Pippa Goldschmidt: Weiter als der Himmel

Goldschmidt_Weiter_als _der_HimmelEs gibt so viele Sterne an diesem Himmel, sie scheinen wie eine Substanz, die die Schwärze wegfrißt (S. 29).

Wurde je ein Nachthimmel schöner beschrieben? Erinnern kann ich mich nicht. Tatsächlich geht es viel um Sterne und Planeten in diesem Roman, um Partikelwellen, um Kassiopeia und um Milliarden von Lichtjahren entfernte Galaxien. Es geht um astronomische Forschung. Und es geht um lesbische Liebe.

Jeanette ist Astronomin, lebt in Edinburgh und liebt Frauen. Während eines Forschungsauftrages in Chile entdeckt sie mit ihrer dortigen Kollegin Maggie beim Blick durchs Teleskop ein seltsames Phänomen, welches ihre viel Ärger und Streit in der wissenschaftlichen Welt einhandelt: zwei Galaxien, die miteinander verbunden scheinen. Eine gewagte These! Obwohl Jeanette erst kürzlich den Doktortitel verliehen bekommen hat und sich bestens auskennt mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Sterne, der Galaxien und des Universums selbst (S. 9), gelingt ihr ein Beweis der Behauptung nicht. So richtig bekommt sie den Kopf nicht frei und privat läuft es auch nicht bestens. Wird sie ihre Geliebte Paula, die Eltern und den Tod der Schwester Kate je verstehen? Da ist der Vater, der seiner Geliebten samtig dunkle Rosen ins Strandhaus bringt. Und da ist die Mutter, die das stumm akzeptiert und auf dem Sofa vor dem ewig flimmernden Fernseher versinkt in Depression und der Zigarettenasche, die auf alles niederrieselt wie Erde auf einen Sarg (S.9). Jeanette findet Galaxien weitaus einfacher zu verstehen, als Menschen. Sterne und Planeten sind stabil. Sie geben ihr das Gefühl, selbst stabil zu sein. Familien, denkt sie, sind wie schwarze Löcher. Man kann ihnen nicht entkommen. Ganz egal, wie sehr man sich auch bemüht, sie ziehen einen rein (S. 161).

Mit Paula hat sie zwischen wildem Sex und gierigen Küssen so schlimmen Streit, daß Jeanette überzeugt ist, daß sie nie wieder miteinander kommunizieren können. Da sitzen sie beide im Pub und zwischen ihnen befindet sich ein zerkratzter Holztisch, ein Schützengraben, ein ganzes Universum (S. 195).

Es fasziniert schon sehr, wie Goldschmidt Beziehungen, Sex und Liebe beschreibt – immer mit diesem astronomischen Blick. Körper prallen aufeinander, Lippen stoßen zusammen. Und ihre Eltern mit den leicht zueinander geneigten Köpfen lässt sie an Binärsysteme denken, zwei Sterne, die in einem stabilen Orbit aneinander gebunden sind (S. 269). Ganz besonders amüsiert hat mich aber ihre lakonische Bemerkung, sie ist jetzt eher zweidimensional, und damit eine im Notizbuch plattgedrückte Spinne meint. Sie denkt einfach in anderen Dimensionen. Das ist nicht nur spannend. Es ist extrem bereichernd, öffnet den Geist und weitet den Horizont.

Und irgendwie packt sie es ja, dieses Leben. Auch wenn sie sich manchmal wie eine Kaninchen jagende und durch Löcher fallende Alice im Wunderland fühlt. Die Welt mit den Augen einer Astronomin zu sehen – dafür danke ich Pippa Goldschmidt ganz herzlich.

Pippa Goldschmidt. Weiter als der Himmel. Aus dem Englischen von Zoe Beck. Weidle Verlag Bonn 2015. Einbandgemälde von Michael Biberstein. 283 Seiten. 19,- €

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