We talk Indie: Im Gespräch mit dem Albino Verlag

In unserem Oster-Spezial haben wir Verlage vorgestellt, die bislang auf unserem Blog keine oder wenig Aufmerksamkeit bekommen haben. Einer dieser kleinen feinen Verlage ist der  Berliner Albino Verlag, den ich euch heute näher vorstellen möchte. Mit City Boy – Mein Leben in New York von Edmund White startete der Verlag 2015 sein Programm. Ein Titel, der meine Neugier aufs Buch sowie auf den Verlag geweckt hat. Das Buch öffne ich bald für euch, der Verlag hat heute seinen Auftritt. Ich habe dazu Ronny Matthes interviewt, der für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Weiterhin gehören zum Team der Programmleiter Alexander Hamann und der Volontär Matthias Höhne.

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 Foto: © Michael Taubenheim
Programmleiter Alexander Hamann (l.) mit Autor Edmund White (r.) in Berlin. 

Im Grunde seid ihr gar nicht so jung, wie es auf dem ersten Blick scheint. Die Verlagsgründung war bereits 1981. Wie ist der Verlag entstanden? Und wie kam es zur Neugründung 2015?

Ursprünglich ins Leben gerufen wurde der Albino Verlag von Gerhard Hoffmann und Reinhard von der Marwitz. Sie hatten Ende der Siebziger das erste offen schwul-lesbische Café „Anderes Ufer“ in Berlin gegründet und bereits eine politische Zeitschrift herausgegeben. Mit Albino holten sie dann schwule Autoren von Weltrang nach Deutschland: Bis zur Einstellung von Albino wurden hier unter anderem Christopher Isherwood, James Purdy und Jean Cocteau verlegt. Als wir dann daran arbeiteten, ein neues Literatur- und Sachbuch-Label mit ähnlichem Schwerpunkt zu gründen, lag die Idee, den Albino Verlag wiederzubeleben, auf der Hand. Denn die mit dem Verlag verknüpfte Geschichte bot einen passenden Ausgangspunkt, der sich in unseren ersten beiden Programmen widerspiegelt: Albino verlegt internationale Autoren, deren Werke (literarischen) Anspruch und spannende, ungewöhnliche Themen vereinen.

Welche Schwerpunkte setzt der Verlag? Was zeichnet ihn aus?

Wir setzen auf eine Mischung aus literarischen Highlights bzw. Wiederentdeckungen, ausgewählten Sachbüchern und jungen Romanen. So haben wir kürzlich Movie Star, das Debüt des kanadischen Autors Raziel Reid, auf Deutsch herausgebracht. Und Mitte des Jahres steht die Wiederveröffentlichung von Dale Pecks großem Roman Schwarz und Weiß an, der lange Zeit nicht mehr lieferbar war. Alle unsere Autoren haben den Blick für das Außergewöhnliche gemeinsam, d.h. sie betrachten die Dinge aus einer ungewöhnlichen Perspektive, entwerfen alternative Lebenswege oder beschäftigen sich mit Figuren am Rand der Gesellschaft. Dass der Blickwinkel oft ein queerer ist, überrascht angesichts unserer Vorgeschichte vermutlich nicht. Aber unsere Bücher sind nicht nur für eine bestimmte Community gedacht – sie richten sich an ein weltoffenes, urbanes Publikum, das neugierig auf unangepasste, provokante Inhalte ist. Nicht zuletzt ist es aber auch die Leidenschaft der Verlagsmitarbeiter, die sich in den Programmen niederschlägt. Wir machen Bücher, die uns wirklich am Herzen liegen, und wollen unsere Autoren auch auf längere Sicht begleiten.

Gibt es Herausforderungen, denen Ihr Euch nach der Neugründung stellen musstet?

Hauptsächlich stellten sich die „Standardfragen“: Wie baue ich Kontakte zur Presse auf? Wie trete ich an den Buchhandel heran und viel wichtiger – wie kann ich ihn von mir überzeugen? Angesichts der (natürlich begrüßenswerten) Fülle von Verlagen in Deutschland ist es gar nicht so einfach, zwischen etablierten Häusern wahrgenommen zu werden. Es sind erfreulicherweise bereits Kontakte zu Händlern und Journalisten entstanden, die Albino sehr positiv aufgenommen haben, aber wir sind fest davon überzeugt, dass da noch mehr geht. Wir sind also momentan hauptsächlich damit befasst, mehr Sichtbarkeit für Albino herzustellen.

Was schätzt Ihr an der unabhängigen Kleinverlagswelt?

Wie mit so vielen Dingen im Leben hat auch das Kleinsein Vor- und Nachteile gleichermaßen. Ohne großes Werbebudget ist es beispielsweise schwieriger, potenzielle Kunden anzusprechen oder interessante Veranstaltungen zu organisieren, die vorfinanziert sein wollen. Andererseits sind die Entscheidungswege sehr kurz, man kann schneller agieren, als es dem großen Konzernverlag vielleicht möglich ist. Ganz allgemein können Kleinverlage auch Nischen bedienen, für die es zwar ein Publikum gibt, die sich für ein großes Unternehmen aber einfach nicht rechnen. Die kleinen Verlage füllen daher oft Lücken, die „die Großen“ offen lassen, sodass es für beinahe jeden Geschmack etwas Interessantes zu entdecken gibt.

Welche Entwicklungen auf dem Buchmarkt / im Literaturbetrieb beschäftigt Euch zurzeit besonders stark?

Zum einen verfolgen wir natürlich die Situation des unabhängigen stationären Buchhandels – der nicht so nah am Abgrund steht, wie es oft beschrien wurde. Wir glauben, dank des Aufschwungs, der sich für unabhängige Händler zurzeit abzeichnet, werden sich auch in Zukunft viele Möglichkeiten für eine in alle Richtungen produktive Zusammenarbeit ergeben. Zum andern beschäftigt natürlich auch uns das Thema Digitalisierung, insbesondere Social Media und auch Literaturblogs. Wir haben große Lust, in Zukunft noch mehr mit Bloggern zusammenzuarbeiten.

Edmund White ist Teil Eures Verlagsprogramms. Wie ist die Verbindung zum Autor entstanden?

Nachdem Edmund Whites Bücher in Deutschland lange Zeit vergriffen waren, erschienen in den letzten Jahren bei unserem Partnerverlag Bruno Gmünder bereits drei bekannte Romane des Autors (Selbstbildnis eines Jünglings, Und das schöne Zimmer ist leer, Jack Holmes und sein Freund). Wir kannten und schätzten seine Arbeit also schon und hatten bereits einige Gelegenheiten, ihn persönlich zu treffen. White ist eine zentrale Figur der schwulen Literatur und hat eine beeindruckende Produktivität und Vielseitigkeit bewiesen: Neben den genannten Romanen verfasste er auch Biografien (über Genet, Rimbaud und Proust), Memoiren, Essaybände und das – wenn man das so sagen kann – literarische Sachbuch Der Flaneur, in dem White persönlich Erlebtes und Pariser Kulturgeschichte verwebt und dieser weltbekannten Metropole wiederum neue Seiten abgewinnt. Bei der Albino-Neugründung war also sofort klar, dass dieser Autor einen Platz im Programm braucht. Wir werden auch in Zukunft daran arbeiten, Whites Werk in Deutschland bekannt zu machen, und freuen uns darüber, dass sein neuer Roman Our Young Man im Herbst auf Deutsch bei uns erscheinen wird.

Möchtet Ihr ein ganz persönliches Lieblingsbuch empfehlen? Gern aus einem unabhängigen Verlag. 

Uff, da gibt es natürlich etliche, die empfohlen werden könnten und sollten. Aber so ganz spontan fällt mir auf diese Frage der Essayband Talisman von Yoko Tawada (Konkursbuch Verlag) ein. In kurzen, sprachlich präzisen Texten entdeckt die Autorin mit ihrem „japanischen Blick“ Unerwartetes und teils Kurioses im deutschen Alltag. Das macht Spaß und verrückt auf angenehme Weise den eigenen Blick auf scheinbar gewöhnliche Dinge und Situationen.

Albino_facebook_profilbild

Herzlichen Dank an Ronny Matthes für das Gespräch und weiterhin alles Gute und viel Erfolg!

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2 Antworten auf “We talk Indie: Im Gespräch mit dem Albino Verlag”

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