Faiz und Julia Tieke – Mein Akku ist gleich leer

Cover-Faiz-Julia-Tieke-Mein-Akku-ist-gleich-leer-mikrotext-2015-400pxDas Thema ,Flucht und Flüchtige’ ist seit einiger Zeit, besonders jedoch nach den jüngsten Unglücken im Mittelmeer, in aller Munde. Welche Änderungen muss unsere Flüchtlings – und Asylpolitik erfahren, damit sich Menschen nicht mehr einem derartigen Risiko aussetzen müssen? Nehmen wir zu viele Flüchtlinge auf? Wie kann man helfen? Trotz vieler Fragen und vorschneller Meinungen bleibt dieses Thema für so manchen ein abstraktes. Schließlich können wir uns glücklicherweise eine solche Notlage oft nicht vorstellen. Mit ,Mein Akku ist gleich leer’ ändert sich das – denn der Flüchtling, um den es geht, bekommt ein Gesicht.

Faiz, Student der englischen Literatur, hat das im Norden Syriens gelegene Aleppo durchaus nicht aus wirtschaftlichen Gründen verlassen. 2011 schloss er sich der syrischen Protestbewegung gegen staatlich legitimierte Gewalt und Unterdrückung an. Er dokumentierte damals Repressionen gegen Aktivisten und gründete gemeinsam mit ihnen ein Zentrum für Zivilgesellschaft. Außerdem half er, einen Sendemast für unabhängiges Radio – und damit für freie, nicht von staatlicher Seite überwachte Informationsverbreitung – zu betreiben. Anfang 2014 jedoch übernahm der IS die Kontrolle in der Region und drohte Faiz aufgrund seines zivilgesellschaftlichen Engagements mit der Enthauptung. Er floh, um sein Leben zu retten, zunächst in die Türkei, konnte aber auch dort seine Arbeit nicht fortsetzen. Julia Tieke traf Faiz zum ersten Mal in der Türkei für ein Syrien-Radiofeature, das die Begegnungen von Radiomachern zwischen Berlin und Aleppo dokumentieren sollte.

Faiz: Wir müssen Menschen bleiben. Nur das.
Julia: Ja.
Faiz: In dieser schrecklichen Welt.
Julia: Du bist ganz sicher ein Mensch!

,Mein Akku ist gleich leer’ besteht aus den originalen Facebook-Unterhaltungen, die Faiz und Julia miteinander geführt haben, während Faiz selbst auf der Flucht war. Es beschreibt auf eindrückliche und nahezu unerträgliche Weise die Entmenschlichung dieser Flüchtlinge, die bei dem Versuch, Grenzen zu überqueren, nicht selten verhaftet und inhaftiert werden. Sie müssen sich demütigenden Befragungen unterziehen, sich rechtfertigen, wie Straftäter behandeln lassen. Das, was ansonsten gesichtslos einer anonymen Masse von Menschen zustößt, bekommt im Falle von Faiz durch diese Dialoge klare Konturen. Er will Mensch bleiben, während alle anderen um ihn herum scheinbar längst die Menschlichkeit verloren haben. Aber genauso oft zweifelt er auch daran, dass er es überhaupt wert ist, aus dieser Situation gerettet zu werden. Immer wieder packt ihn die Mutlosigkeit, die absolute Erschöpfung, die nur kennenlernt, wer einmal um sein Leben gelaufen ist. Fast ist er sicher, nach Syrien zurückkehren zu müssen.

Julia Tieke versucht ihm dabei immer wieder eine Stütze und Hilfe zu sein, sie telefoniert mit Botschaften, bietet an, Geld zu schicken. Und immer wieder: Mein Akku ist gleich leer. Da ist die Angst, die Verbindung zueinander zu verlieren, womöglich in Unwissenheit darüber zu bleiben, was mit Faiz geschieht. Zwar ist die Unterhaltung insgesamt kurz, doch das ist natürlich erstens den Umständen geschuldet, unter denen sie entstanden ist und macht sie zweitens noch wesentlich eindrücklicher. Es geht nicht um große Worte in diesem Fall, es geht um Taten, Menschlichkeit, Zusammenhalt. Auch das illustriert diese Unterhaltung, unweigerlich. Wer mit sich hadert und Schwierigkeiten hat, sich in einen hineinzuversetzen, der in seiner Heimat um Leib und Leben fürchten muss, der lese diesen unverfälschten Dialog. Hier wird nichts künstlerisch stilisiert, es ist ein zutiefst authentisches und ehrliches Gespräch zwischen Todesangst und Hoffnung. Faiz lebt im Augenblick in Schleswig-Holstein. Lohnenswert und lesenswert, aufrüttelnd, ehrlich, menschlich!

Auf Lovelybooks findet derzeit eine Leserunde zum Text statt. Hier könnt ihr mitmachen.

Und hier könnt ihr das Syria FM-Radiofeature von Julia Tieke nachhören, für das sie recherchiert hat.

Faiz und Julia Tieke: Mein Akku ist gleich leer, mikrotext, ca. 50 Seiten, EPUB, 9783944543222, 1,99 €

Advertisements

  1. Das klingt wirklich interessant. Das Thema „Flüchtlingspolitik“ ist hochaktuell und ich finde es sehr spannend. Vor allem auch welche Rolle die Medien bei der ganzen Angelegenheit spielen. Sicherlich kann man auch mal einen Vergleich mit den 90er Jahren in Deutschland ziehen als die Medien (und Politik) bei der Berichterstattung auf Asylbewerberheime nicht unwesentlich beteiligt waren, an der Hetze gegen Flüchtlinge. Gewiss ist es derzeit eine andere Ausgangslage (weniger Asylbewerber in Deutschland, andere Positionen teilweise), dennoch überschneiden sich auch Ereignisse z.B. die Übergriffe auf die Flüchtlinge in den Heimen hier. Von der Grenzpolitik mal ganz abgesehen und allem, was vor dem Asyl im anderen Land geschieht (worum es ja bei deiner Besprechung literarisch geht). Die Politik und Europa muss sich wirklich mit dem Thema zeitgemäß auseinandersetzen.
    Ich werde bestimmt „Mein Akku ist gleich leer“ mal lesen!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s