Sophia Jungmann und Karen Nölle: Ein Haus mit vielen Zimmern

ein_haus_mit_vielen_zimmern»Ein Haus mit vielen Zimmern« ist von Beginn an eine Einladung, die man gern annimmt. Denn die beiden Herausgeberinnen Sophia Jungmann und Karen Nölle öffnen im Vorwort charmant die Tür in ihr schön anmutendes Haus. So schreiben sie: »Eine Erzählung, hat Alice Munro gesagt, ist ein Haus mit vielen Zimmern, und wer seine Räume betritt, wird aus jedem Fenster eine neue Sicht entdecken.« So habe ich lächelnd dieses vielstimmige und generationsübergreifende Haus mit großer Neugier betreten.

Die Anthologie enthält neunzehn Beiträge, ausnahmslos von Schriftstellerinnen. Die Texte variieren in der Länge, der Erzählform, der Zeit des Entstehens und überschreiten Ländergrenzen. Und sie sind unglaublich abwechslungsreich, wie schon ein Blick auf die illustren Namen zeigt: Tania Blixen ist vertreten wie auch Sylvia Plath, Janet Frame, Ali Smith, Anna Seghers und Antje Rávic Strubel. Ebenso Siri Hustvedt und Margaret Atwood, Clarice Lispector, Judith Schalansky, Virgina Woolf, Tove Jansson, Annette Pehnt und Nora Gomringer. Und sie alle erzählen vom Schreiben – wie es der Untertitel dieses Bandes bereits ankündigt.

Ali Smith verzaubert mich gleich mit ihrem Beitrag »Wahre Kurzgeschichte«. Die Erzählerin belauscht in einem Café zwei Männer, die sich über Literatur und den Unterschied zwischen Roman und Erzählung unterhalten. Und lässt ihre Leser daran teilhaben, was die Männer so alles von sich geben: »Der Roman, sagte er, sei eine schlappe alte Hure.« Die kurze Kontrahentin kommt da wesentlich schöner bei weg. »Im Vergleich dazu sei die Kurzgeschichte eine gewandte Göttin, eine schlanke Nymphe.« Diese Behauptung weckt die Neugierde der Zuhörerin, die daraufhin ihre Freundin anruft – eine Expertin in Sachen Kurzgeschichten, die allerdings krebskrank im Krankenhaus liegt. Die Erzählerin brennt darauf, zu erfahren, was die Freundin von der Nymphenthese hält. Ein herzerfrischendes Gespräch wird das – trotz des traurigen Hintergrunds der Krankheit. Ich schmunzele und bin entzückt über die Stimmen bekannter Autoren, und was die so über Kurzgeschichten denken. Allerfeinste Beschreibungen sind das! Und wie es nun mit dieser Kurzgeschichte weitergeht? Das wird natürlich nicht verraten.

Judith Schalansky öffnet mir die Tür in ihren Schaffensprozess und berichtet in ihrem Essay nichts anderes als das, was der Titel ihres Beitrags »Wie ich Bücher mache« ankündigt. Die Autorin ist vor allem für ihre kunstvollen und wunderschön gestalteten Bücher bekannt. Obendrein hat sie die Naturkunden-Reihe bei Matthes & Seitz Berlin mitinitiiert. Sie schreibt: Zuallererst sei da natürlich die Idee für ein Buch. Doch sie müsse »zwingend sein, so stark, dass sie den Aufwand trägt, und ich über Monate, schlimmstenfalls Jahre, von ihr zehren kann.« Jedes Buch sei für sie »ein Forschungsprojekt jenseits wissenschaftlicher Standards. Und mit jedem Buch erfülle ich mir einen Wunsch. Den Wunsch, das es dieses Buch gibt. Damit es besessen werden und damit ich es besitzen kann.« Sehr aufschlussreich! Genauso interessant ist der Blick über ihrer Schulter. Ich bin unmittelbar bei der Entstehung eines Buches dabei, sehe die Idee wie einen Ballon aufsteigen und beobachte staunend Judith Schalansky, die jeden Schritt einer Karte gleich vor mir entfaltet. Ich spüre eine ansteckende Leidenschaft und die Liebe zu Büchern.

Nun eine kleine Zeitreise zu Virgina Woolf. Ich begleite sie beim Schreiben zu einer Zeit, als das für Frauen noch nicht selbstverständlich war. Sie begann im Schlafzimmer mit Feder und Papier, steckte das fertige Schriftstück in einen Umschlag und versah es dann mit einer Briefmarke. So wurde diese starke Frau zur Journalistin. Von ihrem ersten Lohn kaufte sie sich übrigens eine Perserkatze. Siri Hustvedt erzählt wiederum davon, dass sie durch das Schreiben ihre männliche Seite ausleben kann. Und wie es ist, im Haifischbecken des Literaturbetriebs als Frau zu bestehen. Zwischendurch erheitert mich Nora Gomringer mit schönen Gedichten. Ach, ich könnte noch seitenweise weiterschwärmen, doch das Buch flüstert mir gerade zu, es möchte von den Lesern selbst entdeckt werden. Nun, ich kann es ihm nicht verdenken. Also ziehe ich mich leise zurück und erfreue mich am Vergnügen, das mir das Haus bereitet hat. Es hat viele schöne Zimmer, in denen ich mich wohlgefühlt habe und das ich immer wieder aufsuchen werde. Nicht zuletzt auch wegen der wundervollen Aufmachung des Buches. Also, bitte eintreten! Oder – pssst! – kaufen und zum Weihnachtsfest verschenken.

Ein Haus mit vielen Zimmern: Autorinnen erzählen vom Schreiben. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Sophia Jungmann und Karen Nölle. edition fünf, August 2015, 232 Seiten, 19,90 €.

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