Sein beeinflusst – wie ich denke, wie ich das Leben betrachte, wer ich bin – das hat natürlich meine Art zu schreiben beeinflusst so wie auch die Themen, mit den ich mich auseinandersetzen moechte oder sogar muss.

Du wurdest in Frankfurt geboren, bist in Israel aufgewachsen und hast in New York studiert. Wie lebt es sich mit drei Kulturen im Herzen? Wo fühlst du dich zu Hause?
Als ich jünger war, betrachtete ich meine Identitäten (was die Verortung betrifft) als zwiegespalten. Für mich gab es nur Zugehörigkeit und Unzugehörigkeit. Da ich nirgendwo zu hundert Prozent hingehörte, betrachtete ich mich auch als nirgendwo zugehörig. Allerdings sehe ich das heute nicht mehr so. Es lebt sich sehr gut mit drei Kulturen im Herzen – mein Leben und auch das Konzept von „zu Hause“ erscheinen mir als wunderschönes Mosaik.

Hertzmann’s Coffee erstreckt sich über drei Länder: Deutschland, Amerika und Venezuela. War das Zufall oder hat deine eigene Biographie dazu beigetragen?
Das war kein Zufall. Gibt es überhaupt Zufälle im Leben? Es handelt sich dabei um Orte, die mich aus biographischen und persönlichen, aber auch aus politischen Gründen sowie auf Grund der jeweiligen Lebensbedingungen interessiert haben.

Du lebst derzeit in Tel Aviv. Wie bestimmen die aktuellen Entwicklungen deinen Alltag?
Nur wenn Krieg herrscht, so wie im letzten Sommer, bestimmen diese aktuellen Entwicklungen meinen Alltag. Wo immer man sich befindet, geht das Leben sonst einfach weiter…bis es endet. Der Sommer war eine sehr bedrückende Zeit, in der die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion verwischt wurden.

Genauso wie du gern schreibst, fühlst du dich in der Kunst zu Hause. So warst Du Chefredakteurin des Graphis-Magazins und bist im Kunstbereich tätig. Inwiefern verbinden dich die Kunst und das Schreiben? Befruchten sich die beiden Ausdrucksformen in deinem Schaffen gegenseitig? Oder trennst du beide voneinander?
Ich bin in einer Familie aufgewachsen, die dem Visuellen sehr zugetan ist – mit Architekten als Eltern, einer Illustratorin als älterer Schwester und einem jüngeren Bruder, der ebenfalls bald Architekt sein wird. Aber ich bin keine bildende Künstlerin und meine Herangehensweise an diese Kunstform unterscheidet sich von meinem Schreibprozess. Nichts desto trotz erschafft man sowohl beim Schreiben als auch in der bildenden Kunst ganz eigene Welten. Man setzt Grenzen und erschafft Räume, die man dann ausfüllt.

Schreibst du an einem neuen Roman?
Ich mache mir Notizen, über Erlebnisse, Gedanken und Empfindungen, so wie immer. Vielleicht entwickeln die sich bald zu etwas Umfangreicherem.

Die Klappentexterin dankt Vanessa F. Fogel für das Interview und wünscht der Autorin weiterhin viel Erfolg!

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