Garry Disher: Bitter Wash Road

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Wenn die Buchhändlerin in einer der Buchhandlungen meines Vertrauens mir den Kriminalroman „Bitter Wash Road“ von Garry Disher nicht empfohlen hätte, dann wäre mir ein stilistisch und dramaturgisch perfekt komponiertes Buch entgangen. So aber durfte ich mich mehrere Lese-Abende im australischen Outback herumtreiben, die flirrende Hitze spüren und den Staub auf der Zunge schmecken. Und dabei sein, wenn Constable Paul Hirschhausen in einem Fall ermittelt, bei dem er hineinsticht in ein Nest aus Korruption, Rassismus und mühsam unterdrückter Gewalt.

Das Outback ist eine Welt für sich. Obwohl nur wenige Autostunden von der Großstadt Adelaide und der sie umgebenden fruchtbaren Weinregion entfernt, gelten hier andere Regeln, lebt hier ein anderer Menschenschlag, mürrisch, zäh, desillusioniert, ausgezehrt von den ständigen Mühen, der unwirtlichen und ausgetrockneten Landschaft das Nötigste zum Überleben abzuringen.

Vor vielen Jahren bin ich durch Australien gereist. Wohl nie werde ich den Moment vergessen, als nach einer halben Nacht im Bus die Sonne aufging, die Fahrt durch eine Pause unterbrochen wurde und ich zum ersten Mal den trockenen Outback-Boden betrat, der in der frühen Morgenstunde ringsumher in einem leuchtenden Rot erstrahlte. Kühle Morgenluft, rote Erde, karg und wunderschön. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht an jene Australien-Reise denke, aber durch dieses Buch wirken die Bilder im Kopf noch einmal intensiver. Denn genau in diese Gegend führt uns der Roman Garry Dishers.

Hier liegt die Kleinstadt Tiverton, in die Constable Paul Hirschausen, genannt Hirsch, vor Kurzem versetzt wurde, um den dortigen Ein-Mann-Polizeiposten zu übernehmen. Nicht ganz freiwillig, wie schnell klar wird. Hirsch ist ein Einzelgänger, ein Polizist, dessen Leben und Karriere nicht so gelaufen sind, wie er sich es vorgestellt hat; mit Folgen die ihn nun in diesen gottverlassenen Ort irgendwo im Niemandsland des Outback geführt haben. Ein paar Straßen, ein Krämerladen, eine Schule, ein Pub. Im Umkreis einsame Farmen, aufgegebene Bergwerkstollen, Wasserlöcher, leere Straßen, auf denen kaum ein Auto unterwegs ist. „Eine Landschaft, die geradezu danach lechzte, dass sich etwas bewegte. Vögel, die wie aus Blech gestanzt wirkten, beobachteten ihn von den Stromleitungen aus. Farmhäuser kauerten stumm hinter Zypressen, Landmaschinen warteten reglos auf Koppeln, bis er vorbeigefahren war.“ Die Stille und die Hitze sind bei diesen Worten schon fast körperlich spürbar.

Hirsch macht sich mit seiner neuen Umgebung vertraut, erlebt stummes Misstrauen seitens der Bewohner und offene Verachtung seitens seiner Kollegen und seines Vorgesetzten aus der Polizeistation im nächstgrößeren Ort. Stoisch perlt beides von ihm ab, er ist ein gescheiterter, desillusionierter Polizist, der zu viel Dinge gesehen hat, die er nicht hätte sehen sollen. Dann wird an einer der Straßen ein Mädchen aus dem Ort überfahren, vermutlich beim Trampen, vermutlich ein Unfall mit Fahrerflucht. Vermutlich.

Vielleicht aber auch nicht.

Hirsch beginnt zu ermitteln, fragt mal hier, mal dort. Die Suche führt ihn kreuz und quer durch die leere Gegend, er lernt die Menschen kennen, die dort leben, Farmer, Arbeiter, aber auch die Bessergestellten des Bezirks; „diese guten alten Jungs, Säulen der Gesellschaft, örtlicher Landadel.“ Man kennt sich, man hilft sich. Er wird von Familiendramen hören und von gescheiterten Existenzen, wird mit Leuten reden, die mit dem Rücken an der Wand stehen, nicht vor und nicht zurück können. Und ganz langsam beginnen sich durch Hirschs Beharrlichkeit die ersten Zusammenhänge herauszuschälen.

Doch was für ein Geflecht aus Gier, Erpressung, Gewalt, sexueller Ausbeutung, Mord und Rassismus er nach und nach aufdecken wird, hätte er sich nicht träumen lassen. Ein Geflecht, das überdeckt wird von der Stille des Outback; eine Stille, die im Verlauf der Handlung des Romans immer tosender wird. Es ist aller mörderischen Dramatik zum Trotz eine vollkommen unhektische Handlung, die menschenfeindliche Schönheit der Landschaft ein wichtiger Teil davon.

Eine Landschaft, die den Menschen nichts schenkt; Hirsch passt gut hierher, auch er will nichts geschenkt haben. Er will nur überleben. Mit Paul Hirschhausen hat Garry Disher einen perfekten Anti-Helden geschaffen. Einen, der nicht austeilt, aber auch nicht einsteckt. Einen, der zuhört, kombiniert, sich auf sein Bauchgefühl verlässt. Der oft zweifelt, ob das, was er tut, auch das Richtige ist. Aber dann einfach weitermacht, mit einer Mischung aus Geradlinigkeit, Instinkt und Bauernschläue seinen Weg sucht.

Und das alles erzählt in einer Sprache voll brillanter Kargheit, ruhig, der Unwirtlichkeit des Outback angemessen; immer wieder blitzen dabei Momente erhabener Schönheit auf: „Die Straße zog einen Strich über eine breite, flache Ebene. Hirsch hatte das Gefühl, als würde er weit über dem Meeresspiegel fahren, der Himmel ausgedehnt und nicht mehr drückend, die Hügel zu beiden Seiten nur ein weit entfernter Schimmer.“

Wer noch nie in Australien war, bekommt mit diesem Buch einen Eindruck von der riesigen, leeren Weite mit ihrer Stille, in der nur das Rauschen des Windes zu hören ist. Bei denjenigen, die schon einmal dort waren, wird eine Sehnsucht geweckt.

Eine Sehnsucht nach roter Erde im frühen Morgenlicht.

Garry Disher, Bitter Wash Road, Aus dem Englischen von Peter Torberg, Unionsverlag 2016, € 21,95

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  1. Warum ist jemand ein Antiheld, der Bauchgefühl und Instinkt hat, zuhören kann und geradlinig ist? Jemand der sich trotz aller Widrigkeiten des Outbacks in einem Fall verbeißt? Für mich klingt das man einem Helden, aber nach einem, den man keinen Orden verleiht. Ist es vielleicht das?

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