Carl Nixon: Lucky Newman

Nixon_Lucky_NewmanEin Erzähler erzählt einem Erzähler die Geschichte seiner Mutter Elizabeth Whitman. Dieser schreibt die Geschichte auf, lässt Dinge weg, erfindet Neues hinzu. Nie weiß ich als Leser, was eigentlich „wahr“ oder was reine Phantasie des Chronisten Carl Nixon ist. Und genau das bereitet mir größten Genuss! Ich fühle mich beim Lesen, als sei ich angekommen im Paradies der ganz großen Erzählkunst.

Im Jahr 1919 wartet Elizabeth noch immer auf ihren im Krieg verschollenen Mann Jonathan. Dem gemeinsamen Sohn Jack (4 Jahre) erzählt sie Abend für Abend als Trost für den verlorenen Vater Geschichten vom mutigen Ballonfahrer, einem Tiger und der Mondjungfrau. Tags arbeitet sie als Krankenschwester. Emotionslos und professionell distanziert – so wird Elizabeth beschrieben. Doch genau diese Art hilft den Patienten, den Kriegsversehrten, Amputierten, Traumatisierten. Nie spricht sie mit ihnen von der Vergangenheit oder macht ihnen Hoffnung auf die Zukunft. Elizabeth lebt ganz in der Gegenwart.

Da bekommt sie einen ungewöhnlichen Auftrag. Paul Blackwell hat im Krieg sein Gedächtnis verloren. Seine Frau engagiert Elizabeth als persönliche Pflegerin. Nach erstem Zögern stimmt Elizabeth zu, denn der verwilderte magere Mann fasziniert und beeindruckt sie. Im Gegenteil zu seiner Frau, die ihn immer wieder an die gemeinsame Vergangenheit erinnert, schweigt Elizabeth in seiner Gegenwart. Distanziert. Emotionslos. Und öffnet so seine Seele. Der Mann beginnt zu sprechen. Er nennt sich Lucky.

Eine aufregende und absolut unvorhersehbare Geschichte entwickelt sich. Bis ins Dramatische erhöht Nixon die Spannung, indem er beispielsweise Ereignisse vorwegnimmt, wenn er sagt: Bedenkt man die traumatischen Geschehnisse, die bald eintreten werden, bilden diese zwei Wochen gleichsam eine Idylle in Elizabeth‘ Leben. Wie es jedoch immer der Fall ist, wird sie an diese Herbsttage erst dann zurückdenken, wenn sie für immer vorbei sind (S. 134).

Nixon katapultiert mich für einige wundervolle Stunden komplett aus der Gegenwart heraus. Draußen Sturm und Hagel. Auf meinem Sofa „Lucky Newman“ und ich. Ja, denke ich, es gibt sie eben doch noch! Diese großen Erzähler, die diese einzigartige Kunst beherrschen und mich keinen Moment des Lesens langweilen. Verzückt gerate ich wieder an eine Stelle in der Geschichte, wo sich die Stimme des Erzählers meldet: Es ist also an mir, dem Chronisten dieser Geschichte, zu entscheiden, was wann wie passiert ist. Es gibt viele Möglichkeiten. Vielleicht war es eine langsame Erkenntnis für Elizabeth, Tag für Tag, den sie mit Lucky verbrachte, ein bißchen mehr, wie stete Tropfen, die in ein Gefäß fallen, bis es überläuft. Liebe kann auch plötzlich geschehen; ein Tag, ein bestimmter Moment, in dem es einen Blick, eine Berührung gab, wonach ihr bewußt war, daß ihre Gefühle unwiderruflich waren. Irgendwann werde ich mich für eine der Möglichkeiten entscheiden müssen (S. 188).

Auch Elizabeth muss sich entscheiden. Ihre Gefühle für Lucky sind lange schon nicht mehr die einer professionell distanzierten Krankenschwester. Die Heilung schreitet nur langsam voran und noch immer verweigert Lucky auf rührend jungenhafte Art, Paul Blackwell zu sein! Um ihm Mut zu machen, ihm zu helfen, seine Identität zu finden, erzählt sie Lucky erfundene Geschichten von tapferen Helden. Doch seine Frau sucht längst Rat beim angesehenen Leiter der psychiatrischen Klinik, Dr. Parkinson …

… und wieder ist es Carl Nixon, der an diesem Punkt der Story entscheidet, wie es weitergehen wird! „Lucky Newman“ ist ein Roman, der von der Macht guter Geschichten erzählt. Und davon, dass manchmal schon eine kleine liebevolle Geste, ein Blick, ein winziger Moment der Aufmerksamkeit große Dinge bewirken kann.

Carl Nixon. Lucky Newman. Aus dem Englischen von Stefan Weidle und Ruth Keen. Weidle Verlag. Bonn 2015. Umschlagzeichnung Levke Leiß. 277 Seiten. 23,- €

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2 Antworten auf “Carl Nixon: Lucky Newman”

  1. Liebe Masuko,
    ich habe es jetzt leider ausgelesen – und es liest immer noch weiter in mir. Was soll ich sagen, das Buch ist noch besser, als ich gehofft hatte und der Autor wird von Buch zu Buch besser. Das ist selten und ich freu mich jetzt schon auf sein nächstes Werk.
    Danke für die schöne, überaus treffende Besprechung
    Kai

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    1. Lieber Kai, das ist ja mal ein schönes Bild „es liest immer noch weiter in mir“. Mir ging es ähnlich, ich habe alle drei Romane von Nixon in ganz kurzer Zeit gelesen – selten hat ein Autor mich so fasziniert. Vielleicht machst du mit „Rocking Horse Road“ weiter, das gibt es bereits im Paperback. Wie auch immer – ein toller Autor!
      Schöne Grüße, masuko

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