We talk Indie: Im Gespräch mit dem Wallstein Verlag

Nur noch wenige Tage, dann ist es wieder soweit! Am 21. März feiern wir zum dritten Mal den Indiebookday. Ein schöner Anlass, um in die weite Welt der unabhängigen Verlage zu schauen. Viele Neugründungen hat es in den letzten Jahren gegeben – eine der jüngsten ist sicher die des Guggolz Verlages im Sommer 2014. Im Frühjahr 2012 startete mit vier Titeln der Verlag binooki und der Verlag für Kurzes im Jahr 2011. Mit dem Verlagshaus J. Frank Berlin, gegründet 2005, feiern wir in diesem Jahr zehnjähriges Jubiläum. Und mit dem Verlag Voland & Quist (2004) konnten wir uns im vergangenen Jahr über 10 Jahre Verlagsgeschichte freuen!

Auf eine fast 30jährige Verlagsgeschichte kann der Wallstein Verlag zurück schauen. Die Herausforderungen, damals einen Verlag zu gründen, waren den heutigen sicher ähnlich, im Detail aber doch anders. Im Gespräch mit Thorsten Ahrend, Gesellschafter des Verlages und Lektor für Deutsche Literatur, haben wir Einiges zum Verlag mit besonderem Fokus auf sein Belletristik-Programm erfahren. 

Thedel von Wallmoden, Wallstein Verlag, Goettingen 2011
© Dirk Opitz

Wie ist es zur Gründung des Verlages gekommen und ganz speziell zur Erweiterung durch das belletristische Programm?

Den Verlag hat Thedel v. Wallmoden 1986 mit zwei Freunden gegründet: drei Studenten, die das Studium gerade hinter sich hatten bzw. an ihren Dissertationen saßen und sich überlegt hatten, dass es vielleicht eine gute Idee wäre, mit Apple-Computern Satzarbeiten zu erledigen. Dass die gesamte Druckvorstufe auch für Bücher ins Digitale rutschen würde, war damals noch ein neuer Gedanke. Geld haben sie zuerst damit verdient, in Apple-Auftrag Seminare anzubieten, um andere Verlage zu interessieren und erste Fähigkeiten auf diesem Feld zu vermitteln. Produziert wurden anfangs Busfahrpläne und Speisekarten. Und genommen wurde das damit verdiente Geld, um Bücher zu drucken, die man selbst gern lesen wollte. Na ja, das entwickelt sich relativ schnell dahin, dass nur noch Bücher solcher Art gemacht wurden.
Ich kam 2005 dazu, also vor zehn Jahren, nachdem ich mich entschieden hatte, Suhrkamp zu verlassen, wo ich die deutsche Literatur betreut hatte. Thedel v. Wallmoden und ich waren damals schon ein Dutzend Jahre befreundet. Und als er mitbekam, dass ich von Suhrkamp wegging, schlug er mir vor: ‘Lass uns zusammen die Literatur bei Wallstein anschieben. Der Verlag steht in der Wissenschaft absolut gut und auch für die Zukunft verlässlich aufgestellt. Es wäre eine Herausforderung, jetzt auch Literatur bei Wallstein herauszubringen. Ich weiß, dass das nicht auf Knopfdruck geht, und ich kann es nicht selbst. Wenn Du das machst, dann kriegen wir das auch hin …’ Ja, so ungefähr. Es hat mich enorm gereizt, etwas eigenverantwortlich ganz neu aufzubauen.

Welche Schwerpunkte setzt der Wallstein Verlag? Was zeichnet ihn aus?

Mittlerweile erscheinen pro Jahr mehr als 160 Titel. Der Großteil in der Wissenschaft: Geschichte, Zeitgeschichte, Kulturwissenschaft, Literaturwissenschaft. Es gibt Periodika, Jahrbücher und große Editionen, Hans Wollschläger, Friedrich Rückert, Hugo Ball, Conrad Ferdinand Meyer, Ernst Toller, Max Brod … Und eben seit zehn Jahren ein literarisches Programm gegenwärtiger Autoren, das Prosa (und das meint nicht nur Romane), Lyrik, Essays und Dramen bringt. Wenn ich jetzt für das Literaturprogramm spreche:

Wir wollen für Autoren ein verlegerisches Zuhause sein. Und durch die Breite der Genres können wir das auch. Im Grunde ist es ein altes Credo: Nicht simpel Bücher herausbringen, sondern das Werk von Autoren und Autorinnen begleiten. Wir wollen Bücher vorlegen, die nicht für die Saison gedacht sind, sondern die etwas Bedeutendes über unsere Zeit sagen, die eine neue, aufregende Weise des literarischen Sprechens finden, die  vorher so nicht vorhanden war. Ich glaube, wir haben es ganz gut geschafft, es wenigstens zum Teil umzusetzen. Wer an Wallstein denkt, sitzt nicht unbedingt im Blockbuster-Kino, aber er denkt – hoffentlich – an Autoren wie Maja Haderlap, Lukas Bärfuss, Gregor Sander, Patrick Roth, Dea Loher, Ralph Dutli, Matthias Zschokke, Daniela Danz, Ludwig Laher, Teresa Präauer, Jörg Albrecht … Sieben Mal waren Autorinnen und Autoren in den letzten zehn Jahren für den Deutschen Buchpreis nominiert. Matthias Zschokke hat den Eidgenössischen Literaturpreis bekommen (er lebt seit 30 Jahren in Berlin), Lukas Bärfuss im vergangenen Jahr den Schweizer Literaturpreis. Aktuell steht Teresa Präauer mit “Johnny und Jean” auf der Liste für den Preis der Leipziger Buchmesse. Auch Übersetzer bzw. Sachbuchautoren waren dafür schon nominiert. Keine so schlechte Bilanz eigentlich für diese ersten Jahre.

Welchen Herausforderungen mussten Sie sich anfangs stellen? Sind es dieselben wie heute?

Es kommen immerzu neue Herausforderungen. Aber am Ende sind sie auch nicht total neu. Ein Literaturprogramm aufzubauen und zu wissen, dass im ersten Jahr 12 Bücher unter zwei Bedingungen erscheinen sollen (es gibt keine Hausautoren / die Buchhändler und die Kritiker werden ganz bestimmt nicht über 12 Debüts im ersten Jahr jubeln) … darin liegt schon ein gewisser Widerspruch, euphemistisch gesagt. Naja, schon spannend. Wir haben also auch immer wieder Bücher schon bekannter Autoren gebracht: von Günter Kunert, Peter Handke, Herta Müller, Peter Rühmkorf, Dorothea Grünzweig, Sabine Peters, Hermann Peter Piwitt, Fred Wander … ich kann nicht alle nennen.

Begonnen haben wir 2005 vor allem mit Autoren aus dem deutschen Sprachraum: also Deutschland, Österreich, Schweiz, daneben sind mittlerweile einige Übersetzungen dazugekommen, z.B. aus dem Niederländischen, Amerikanischen, Russischen, Lettischen, Litauischen, Koreanischen. Wir versuchen alle Wege zu nutzen, diese Autoren und Werke bekanntzumachen, mittels Veranstaltungen, mittels Wahrnehmung in der Presse, im Rundfunk, mehr und mehr auch in den Blogs. Alle literarischen Titel bringen wir auch als e-book in verschiedenen Formaten. Das war am Anfang natürlich noch nicht der Fall. Aber alles sind tastende Versuche, die für den Moment funktionieren oder auch nicht, und morgen muss man so oder so andere Wege finden. Für einige Bücher sind gerade Verfilmungen fürs Kino in Arbeit, allem voran von Christine Lavant “Das Wechselbälgchen”, das Julian Pölsler verfilmen wird, der mit “Die Wand” schon einen großartigen Film gemacht hat. Maja Haderlaps “Engel des Vergessens”, Gregor Sanders “Was gewesen wäre” sind in der Planung für Kinofilme. Und gerade auf der Berlinale lief ja “Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern” nach einem Stück von Lukas Bärfuss an. Unsere Autoren Lukas Bärfuss und Dea Loher sind wahnsinnig erfolgreich als Theaterautoren. Also: Im Zentrum steht der Autor, gleich daneben das Buch, aber dann kommen alle Medien.

Was schätzen Sie an der unabhängigen Kleinverlagswelt?

Kleinheit oder Größe sind keine Qualitätskriterien an sich. Kleinsein ist kein Verdienst, Großsein kein Charaktermangel. Ich weiß auch nicht, ob wir noch als Kleinverlag durchgehen mit ca. 170 Büchern im Jahr. Aber wenn man darunter versteht, dass jedem einzelnen Buch Sorgfalt und Liebe zuteil wird, dass es enge Beziehungen zu den Autorinnen oder Autoren gibt, dass es nicht nur um Zahlen geht – dann ok, das ist jedenfalls das, was ich schätze an der Arbeit von Verlagen, egal ob groß oder klein. Bestsellerautoren können wir nicht kaufen. Wollen wir auch nicht. Und das Wort “kaufen” ist ohnehin unangemessen. Und eben mal zu sagen: Wir “machen“ Bestsellerautoren … ach, das ist nicht mein Denken. Aber ich will natürlich auch, dass die Autoren von den Büchern leben können, und dass sie sichtbar und bekannt werden, Preise bekommen, durchaus auch im internationalen Rahmen.

Welche Entwicklungen auf dem Buchmarkt / im Literaturbetrieb beschäftigen Sie zurzeit besonders stark?

Ein bisschen beobachte ich das Ausmachen neuer Trends mit etwas Skepsis, da schreiben dann alle eine Saison lang drüber, und dann wird die nächste Kuh durchs Dorf getrieben. Der Familienroman, das Fräuleinwunder, History und Fantasy – ist ja alles ok, aber ich erwarte von einem Buch, dass es mich überrascht, mich mit etwas konfrontiert, das ich so nicht erwartet habe. Oder mir nicht im Entferntesten vorstellen konnte. Und plötzlich denkt man: Verrückt, aber es haut Dich um. Wieso ist “Stoner” so erfolgreich? Und wie soll man erklären, dass das Buch vierzig Jahre da war, ohne dass es einer gemerkt hat. Das ist doch wunderbar.

Wenn man aber Themen aufschnappt und dazu dann Autoren sucht, die daraus schnell mal einen Roman zwirbeln – daran glaube ich nicht. Die Autoren suchen ihre Stoffe selbst. Der Buchhandel, die Ketten, neugegründete kleine Buchhandlungen, Amazon: klar sind das Themen, über die wir nachdenken. Aber zuerst sind wir ein Programmverlag. Wir wollen Qualität vorlegen, und wir glauben daran, dass die Leser das merken, unabhängig davon, was gerade als trendy angesagt ist.

Zum Abschluss würden wir uns über eine Buchempfehlung freuen – aus Ihrem eigenen Programm oder dem eines anderen Indie-Verlages.

Die Poetikvorlesungen von Daniel Kehlmann zeigen, was für einen Horizont dieser Mann hat. Von Steven Kings “Shining” über “Herr der Ringe” bis zu Leo Perutz und dem Logiker Kurt Gödel. Das ist faszinierend und wahnsinnig aufregend zu lesen. Zum Staunen. Erschienen bei Rowohlt.

Von Wallstein: Die Autobiographie “Adieu, Atlantis” von Valentina Freimane, einer lettischen Autorin, 93 Jahre alt. Sie lebt heute wieder in Berlin. Ihre Kindheit hat sie in den zwanziger Jahren ebenfalls in Berlin verbracht, ging dann in den Dreißigern mit den Eltern nach Riga. Okkupation durch Russland 1940, Überfall Nazideutschlands im Juni 1941, drei Jahre in wechselnden Verstecken leben, die gesamte Familie ermordet, auch der Ehemann. 1944 „Befreiung” durch die Rote Armee. Aber die Repession hörte nicht auf. Das ist eine Jahrhundertbiographie. Und so eine warmherzige, kluge, anekdotenreiche Weise, dieses Leben zu erzählen, ohne jede Bitterkeit. Da bleibt einem der Mund offen. Aus dem Buch wurde in Lettland auch eine Oper (“Valentina”) und die kommt im Mai auch nach Berlin an die Staatsoper.

Besten Dank an Thorsten Ahrend vom Wallstein Verlag für das Gespräch! Wir wünschen Ihnen und uns noch viele gute Bücher aus Ihrem Verlag.

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3 Antworten auf “We talk Indie: Im Gespräch mit dem Wallstein Verlag”

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