Nic Pizzolatto: Galveston

»Selbst wenn man es schafft, nicht dabei draufzugehen, stirbt etwas, und man hört auf, ein intaktes Wesen zu sein«

pizzolattoWenn man über Nic Pizzolattos Debütroman Galveston sprechen will, kommt man nicht umhin, über die Serie True Detective zu sprechen, deren erste Staffel im vergangenen Jahr für Furore sorgte. Darin raufen sich zwei reichlich kaputte Polizisten, grandios verkörpert von Matthew McConaughey und Woody Harrelson, zusammen, um einen Serienmörder zur Strecke zu bringen, sind aber vor allem damit beschäftigt, die Trümmer ihres Lebens aufzulesen. Wie sie durch die trostlosen Sumpflandschaften von Louisiana taumeln und mehr und mehr versinken, das ist brillant inszeniert, es packt, erschüttert und zermürbt den Zuschauer. Die zweite Staffel, in L.A. angesiedelt und mit Colin Farrell und Vince Vaughn besetzt, fällt dagegen ein wenig ab, doch sehenswert ist auch sie allemal. Für beide zeichnet der Drehbuchautor Nic Pizzolatto verantwortlich: Mit True Detective hat er einen Meilenstein in der derzeit so regen und aufregenden Serienproduktion geschaffen.

Pizzolattos Roman war da bereits erschienen, wurde jedoch kaum wahrgenommen; erst der Welterfolg von True Detective brachte ihn zurück an die Oberfläche – und auf den deutschen Markt, übersetzt von Gunter Blank, von dem auch das Nachwort stammt, eine kurze Geschichte des Noir. Galveston reiht sich demnach in eine Tradition ein, die von Dashiell Hammetts Der Malteser Falke über Jim Thompsons Der Mörder in mir und James Ellroys Die schwarze Dahlie bis hin zu den Filmen von Quentin Tarantino und der Coen-Brüder reicht. Zuletzt gab es aber, wenn man Blanks Ausführungen glauben darf, wenig Innovatives in dem Genre, »all die schönen Ansätze« seien »von einer Schrottwelle überrollt« worden. Die erste Staffel von True Detective hat hier neue Maßstäbe gesetzt, und auch wenn man von Galveston gewiss nicht dasselbe behaupten kann, so ist es dennoch ein erstklassiger Noir, der an andere großartige Werke aus diesem Jahrtausend wie James Sallis’ Driver-Romane oder Dennis Lehanes The Drop anklingt.

Wir schwiegen eine Weile, während draußen der Wind in Böen gegen die Scheiben peitschte. Wolken ballten sich am Horizont, und ich fühlte mich, als wären wir Käfer, die am Abgrund der Welt entlangkrabbelten. Was wir genau genommen auch waren.

Roy Cady heißt Pizzolattos lädierter Held, er lebt in New Orleans, arbeitet als Schläger und Killer für den Gangster Stan Ptitko, trinkt und ist todkrank: »Der Arzt hat Bilder von meiner Lunge gemacht. Die sind voller Schneeflocken.« Viel Zeit bleibt nicht mehr, doch es scheint, als seien die Kugeln schneller als der Krebs: Noch am selben Tag gerät Roy bei einem Auftrag in einen Hinterhalt und entkommt nur knapp, steigt in seinen Pick-up und haut ab. An seiner Seite die einzige Zeugin des Blutbades, Rocky, ein noch ziemlich junges Ding, das ganz eigene Probleme hat. Eigentlich lautet Roys Leitsatz, kümmere dich um niemanden als um dich selbst, aber je länger er mit Rocky im Auto sitzt und je weiter sie in den Westen fahren, desto schwerer fällt es ihm, sie ihrem Schicksal zu überlassen. Er mag ein Mörder sein, gewissenlos ist er nicht. Selbst einen Umweg nimmt er in Kauf, als sie meint, noch schnell eine Sache erledigen zu müssen.

Rocky führt ihn zu ihrem Elternhaus, verschwindet für ein paar Minuten und kehrt mit einem vierjährigen Mädchen, ihrer Schwester Tiffany, an der Hand zurück, nachdem drinnen ein Schuss gefallen ist. Zu dritt erreichen sie das titelgebende Galveston, das auf einer Insel vor der texanischen Küste liegt. Galveston, wo Roy mit seiner früheren Liebe Loraine ein paar glückliche Tage verbracht hatte, mit ihr Shrimps gegessen und in der Badewanne gelegen und Gras geraucht hatte, bevor alles auseinanderbrach. Hier quartiert er sich nun mit den beiden Mädchen in einem schäbigen Motel ein, harrt aus, bis seine Verfolger ihn holen kommen oder bis er selbst sie zu sich holt. Am Ende dieser Geschichte ist nicht mehr viel übrig von dem, was einst war. »Manche Erfahrungen überlebt man nicht; selbst wenn man es schafft, nicht dabei draufzugehen, stirbt etwas, und man hört auf, ein intaktes Wesen zu sein.«

Wenn Pizzolatto eines kann, als Drehbuchautor wie als Schriftsteller, dann ist es, diese finstere Atmosphäre zu erschaffen, Bilder von beklemmender Schwärze, selbst am helllichten Tag. Die Schauplätze scheinen sie geradezu in sich zu tragen, New Orleans ist eine Stadt »wie ein eingesunkener Amboss« und Texas »eine grüne Wüste, die darauf angelegt ist, dich mit ihrer unermesslichen Weite zu erschlagen«, vom gottverlassenen Sumpfland, in dessen Tiefen True Detective vordringt, ganz zu schweigen. Und dann gibt es diese poetischen Momente, dann blitzt eine Zärtlichkeit durch und ein Frieden, die einem beinahe noch mehr zusetzen als die rohe Gewalt, derer man Zeuge wird, Augenblicke, in denen man glaubt, es könne doch noch ein gutes Ende nehmen, obwohl man es besser weiß – das war schon so in Driver und in all den anderen Romanen. Der Noir spielt mit dem bisschen Hoffnung, das uns vergönnt ist, und lässt uns am Schluss zerrüttet zurück. So auch Nic Pizzolattos Geschichten.

Nic Pizzolatto: Galveston. Aus dem Amerikanischen von Gunter Blank. Metrolit Verlag, Berlin 2014, 253 Seiten, 20,00 €.

Die Rezension ist gleichzeitig auf SchöneSeiten erschienen.

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3 Antworten auf “Nic Pizzolatto: Galveston”

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