Mary McCarthy: Die Clique.

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»Einen Martini bitte!«

Bei »Die Clique« nicht an »Sex and the City« zu denken, fällt wahrlich schwer. Ach, eigentlich ist es schier unmöglich. Immerhin hat dieser Roman Candace Bushnell begeistert und inspiriert. Aus ihrer Feder stammt die literarische Vorlage für die amerikanische Erfolgsserie »Sex and the City«. Sie selbst schreibt im Vorwort: »Ich bin ziemlich sicher, dass ich nie ein Buch wie »Die Clique« zustande bringen werde, aber Mary McCarthy wird mich immer inspirieren.« In jedem Fall ist »Die Clique« ein moderner Klassiker der Frauenliteratur.

»Die Clique« und ich, das war Liebe auf den zweiten Blick. Während ich beim ersten Anlesen nicht recht warm wurde mit dem Roman, glühte unsere Beziehung nach dem zweiten Anlauf dafür wie eine starke Sommersonne auf. Was wohl daran liegen mag, dass ich mich zunächst unter den acht Frauen zurechtfinden musste, die eingangs bei Kays Hochzeit auf der Bildfläche erscheinen. Sie sitzen in der Kirche beisammen und sehen mit ihren Pelzkrägen »wie ausgewachsene Edelpelztierchen« aus. Ein schönes Bild, das die Autorin über ihre Heldinnen zeichnet und mir ein Schmunzeln ins Gesicht legt.

Hier sind sie also: Kay, Helena, Polly, Pokey, Dottie, Priss, Elinor und Libby. Frisch vom Vassar-College gekommen, liegt den jungen Frauen die Welt zu Füßen. Sofort spüre ich das jugendliche Prickeln der Möglichkeiten. Verführerisch wie ein rotbäckiger Apfel, der darauf wartet, gepflückt zu werden. Als wäre das nicht schon aufregend genug, flimmert im Hintergrund das New York der Dreißiger Jahre. Jetzt einen Martini bitte!

Die Wege der Mädchen sind genauso unterschiedlich wie ihre Charaktere. Genau dies macht die Lektüre zu einem äußerst abwechslungsreichen Vergnügen. Jedes Kapitel wendet sich ganz einer Protagonistin zu – mit all ihren Sorgen, Ängsten und Wünschen. Ehe ich mich versehe, wird aus dem etwas verworrenen Wollknäuel des ersten Kapitels eine klare Linie, an der ich lächelnd, aber ebenso berührt und verzaubert entlanglaufe. Und dabei fast ein Teil der Clique werde. Ich amüsiere mich prächtig über die schlagfertigen Dialoge, bestaune den Mut, an die eigenen Ideale zu glauben und die Kraft, unüberwindbare Hindernisse zu überschreiten.

So treffe ich auf Priss, die mit einem jungen Arzt verheiratet ist und auf ihre berufliche Karriere verzichtet. Dottie hingegen ist neugierig auf Abenteuer und geht eine Affäre mit einem verheirateten Mann ein. Besonders anziehend empfinde ich Libbys Leben. Sie ist schreibt gern und hat bereits an Kursen für das Schreiben von Kurzgeschichten und Gedichten teilgenommen. Überdies spricht sie mehrere Sprachen fließend und möchte es jetzt wissen: Eine Karriere im Verlag ist Libbys großer Traum. Die Verwirklichung ist allerdings steinhart wie Beton. Ihr Vorgesetzter zeigt sich zu Beginn recht offen, gibt ihr reichlich Manuskripte zum Prüfen mit, doch im Laufe der Zeit spürt Libby, dass etwas nicht stimmt. Bewegend lese ich mich auch durch Pollys Leben, der ein Weg als Medizinerin aufgrund finanzieller Einschränkungen verwehrt bleibt. Dafür ist sie Krankenschwester und hat einen Vater, der unter Schwermut leidet. Später taucht die Diagnose manisch-depressiv auf. Wie sie sich seiner annimmt, nachdem sich ihre Eltern haben scheiden lassen, rührt mich sehr.

»Die Clique« ist ein großartiges Frauenbuch, das ich jeder Frau in die Handtasche stecken möchte. Es ist ein Sammelsurium an Themen, die uns alle beschäftigen. Heute ebenso wie in den sechziger Jahren, als der Roman erstmals erschien und sich fast zwei Jahre in der Bestsellerliste der New York Times hielt. Mary McCarthys Scharfsinn und ihr tiefschwarzer Humor garantieren ein geistreiches und erfrischendes Leseerlebnis.

Mary McCarthy: Die Clique. Aus dem Englischen von Ursula von Zedlitz. Ebersbach & Simon, 2015, 500 Seiten, 22,- €.

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  1. Das Buch stand im Bücherregal meiner Mutter (geboren 1929) und nach dieser interessanten Besprechung ärgere ich mich, dass ich es nie gelesen habe! Ich weiß noch, dass ich mal darin geblättert habe, aber die Chance auf eine Liebe auf den zweiten Blick habe ich ihm nicht gegeben. Vielleicht bekommt es die jetzt! (Jedenfalls eher als „Sex and the City“ 😉

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