Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken

Und er dachte sich gerade, dies sei der schönste Mond, den er je gesehen habe, als er diesen Mann umfuhr. Und als er ihn umfuhr, dachte er im ersten Moment immer noch an den Mond und hörte dann mit einem Schlag auf, als hätte man eine Kerze ausgeblasen.

gundar-goshen_lc3b6wen_weckenEine einzige unbedachte Sekunde in jener Mondnacht in der Wüste Sinai ändert alles. Und für den israelischen Chirurgen Dr. Etan Grien beginnt ein Leben in zwei Parallelwelten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten! Sich dem zu entziehen: unmöglich. Denn er hat Schuld auf sich geladen, als er den schwarzen Mann in der Wüste umgefahren und – viel schlimmer noch – liegen gelassen hat. 

In geradezu filmischen Szenenwechseln jagt Etan nun zwischen zwei Welten hin und her. Auf der einen Seite seine wundervolle Ehefrau und Kriminalbeamtin (!) Liat und die beiden Söhne. Auf der anderen Seite die geheimnisvolle Eritreerin Sirkit. Hier der schlichte Alltag eines israelischen Haushalts, in welchem Liat Wäschetürme stapelt, Hemden ihres Mannes und Elefanten-Shirts der Söhne faltet. Dort der Wahnsinn der heimlichen Nächte, in denen Etan von nun an illegale Einwanderer behandelt. Unter Aufsicht von Sirkit. Sie hatte einen Tag nach dem Unfall vor seiner Tür gestanden. Schwarz und aufrecht wie eine Statue aus Ebenholz. Als Wiedergutmachung und gegen ihr Schweigen verlangt sie die medizinische Versorgung ihrer Landsleute.

Die Autorin balanciert gekonnt zwischen den beiden Welten. Weisheit, Gefühl und jede Menge Schmerz bestimmen diesen  Roman zwischen harmonischem Familienglück und tragischer Realität in der Wüste Sinai. Was ganz besonders fasziniert, das sind die ständigen und fast unauffälligen Szenenwechsel. Eben noch gönnt Etan sich eine Pause von der Versorgung der Verletzten. Er ist übermüdet, ausgelaugt. Stumm reicht die Witwe Sirkit ihm heißen, süßen Tee. Er liebt ihre gerade schlichte Nase. Die geschwungenen Brauen. Die Rundung der Lippen und er weiß, sie ist schön.

Dann ein Cut und es ist taghell. In der israelischen Stadt Omer kommt warm und duftig die Wäsche aus dem Trockner. Während im Radio leise Jazz läuft, legt Liat sie in eine Plastikschüssel. Liat hatte ihre geheiligten Rituale. Schnitzel müssen paniert und Schokoklümpchen im Kakao schnell weggerührt werden. Zu Hause muss alles exakt sein, denn vor der Wohnungstür liegt eine verrückte Stadt. Die Araber, die Siedler, die russischen Autodiebe, die Beduinen … und dann auch noch ein unbekannter Toter in der Wüste. Wenn Liat daheim alles in Ordnung hält, dann kann sie der rauen Realität des Kripo-Alltags besser begegnen.

Meine Gefühle als Leser schwanken hin und her. Gundar-Goshen wirft mich in diesen Strudel aus Schuld, Sühne und Vergebung, dass ich den Roman kaum weg legen kann, ehe die Autorin mir mit den letzten Sätzen eine Lösung anbietet, die fast versöhnlich ist. Ein spannungsgeladener großartiger Roman aus dem Alltag im heutigen Israel.

Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Kein & Aber Verlag 2015, 424 Seiten, 22,90 €.

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