Lydia Tschukowskaja: Untertauchen

41843975nWer mich kennt weiß, dass ich die Bücher aus dem Dörlemann Verlag ganz besonders schätze. Immer wieder veröffentlicht der unabhängige Verlag aus der Schweiz wundervolle Bücher, nach deren Lektüre ich die Welt aus großer Dankbarkeit dafür umarmen möchte, dass es solche schönen Publikationen gibt. Der Verlag ist für mich auch aufgrund der liebevollen und hochwertigen Ausstattung seiner Ausgaben ein Garant für Qualität.

»Untertauchen« von Lydia Tschukowskaja ist wieder so ein feines, haptisches Erlebnis. Auf dem beigefarbenen Leineneinband verströmen vom Schnee umrandete Birken eine winterliche Atmosphäre. Schlägt man das Buch auf, spürt man den Schnee förmlich auf der Nasenspitze. So zeigen die Innenseiten einen bezaubernden Winterwald in vollster Schönheit. Durchatmen und die Stille hören, eintauchen und nicht wieder auftauchen wollen – dieses Gefühl habe ich seit der ersten Seite.

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Lydia Tschukowskaja nimmt ihre Leser mit in ein entlegenes, winterliches Sanatorium für Künstler auf dem Lande. Dorthin begibt sich die Ich-Erzählerin, deren Geschichte wie ein Tagebuch angelegt ist. Entstanden ist das Buch 1945, doch erst 1988 durften »Untertauchen« in der Sowjetunion publiziert werden.

Jedem Kapitel stehen Zahlen vor, die auf den Monat und das Jahr hinweisen. Die Handlung spielt im Februar und März 1949. Durch die Ich-Perspektive stellt sich sofort eine sehr enge Beziehung zur Romanheldin ein, die zusammen mit Nikolaj Aleksandrowitsch Bilibin an diesem ruhigen Ort ankommt. Der Reisegefährte wird im Verlauf des Romans noch eine wichtige Rolle an Ninas Seite einnehmen.

Kaum hat Nina ihr Zimmer betreten, entweicht die Anspannung aus ihren Knochen, als würde man einen überkochenden Kessel vom Druck befreien: »Zwischen diesen fremden Wänden kann ich zu mir kommen, mir selbst gegenübertreten.« Untertauchen – das möchte sie hier fernab ihres Alltags, ganz für sich sein, übersetzen und selbst schreiben. Untertauchen nennt sie auch die Momente, in denen sie sich ihrer Vergangenheit stellt. Wobei sich die Tauchgänge anfühlen wie ein dunkles Ungeheuer, so schmerzvoll sind die Erinnerungen. Nina denkt an die vielen Stunden der Ungewissheit, nachdem ihr Mann vor zwölf Jahren verhaftet und ihm ein zehnjähriges Briefverbot erteilt wurde. Nina ahnt seinen Tod und stellt sich bedrückende Fragen: Wie mag es Aljoscha in seinen letzten Stunden des Lebens ergangen sein? Das sind quälende Passagen, die wie Schmirgelpapier knirschen. Nina kommt an ihre Grenzen und fragt sich selbst, warum sie das überhaupt macht. Doch dann findet sie die Antwort: »Ich suche Brüder – wenn nicht jetzt, dann in der Zukunft. Alles Lebendige sucht Bruderschaft, und auch ich suche sie. Ich schreibe ein Buch, um Brüder zu finden – und sei es erst dort, in der unbekannten Ferne.«

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Zunächst möchte sich Nina einigeln und von den anderen Kurgästen fern bleiben. Auf Spaziergängen findet sie Frieden in den friedlichen Armen des Winters, im Wald unter den Birken. »Heute fand ich im Wald eine wunderbare Tanne. Wie war es möglich, dass ich sie nicht schon früher entdeckt habe! Majestätisch, mächtig steht sie in einem engen Rund aus Birken. Gefangen. In einer glückseligen Gefangenschaft. Ich lachte laut, als ich sie plötzlich sah. Die Birken tanzten Reigen um die Tanne, wie kleine festlich gekleidete Mädchen. Ihr ganzes Leben lang feiern sie Weihnachten.«

Hier spricht sie auch die Gedichte ihrer Lieblingsdichter. Sie spürt den Sätzen nach und fühlt sich in ihnen geborgen. Nach und nach taut Nina auf und geht auf andere Patienten zu. Mit einem jüdischen Dichter freundet sie sich an, liest seine Gedichte und findet in Bilibin einen Vertrauten. Durch ihn erhofft sie sich auch Zugang zur verschlossenen Tür, hinter der die traurige Geschichte ihres Mannes lauert. Dann stellt sich heraus, dass Bilibin ebenfalls Inhaftierter in einem Arbeitslager war und im Sanatorium an einem Buch schreibt. Er erzählt ihr bei einen der vielen Gesprächen, warum er den Wald nicht so friedlich empfindet und was er in seiner Gefangenschaft alles durchmachen musste. Finstere Geschichten, bei denen mein Herz fast aussetzt. Genauso erschrocken blicke ich auf, wenn der vermeintliche Frieden in dem Sanatorium aufplatzt wie eine nicht ganz geheilte Wunde. Wenn sich die Spuren des Krieges auf diesem scheinbar friedlichen Fleckchen Erde bemerkbar machen oder die Propaganda der Presse – in der u.a. von Verschwörungen der Juden die Rede ist – in dieses ruhige Plätzchen laut eindringt. Als eines Nachts ein Fahrzeug auftaucht und einen Patienten mitnimmt, ist gewiss: Vor den Schrecken des Stalin Regimes ist kein Ort sicher.

Wie gesagt, finden sich in dem Buch einige Parallelen zum Leben der Autorin, die 1974 aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen wurde. Ihre Rede findet sich im Anschluss des Buches wie ein Nachwort. Auch die 1907 in Petersburg geborene Lydia Tschukowskaja hat ihren Mann während des Stalin-Terrors verloren. Er wurde wie so viele andere verhaftet und umgebracht. So ist »Untertauchen« nicht nur ein literarisches Erlebnis, sondern auch ein sehr wichtiges Dokument der russischen Zeitgeschichte. Die 2010 verstorbene Übersetzerin und »Grande Dame der russisch-deutschen Kulturvermittlung« Swetlana Geier hat dieses Literaturgut für den Dörlemann Verlag eindrucksvoll neu übersetzt.

»Untertauchen« ist ein äußerst intensives und atmosphärisch dichtes Leseerlebnis. Einerseits zutiefst erschütternd, andererseits umwerfend schön. Erschütternd durch die Gräueltaten des Stalin-Regimes und des Krieges mit all den Opfern und Angehörigen, von denen Lydia Tschukowskaja auf einfühlsame Weise erzählt. Während ich noch ein Frösteln in mir spüre, geht gleichzeitig ein warmes Glücksgefühl in mir auf. Genau dann, wenn die Autorin mich mit nach draußen in den Wald nimmt und ich die Wunder der Natur betrachte. Es ist diese strahlende, wunderschöne Poesie der Sprache, die mich in die Geschichte eintauchen lässt. Bis zum letzten Wort.

Lydia Tschukowskaja: Untertauchen. Aus dem Russischen von Swetlana Geier. Das Buch enthält Lydia Tschukowskajas Rede vor dem Sowjetischen Schriftstellerverband sowie ein Nachwort von Hans Jürgen Balmers. Dörlemann Verlag 2015, 256 Seiten, 18,90 €.

Weitere Stimmen über das Buch:

> kulturradio rbb
> monalisablog
> masuko13

 

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  1. Ich habe schon die Neuübersetzung von Dostojevskijs „Verbrechen und Strafe“ durch Swetlana Geier ungemein bewundert. Ich denke, ihr ist zu verdanken, dass das Russische auch im Deutschen seinen Klang und seine Eigenheiten behält.

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