Premiere mit Deborah Feldman: Unorthodox. Eine autobiographische Erzählung

Vor wenigen Tage ist im Verlag Secession Unorthodox von Deborah Feldman erschienen. Die Premiere des Romans fand am 8. März auf der Probebühne im ausverkauften Berliner Ensemble statt. Moderiert wurde die Lesung von Anja Bröker (beide haben sich 2010 über Deborahs Blog kennen gelernt). Laura Tratnik las eindrucksvoll einzelne Passagen des Romans.

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© Secession Verlag

Wie Deborah Feldman da vorn auf der Bühne sitzt in rotem Rock und schwarzem Shirt, wird mir klar, welche großen und mutigen Schritte diese Frau in den letzten Jahren gegangen ist. Und welche Zweifel sie sicher auf ihrem Weg begleitet haben. Ich denke an den Rebbe in ihrem Roman … Es war der Rebbe, der entschied, dass ich keine englischen Bücher und nicht die Farbe Rot tragen dürfe. Er isolierte uns, und er tat es, damit wir uns niemals mit der Außenwelt vermengen konnten (S. 77). Frauen haben sich am gesamten Körper zu bedecken. Bestimmende Farben sind schwarz und weiß. Ihnen ist es außerdem verboten, Hosen zu tragen, Auto zu fahren oder die Uni zu besuchen. Das Wort College  ist – wie so viele andere Wort in den Schulbüchern – geschwärzt. In Williamsburg, wo sie aufgewachsen ist, wird ausschließlich Jiddisch gesprochen. Bloß keine Assimilierung! Denn Anpassung an das Leben der Europäer oder Amerikaner bedeute Unglück. Die Satmarer glauben, dass die damalige Anpassung der Juden an das säkulare Leben ihnen als Strafe Hitler und den Holocaust brachten. In heutigen Zeiten ist durch das Internet eine solche Abgrenzung schwieriger und die Wand zur Aussenwelt dünner geworden. Für einen Rebbe ist das Internet der Horror. Für viele Satmarer bedeutet Information durch das Internet die Chance, auszusteigen.

Es ist erstaunlich, dass aus dem kleinen schüchternen Mädchen, das sogar Angst davor hat, anders zu denken, diese mutige selbstbewusste Frau wurde, die Deborah Feldman heute ist. Mit etwa zehn Jahren, so erzählt sie, sei sie zum ersten Mal heimlich in die Bibliothek gegangen, hätte Roald Dahl gelesen und „Alice im Wunderland“. Diese Geschichten hätten sie unendlich fasziniert. Aus deren positiven Enden hätte sie ihren Optimismus geschöpft, dass auch für sie einmal alles gut ausgehen würde.

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© Secession Verlag

Begonnen hatte also alles mit dem kleinen lesenden Mädchen, das seine Helden nicht im täglichen Leben findet, sondern in Romanen. Später, da hat sie die Gemeinde längst verlassen, ist es das Schreiben, das sie stark und mutig macht. Sie hat einen Blog, in welchem sie öffentlich über Feminismus und die Zwänge der streng orthodoxen Lebensweise diskutiert. Sie sucht bewusst auch den Austausch mit anderen chassidischen Frauen und erkennt, dass sie viele ihrer Probleme mit ihnen teilt. Sie beginnt, Jeans und Blusen mit Blümchenmuster zu tragen, lässt ihr Haar wachsen, verabschiedet sich von den lästigen Perücken. Ihr Haar trägt sie offen, es fällt ihr weich über die Schulter. Ihr altes Leben streift sie ab wie eine alte Haut. Klar, dass ihre heutige Lieblingsfarbe Rot ist! Ein wunderbares Zeichen ihrer Rebellion und ihrer Emanzipation. In ihrem Blog ermutigt sie ihre Leser und Leserinnen, den Ausstieg zu wagen.

Doch das neue Leben ist nicht nur schön, sondern besonders am Anfang extrem schwer. Deborah Feldman erzählt von den Hunderten, die derzeit den Ausstieg wagen würden, für die das Leben in der Welt „draußen“ jedoch wahnsinnig schwer sei. Es brauche unendlich viel Mut und Stärke ohne das Sicherheitsnetz der chassidischen Gemeinde durchzuhalten. Die Chancen, das durchzustehen, sind gering. Viele würden scheitern und sich umbringen. Als sie das sagt, verstummt Deborah Feldman für einige Sekunden.

Als sie 2010 mit ihrem damals dreijährigen Sohn Yitzi nach Manhattan ging, sprach sie kaum Englisch. Und das war nur eine von unzähligen Schwierigkeiten. Sie kannte die Gepflogenheiten der Menschen nicht, hatte keine Beziehungen zu anderen New Yorkern. Der Rhythmus der Großstadt war ihr einfach nicht vertraut. Am schwierigsten aber sei es gewesen, den Ausstieg durchzuhalten und sich eben nicht für den Suizid zu entscheiden. Dies sei ihr damals gelungen, weil sie schließlich New York verlassen hätte und nach Berlin gegangen sei.

Berlin ist ein besonderer Ort, um neue Brücken zu bauen, schwärmt Deborah Feldman. Der Boden, auf dem die Stadt gebaut ist, sei zwar sehr sandig, erste zarte Wurzeln hätte sie aber bereits geschlagen. Keine Stadt wäre dazu besser geeignet als das tolerante Berlin. Die Brücken zu der chassidischen Gemeinde der Satmarer in New York hat sie komplett abgebrochen. Es gibt kein Zurück. Eines Tages werde ich frei sein und Yitzi auch, sagt Deborah am Ende ihres Romans auf Seite 291. Diesen Traum hat sie sich und ihrem Sohn erfüllt. Yitzi kann in Berlin eine freie selbstbestimmte Kindheit und Jugend erleben ohne die täglichen Stunden des Thora-Lesens und all die anderen strengen Regeln. Manchmal würde sie mit ihm freitags in die Synagoge gehen – ohne Zwang, sondern aus freier Entscheidung. Und manchmal eben nicht.

Feldman_2Ihr Roman ist ein mutiges und starkes Buch, in welchem Deborah von ihrer Kindheit und Jugend in der Satmarer Gemeinde erzählt. Sie schenkt uns das eigentlich Unmögliche: Einblicke in das Leben und die Rituale dieser streng chassidischen Gemeinde. Ursprünglich aus Europa kommend vereint die Gemeinde derzeit etwa 70.000 Anhänger. Auch wenn die ersten 20 Jahre im Leben der Autorin geprägt sind von Zwang und Repression, so spürt man beim Lesen keinen Zorn, keine Verachtung. Aus den Zeilen spricht außerdem eine starke Liebe zu ihren Großeltern Zeidi und Bubby, bei denen sie neben Strenge eben auch Wärme und Geborgenheit empfangen hat. Das Leben in der jiddischen Gemeinde hattte ja auch viele liebenswerte und lustige Momente, an die sich gern erinnert. Und so zeigt Deborah Feldman an jenem Abend einen wunderbaren Humor, sie wirkt weder bitter noch wütend. Ihr Mut und ihre Lust auf das Leben wirken inspirierend und irgendwie erfrischend. Geduldig signiert sie nach der Veranstaltung jedes Buch und führt kleine Gespräche mit ihren Lesern.

Auf masuko13 findet Ihr meine Rezension zum Buch von Deborah Feldman.

Und hier ein kleiner und sehr interessanter Film von Anja Bröker über das Viertel Williamsburg in New York. Wer jetzt besonders neugierig auf die Satmarer und Deborah Feldman geworden ist, der kann hier direkt auf die Minute 16.02 gehen.

Deborah Feldman. Unorthodox. Eine autobiographische Erzählung. Aus dem Englischen Christian Ruzicska. Secession Verlag für Literatur. Zürich 2016. 316 Seiten.  17,99€

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