Frank Wedekind / Roberta Bergmann (Ill.): Frühlings Erwachen

Ein Klassiker neu entdeckt.

buchumschlag_nominee-700x1053Klassiker haben es in der heutigen Zeit nicht leicht. Der Literaturbetrieb spuckt Jahr für Jahr tausende von Neuerscheinungen aus, deren kurze Blüte oft nur eine Saison andauert. Wie schön, dass sich manche Verlage dann doch noch an echte Klassiker herantrauen. Nun hat mich einer davon sehr neugierig gemacht. Vor 150 Jahren erblickte Frank Wedekind das Licht der Welt. Dies hat der unabhängige kunstanstifter Verlag zum Anlass genommen, um „Frühlings Erwachen“ neu und kunstvoll herauszugeben.

Kunstvoll, weil die Geschichte von Roberta Bergmann auf wunderbare Art und Weise illustriert wurde. Allein schon beim Cover bin ich absolut hingerissen. Mehr noch: Der Umschlag, der alle Akteure dieser Kindertragödie zeigt, ist eigentlich ein Plakat, das man sich an die Wand hängen kann, um sich jeden Tag daran zu erfreuen. Zurück bleibt ein Leinenumschlag, der auch ohne sein Kleid das Auge des Betrachtes verzaubert.

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Frank Wedekind erzählt in seinem Drama vom Erwachen der sexuellen Lust, das damals noch viel zu sehr unterdrückt wurde. Auch die schulische Dressur steht im Mittelpunkt. Gleichzeitig verarbeitet er in seinem Stück den Selbstmord eines Schulkameraden. Protagonisten sind verschiedene Jugendliche, die im wahrsten Sinne des Wortes aufblühen. Gleich zu Beginn ereifert sich die 14jährige Wendla bei ihrer Mutter darüber, dass diese ihr Kleid viel zu lang und streng geschneidert hat. Sie sagt: „Hätt‘ ich gewußt, daß du mir das Kleid so lang machen werdest, ich wäre lieber nicht vierzehn geworden.“ Die Mutter verteidigt sich und erzählt, dass sie ihre Tochter beschützen wolle, immerhin sei sie nicht „stakig und plump“ wie andere Mädchen. Diese Auseinanderansetzung löst bei Wendla noch viel mehr aus. So berichtet sie ihrer Mutter davon, dass sie nachts oft über einen frühen Tod nachdenkt. Die Mutter ist zutiefst erschrocken über die dunklen Gedanken ihrer Tochter.

Aber auch die Jungen haben ihr Päckchen zu tragen. Moritz und Melchior unterhalten sich beim Abendspaziergang erst über dies und das. Bald nimmt das jugendliche Gerede eine entscheidende Wendung, die Moritz mit folgender Frage einläutet: „Glaubst du nicht auch, Melchior, daß das Schamgefühl nur ein Produkt seiner Erziehung ist?“ Melchior hatte kürzlich einen ähnlichen Gedanken und so antwortet er: „Darüber habe ich erst vorgestern nachgedacht. Es scheint mir immerhin tief eingewurzelt in der menschlichen Natur. Denke dir, du sollst dich vollständig entkleiden vor deinem besten Freund. Du wirst es nicht tun, wenn er es zugleich nicht auch tut.“ So bewegt sich das Gespräch über Kinder, Mädchen und Jungen, hin zu ihren männlichen Regungen und der Fortpflanzung. Während Melchior von letzterem Thema nicht ablassen möchte, entzieht sich sein Freund mit der Entschuldigung, dass er noch etliche Hausaufgaben zu erledigen hat. Melchior will nicht locker lassen und dem offenbar nicht aufgeklärten Freund am nächsten Tag Aufzeichnungen dazu geben.

04_FruehlingsE_3.Akt3.Sz._Copyright_RobertaBergmann_kunstanstifter© Illustrationen: Roberta Bergmann / kunstanstifter verlag

Hier möchte ich erstmal mit der Handlung stoppen, denn das 1891 entstandene Werk in Gänze inhaltlich wiederzugeben, würde den Rahmen sprengen. Vielmehr möchte ich meinen Blick noch einmal auf die kongenialen Illustrationen wenden, die mich bereits im Umschlag begrüßt und vollends entzückt haben. Allein schon die Figurenzeichnung ist ein wahrer Augenschmaus! Gleich zu Beginn bleibe ich an dem Gruppenbild kleben. Die Illustrationen umranden das Erzählte, geben mit viel Feingefühl die Stimmungen wieder, schaffen so eine besondere Nähe zu den Protagonisten und sind ein erfrischender Kontrast zur manchmal ein wenig altertümlichen Sprache. Im ersten Augenblick erscheint sie sperrig, aber man muss sich Zeit nehmen und sich darauf einlassen. Dann wird man reich beschenkt. Mit einem Klassiker, der – wie so oft – am Ende doch bemerkenswert aktuell ist. Nicht nur aufgrund des modernen Striches der Zeichnungen. Denn „Frühlings Erwachen“ kann man auch mitten im Sommer lesen und sich an einem Fels von Klassiker in der Flut von Neuerscheinungen freuen.

Frank Wedekind / Roberta Bergmann (Ill.): Frühlings Erwachen. kunstanstifter Verlag, März 2014, 96 Seiten, 24,50 €.

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