Giftgrün und gallig – Der Höllenknirps Alper und der Alltag in der Türkei

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Er ist schon ein rechter Satansbraten, der kleine Alper Kamu, ein vorlauter Knirps von fünf Jahren, der beim Frühstück Nietzsche oder Dostojewski liest, die Vorschule als Hölle betrachtet und niemals, aber wirklich niemals erwachsen werden möchte. Eigentlich lebt Alper ein ganz gewöhnliches Leben in einem Istanbuler Arbeiterviertel, wären da nicht diese Verbrechen, über die er wie zufällig stolpert. Aber vielleicht stößt er auch nur auf kriminelle Machenschaften, weil er so sensibel ist und seine Mitmenschen genau beobachtet. Denn Alper ist nicht nur ein frecher Knirps und wachsamer Kriminalist, sondern auch hochintelligent und ein begnadeter Psychologe.

Ihr wisst ja, Menschen werden geboren, sterben und werden dann groß. Was mich betraf, so erlebte ich den Frühling meines fünften Lebensjahres mit Todesfällen, die das Schicksal mir zugedacht hatte. In meiner düsteren Welt des ewigen Novembers, in der es immer Donnerstag war und die Uhr stets drei Uhr nachmittags zeigte, saß ich zusammengekauert unter dem Esstisch und blätterte in einem bebilderten Buch über die Feinheiten des Harakiri.

In die Welt gesetzt hat diesen Höllenknirps der türkische Schrifsteller Alper Canıgüz. Seit geraumer Zeit liegen zwei Alper-Kamu-Romane in deutscher Übersetzung von Monika Deminel vor. Es sind gesellschaftskritische Krimis mit viel Humor. In Söhne und siechende Seelen stolpert Alper über die Leiche eines pensionierten Polizeidirektors und übernimmt die Ermittlungen, weil er nicht an die vorschnell verbreitete Theorie einer Selbsttötung glaubt. In Höllenblume, seinem zweiten Fall, stößt Alper in der Nachbarschaft auf ein finsteres Familienkomplott, nachdem ihm sein neuer Freund Ümit gesteht: »Mein Bruder ist tot. Ich habe ihn umgebracht.«

Alle reden derzeit über die Türkei, genauer über die dort herrschende Klasse und ihre Politik, noch genauer über die Clique um Präsident Erdogan und seine alleinregierende Partei AKP. So richtig und wichtig es ist, die Menschenrechtsverletzungen, die eingeschränkte Pressefreiheit, die paschahafte politische Willkür Erdogans anzuprangern, so wichtig wäre es auch, mehr über den realen Alltag der Türken zu lernen und zu erfahren wie die »kleinen Leute« in Istanbul oder Ankara denken. Genau das macht Canıgüz in seinen Romanen.

Aber er verliert das »große Bild« keinesfalls aus den Augen. Nicht ohne Grund heißt der durchtriebene und misanthropische Chef von Alpers Vater Erdogan (oder ist Erdogan in der Türkei etwa ein Familienname wie bei uns Lehmann und Schulze?) Die Tücken des Alltags, kleinliche Bürokratie, allgegenwärtige Formen der Korruption, Vetternwirtschaft, überlebensnotwendige Kleinkriminalität, Lücken im Gesetz, komplexe und komplizierte Strukturen in Großfamilien, große Sorgen, kleine Nöte, ja selbst ethnische und religöse Konflikte flicht Canıgüz nonchalant in die Geschichten um seinen kleinen Helden Alper Kamu ein. Doch er überfrachtet nicht. Alper bleibt trotzdem der Junge von nebenan, der seinen Vater abgöttisch liebt, zu seiner Mutter ein leicht gespanntes Verhältnis hat, gerne mit den Jungs der Nachbarschaft auf dem Bolzplatz herumkickt oder gegen die Bande aus dem Nachbarviertel »Krieg« führt.

Doch weil Alper auch irgendwie hochbegabt und intelligenter als seine Kumpels der Straße ist, schlägt er sich altklug und keck, vorlaut und niemals um eine freche Replik verlegen durch das Windmühlengeflecht der Erwachsenenwelt, er ist ein moderner Schelm, ein Eulenspiegel der Vorstadt. Dieser Kunstgriff Canıgüz’, die große Welt durch die Augen des kleinen Alper zu betrachten, macht Söhne und siechende Seelen und Höllenblume besonders. Der Höllenknirps spricht laut und offen aus, was die Erwachsenen um ihn herum allenfalls hinter vor gehaltener Hand tuscheln oder im Extrem nicht einmal zu denken wagen. Nebenbei sind die zwei Kriminalfälle des Alper Kamu auch feinste psychoanalytische Studien, die viel verraten über die Verfassung der türkischen Gesellschaft mit ihren undurchdringlichen Regeln und Konventionen. Gespickt wird das mit einer kräftigen Portion Ironie, galligem Sarkasmus und viel abgründig schwarzem Humor.

Als Detektiv beobachtet und deduziert Alper wie die großen Vorbilder Sherlock Holmes oder Hercule Poirot. Wenn nötig hilft aber auch ein Drogenrausch, eine halbe Flasche Wodka oder ein feucht-melancholisches Abend mit dem Vater und seinen Freunden in der Stammkneipe bei der Lösung des Falls. Wie überhaupt das Rollen- und Wechselspiel der Generationen und Geschlechter immer wieder zur tragenden Säule wird.

Erwachsen wird Alper nie, er wird ewig 5 Jahre alt bleiben, auch in den kommenden Romanen, das hat sein geistiger Vater beschlossen. Und die Figur Alper wird damit glücklich sein. Denn nur ein vorlauter Vorschüler kann den Erwachsenen unbedarft die Wahrheit über ihr verkorkstes und verlogenen Leben um die Ohren hauen.

Ihr Leben verbrachten sie damit, zu beschleunigen, zu verlangsamen, alle möglichen Töne von sich zu geben und durch die Gegend zu gucken. Es machte mich krank, daran zu denken, dass ich eines Tages so werden würde wie sie. Leider gab es da keinen Ausweg. Die Zeit war grausam und ich alterte schnell.

Also, wer wissen möchte wie die Türkei tickt, der sollte Alper Canıgüz lauschen, beziehungsweise seinem Alter Ego (?) dem Höllenknirps und Satansbraten Alper Kamu. Genauere Details über den Inhalt der beiden psychologisch-philosophischen Krimis mit Vorschulermittler Alper werden hier mit Absicht nicht ausgeplaudert. Selber lesen! Als Belohnung winken beste Unterhaltung und überraschende Einblicke in den türkischen Alltag.

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Alper Canıgüz, geboren 1969 in Istanbul – Foto: Murat Yılmaz /Binooki Verlag

Alper Canıgüz: Söhne und siechende Seelen. Roman, 224 Seiten. Berlin: Binooki Verlag 2012 & Alper Canıgüz: Höllenblume. Roman, 260 Seiten Berlin: Binooki Verlag 2015

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