Hedin Brú: Vater und Sohn unterwegs

brú_vater_und_sohn_unterwegs_guggolzEs liegt eine Schule von Grindwalen im Seyrvágsford, eine Anzahl schweigender Wale, die ihre Kreise ziehen und zum offenen Meer streben, da hier ihr Revier nicht liegt; Männer haben sie von ihrer Zugbahn in die Ferne abgedrängt und in die Enge getrieben.

Was für ein bildreicher und spannender Einstieg in den Roman. Eine Grindwaljagd. Der gesamte Ort ist auf den Beinen und auch der 70jährige Ketil und sein jüngster Sohn Kálvur sind in heller Aufregung. Bedeutet eine Herde Grindwale doch Nahrung für eine lange Zeit! Die Aussicht auf Walspeck treibt beide an. Und obwohl Kálvur der Weg zu Fuss wenig begeistert – werden sie doch ständig von schnellen Autos überholt – lässt er sich vom Vater überzeugen und gemeinsam schleppen sie die Last der Harpunen, Speere, Leinen und Fanghaken zum Fjord … und finden Platz in einem kleinen Boot. Was eindrucksvoll harmonisch beginnt, wird in einer blutigen Jagd enden. 

Vorerst aber: Das Land war gesäumt von Leuten, die mit großen Augen zuschauten. Ein wunderschöner Anblick, die Wale elegant und schnell vorübergleiten zu sehen, dicht an dicht … die gedrungenen Köpfe tauchten aus dem Wasser auf, man hörte ihr Blasen … man hörte es rauschen, die Wellen brachen sich an ihren Stirnen und ihre Vorderflossen wühlten bläuliche Schaumstreifen im Meer auf (S. 10/11). 

Dann aber ist die Herde eingekreist und die Männer mit ihren Harpunen verfallen erregt in einen Blutrausch. Das Meer färbte sich allmählich rot, Schlamm wurde vom Grund aufgewirbelt, und nicht lange, da verlor die Grindwalschule die gemeinsame Bewegung (S. 12).

Brú nimmt dieses Ereignis als Einstieg, um über das Leben der einfachen Leute auf den Färöischen Inseln der 40er Jahre zu erzählen. Schwer war es. Und hart, so hart. Man lebte mit den Haustieren gemeinsam in einer kleinen Hütte. Würde die Waljagd misslingen, könnte das Hunger und Not für Monate bedeuten. Doch Ketil und Kálvur sind erfolgreich, ersteigern ein riesiges Stück Fleisch. Bezahlt wird später. So zumindest ist der Plan. Für uns heute ist das leicht vorstellbar, man borgt sich eben was oder nimmt einen Kredit auf. Doch Ketil und seine Frau sind alt, die Kinder aus dem Haus, nur der 24jährige Kálvur lebt noch mit ihnen. Doch der wirkt wenig männlich, eher wie ein großes Kind, das nach Essen und Trinken verlangt, wenn es Hunger oder Durst spürt. Und woher Geld nehmen? Ketils Frau schlägt vor, an Tee und Kaffee zu sparen, auch könne man die Milch mit Wasser verdünnen.

Ketil selbst gerät zunehmend in Verzweiflung und in tiefe Verbitterung, bedeutet doch „Nicht-zahlen“ auch einen Verlust an Ehre und Respekt. Sein ältester Sohn sieht das anders. Sein Leben solle nicht nur aus trocken Brot bestehen, er habe Forderungen an das Leben und Schulden würden ihm nichts ausmachen. Er wirft dem Vater vor, er sei alt und dumm dazu. Seine Flut sei einfach abgeebbt und nun käme die Zeit der Jungen. Es berührt zutiefst, wie Ketil seiner Frau gegenüber daraufhin sagt: Ich finde in nichts mehr einen sinnvollen Zusammenhang (S. 102).

Was den Roman so absolut lesenswert macht, das ist der Umgang mit Sprache. Brú übernimmt für die Geschichte Dialekte und Ausdrucksweisen der Leute in seinen Text. Er hat eine feine Beobachtungsgabe und ein ganz sensibles Gespür für die karge rauhe Insellandschaft und ihre einfachen Menschen. An dieser Stelle ein großer Dank an Richard Kölbl und seine liebevolle Übersetzung aus dem Färöischen. Die Figuren wachsen mir alle schnell ans Herz mit ihrer offenen ehrlichen Art. Denn so einfach Ketil auch ist mit seinem ewigen auf Kopfsteinpflaster plitschendem Kautabakgespütz, so liebenswert ist er auch. Wenn er beispielsweise Tabakkrümel aus seinem Bart zupft und die drei toten Weberknechte, die am Pullover hingen, gleich mit wegwischt. Oder wenn Ketils zerknirschtes Gesicht sich deutlich aufhellt und er seiner Frau auf die Schulter haut, während er sagt: Du bist eisern, Alte. Da soll erst die Hölle zufrieren, bevor ich dich gegen eines von diesen jungen Dingern austausche, selbst wenn sie ein wenig hübscher sein sollte (S. 65).

Da huscht auch über mein Gesicht ein fröhliches Lächeln. Irgendwie wussten sie trotz Armut, Kälte und Not zu leben. Sich zu erfreuen an kleinen Sachen und Ereignissen. Brú, der 1901 auf den Färöischen Inseln geboren ist und lange dort gelebt hat, hat das auf wundervolle Weise in seinem Roman eingefangen. Die Geschichte liest sich wie ein kleines Statement an die Einfachheit der Dinge. Was für ein Glück, dass der Verleger Sebastian Guggolz diesen Roman seiner Kindheit wiederentdeckt und in einer so besonderen Ausstattung neu herausgegeben hat.

Hedin Brú. Vater und Sohn unterwegs. Aus dem Färöischen und mit einem Glossar von Richard Kölbl. Mit einem Nachwort von Klaus Böldl. Guggolz Verlag Berlin 2015. 176 Seiten. 22,- €

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3 Antworten auf “Hedin Brú: Vater und Sohn unterwegs”

    1. Das ist sicher eine gute Idee!
      Brú erzählt auf ganz besondere Weise. Diese Stimmung einzufangen, ist nicht ganz einfach. Freut mich deshalb sehr, dass es mir scheinbar doch gelungen ist.
      Schöne Grüße, masuko

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