Corinna T. Sievers: Die Halbwertszeit der Liebe

Sievers„Mit Frauen ist es wie mit Gott, du kannst sie fürchten und anbeten, aber am Ende vernichten sie dich immer“
„Eine Psychose nennen Psychiater die Liebe, laut Weltgesundheitsorganisation braucht sie zwei bis drei Jahre, um auszuheilen.“ Trotzdem will sich die 45-jährige Schönheitschirurgin Margarete nach ihrer Scheidung auf eine neue Liebe einlassen – sie sucht sogar ganz bewusst danach. Als Objekt ihrer Begierde erwählt sie auf einem Kongress den Facharzt Heinrich: Single, erfolgreich, ein wenig dicklich, überaus neurotisch. Margarete ist sehr groß, sehr schlank, sehr schön und sehr nüchtern. Sie empfindet keinerlei sexuelle Begierde:

„Gern kopuliere ich nicht, weder im Liegen noch im Stehen. Ich kann nicht kopulieren. Ich bin alibidinös.“

Regelmäßig befriedigt sie sich selbst, um Hygiene zu betreiben, Lust verspürt sie dabei keine. Sie gibt sich so, wie die Männer sie haben wollen, stutzt ihr Schamhaar den „Trends“ auf YouPorn entsprechend und achtet aufmerksam auf all die Signale in einem Spiel, das sie nicht beherrscht. Heinrich, so stellt sich bald heraus, findet es erregend, wenn er Konkurrenz hat und eifersüchtig wird. Margarete lässt sich darauf ein – und ahnt nicht, wie gefährlich das noch wird …

Wer das Schnäuzchen voll hat vom eintönigen Einheitsbrei, der greife bitte zu Die Halbwertszeit der Liebe. Dieses Buch ist extrem: extrem amüsant, extrem anregend, extrem originell. Mit einer bewundernswert prickelnden Ironie erzählt die Kieferorthopädin Corinna T. Sievers, die bereits mehrere Romane veröffentlicht hat, von einer ungewöhnlichen Frau, die an einer Krankheit leidet, über die kaum jemals gesprochen wird. Protagonistin Margarete ist schön, gebildet, reich und hochbegehrt – nur sie selbst kann nicht begehren. In ihrem Körper tanzen keine Hormone Polka, sexuelle Lust ist ihr fremd, bei jedem noch so guten Stimulus bleibt sie trocken. Spezielle Medikamente wirbeln sie innerlich ein wenig auf, doch generell ist Margarete über die Maßen kontrolliert und emotionslos. Wie sie an die Liebe herangeht, ist so gefühlsbefreit, dass das Buch zu einem höchst kuriosen Lesevergnügen wird.

Mit diesem Roman ist Corinna T. Sievers etwas Eigenartiges gelungen: Er ist sehr nüchtern und sehr pathetisch zugleich. Der Stil ist offen und frei, erfrischend unverschämt, herrlich sarkastisch, sehr trocken, und dennoch an mancher Stelle überkandidelt, hochgeschaukelt, gefühlsbeladen. Das ist eine spannende Mixtur, die das Verlogene, Geheuchelte der Protagonisten spiegelt sowie der noblen Gesellschaft, in der sie sich bewegen: Hier zählen Schönheit, teure Autos, schicke Kleider, Intellekt, Ansehen und Geld. Die Ärzte sind gelangweilt und spielen, um sich die Zeit zu vertreiben, mit all dem, was ihnen ohnehin nichts bedeutet – und möge es dabei auch um Leben und Tod gehen. Dies nimmt die Autorin mit einer niveauvoll erzählten, perfiden und witzigen Geschichte auf die Schippe. Ein Buch, das mich wunderbar unterhalten hat in seiner Andersartigkeit. Well done!

Corinna T. Sievers: Die Halbwertszeit der LiebeFrankfurter Verlagsanstalt 2016, 224 Seiten, 22 €.

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2 Antworten auf “Corinna T. Sievers: Die Halbwertszeit der Liebe”

  1. Hmm… klingt als würde man es am Ende weglegen und denken (oder auch schon während der Geschichte denken): Und warum macht die das jetzt alles, wo es ihr doch nichts bringt? Warum nicht einfach den Sex und die Liebe sein lassen, und noch zwei drei erfüllende Hobbies annehmen, für die andere keine Zeit haben?

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