Thomas Willmann: Das finstere Tal

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Sprachgewaltig. Das fällt mir als Erstes zum Buch „Das finstere Tal“ von Thomas Willmann ein. Ein einsames Dorf in den Bergen. Ein düsteres Geheimnis. Ein Fremder. Eine Abrechnung – das alles zusammen ergibt eine mitreißend erzählte Geschichte, atemberaubend und fesselnd bis zum Schluss.

Irgendwann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: In einem namenlosen Gebirge, wohl den Alpen, liegt inmitten einer großen Hochebene ein Dorf. Erreichbar ist diese Hochebene nur durch einen mühsam zu begehenden, steilen und schmalen Pfad, der am Ende durch eine enge Felsspalte führt, „wenig mehr als ein halb verwitterter Fußsteig – viel Verkehr herrschte nicht, hatte nie geherrscht zwischen den Bewohnern der Ebene und denen des riesigen Felskessels hier in der Höhe. Dass dort so nah unter dem Himmel jemand lebte, war unten kaum mehr als eine halb vergessene Legende. Und das war den Leuten hier oben gerade recht. So ist das Dorf, sind die Menschen dort, fast völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Ihr Horizont endet an den steilen Felswänden, die in der Ferne die Hochebene umgeben. Auf den anstrengenden Weg nach unten machen sich höchstens der Krämer und seine Frau einmal im Jahr. Doch es ist keine Idylle dort oben: Das Leben ist hart und voller Mühen, die Menschen sind freudlos, gezeichnet von anstrengender körperlicher Arbeit. Aber die Abgeschiedenheit ihrer Hochebene ist ihre Welt. Sie kennen keine andere. Beherrscht wird diese Welt vom Brenner Bauern und seinen sechs Söhnen, dessen Hof weit außerhalb des Dorfes düster hinter einem Wald am Rand des Talkessels liegt. Und düster ist auch die Stimmung, in die der Leser direkt hineingeworfen wird. Ein dunkles Geheimnis liegt über allem.

Zu Beginn der Geschichte erklimmt der Kunstmaler Greider – Vornamen sind überflüssig – mit seinem vollgepackten Maultier den unwegsamen Pfad, durchquert die schmale Felsspalte und tritt ein in die fremde Welt der Hochebene. Bald erreicht er das Dorf mit seinen kargen, schmucklosen, niedrigen Häusern. Die Bewohner empfangen ihn neugierig, aber misstrauisch und abweisend, am liebsten hätten sie ihn wieder ins Tal hinuntergejagt. Greider erklärt, dass er im Dorf überwintern wolle um zu malen und als er mit einem Beutel voller Goldstücke zeigt, dass er üppig dafür bezahlen kann, wird ihm widerstrebend im Hof der Witwe Gader und ihrer Tochter Luzi ein Quartier zugewiesen. Dann kommt der Winter: „Es war kalt geworden in der Hochebene. Seine ersten zwei, drei Wochen hatte Greider den Bergkessel noch erfüllt gefunden von einem hartnäckigen Nebel, der aus allem die Farben zu saugen schien und der manchmal erst mittags widerwillig der Sonne Durchlass gewährte. Doch diesem fahlen Dunst war es jetzt selbst zu ungastlich geworden, und an seiner statt bleichte in den frühen Stunden des Tages ein pelziger Raureif die Welt. Als wolle der Winter Maß nehmen für das weiße Tuch aus dickerem Stoff, das er bald über alles breiten würde.“

Der Schnee  fällt und die Abgeschiedenheit wird total. Greider ist zusammen mit den Bewohnern des Hochtals eingeschlossen und beginnt seine Umgebung zu erkunden, erst das Dorf, später führen ihn seine Streifzüge auch in die entlegensten Winkel der Hochebene. Er zeichnet, macht Skizzen. Mit der Zeit gewöhnen sich die Bewohner an seinen Anblick, er ist ihnen ein gleichgültig Geduldeter. Nur der Kontakt zu seiner Gastwirtin und ihrer Tocher wird herzlicher, Greider verbringt Weihnachten mit ihnen zusammen, erlebt mit, wie sich Tochter Luzi mit dem Sohn eines Nachbarhofs verlobt. Der Schatten, der über der gesamten Stimmung liegt, nimmt nun eine dunklere Färbung an. Luzi freut sich auf die Hochzeit, hat aber auch Angst vor etwas Ungenanntem. Der Leser beginnt förmlich die Unruhe zu spüren. Gleichzeitig wird in geschickt eingebauten Rückblenden nach und nach klar, was Greider genau an diesen Ort geführt hat. Er ist wirklich Kunstmaler, aber es gibt auch noch einen anderen Grund, der tief in der Vergangenheit liegt. Und an den niemand im Dorf erinnert werden möchte.

Dann verunglückt einer der Söhne des Brenner Bauern beim Arbeiten an der Holzrutsche, mit der die gefällten Bäume von den Steilhängen ins Dorf befördert werden. Ein zweiter Sohn des Brenner Bauern wird kurz darauf tot im Mühlenbach gefunden. Die Geschichte nimmt Fahrt auf und ganz langsam fängt der Leser an zu verstehen, was für ein finsteres Geheimnis auf der Hochebene und ihren Bewohnern liegt. Doch wie monströs dies ist, kommt erst allmählich zum Vorschein. Und jetzt geht es nur noch um eines: Vergeltung. Es fließt Blut.

Gegen Ende fällt ein bemerkenswerter Satz: „Freiheit ist ein Geschenk, das sich nicht jeder gern machen lässt. Den musste ich noch loswerden, aber mehr kann ich nicht schreiben, ohne zuviel zu verraten. „Das finstere Tal“ ist ein Buch, in dem Sprache, Handlung und Stimmung perfekt zueinanderpassen. Eine Geschichte über Rache und Gerechtigkeit. Ein Alpenwestern. Und augenzwinkernd hat der Autor im Nachwort dem Buch Ludwig Ganghofer und Sergio Leone als Schutzheilige anempfohlen. Nur die Mundharmonika fehlt.

Ganz großes Kino*. Unbedingt lesen!

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*Nicht nur als Kopfkino: Auch die Verfilmung ist sehr gelungen.

Thomas Willmann, Das finstere Tal, Liebeskind Verlag 2010, 320 Seiten, 19,80 €

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2 Antworten auf “Thomas Willmann: Das finstere Tal”

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