Sebastian Barry: Ein langer, langer Weg

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Für Irland waren die Jahre zwischen 1914 und 1918 in besonderer Weise schicksalhaft. Seit Jahrhunderten litt das verarmte Land unter dem Joch der englischen Herrschaft, doch kurz vor dem ersten Weltkrieg war zum ersten Mal konkret von einer Politik der Selbstbestimmung die Rede. Tausende von jungen Männern meldeten sich daher 1914 freiwillig für die englische Armee, in der Hoffnung, dass Irland als Anerkennung für seinen Einsatz an der Seite Englands ein autonomer Teil des britischen Commonwealth würde. Allerdings stellten sich insbesondere die englandtreue Bevölkerung der nordirisichen Region Ulster und die konservativen Kräfte Englands gegen eine solche politische Entwicklung, es kam schon damals zu ersten Unruhen in der Bevölkerung.In dieser Zeit spielt der Roman „Ein langer, langer Weg“ von Sebastian Barry.

Der Held der Geschichte ist Willie Dunne und wir lernen ihn bereits bei seiner Geburt kennen. Er gehört zur Generation der um 1895 Geborenen, eine Generation, auf die eine finstere Zukunft zukommen sollte: „Die Knaben Europas, die zu jener Zeit geboren wurden, Russen, Franzosen, Belgier, Serben, Iren, Engländer, Schotten, Waliser, Italiener, Preußen, Bayern, Österreicher, Türken – und Kanadier, Australier, Zulu, Gurkha, Kosaken und all die anderen – , ihrer aller Schicksal stand in einem grausamen Kapitel im Buch des Lebens geschrieben. Jene Millionen Mütter und ihre Millionen Gallonen Muttermilch, Millionen Momente des Girrens und des Brabbelns, der Prügel und der Küsse, Millionen Pullover und Schuhe, von der Weltgeschichte zu riesigen Haufen aufgetürmt, begleitet von lauter, abgerissener Musik, Menschengeschichten, die für nichts und wieder nichts erzählt wurden, für Asche, für das Amüsement des Todes, jene Millionen Knaben mit ihren verschiedenen Temperamenten auf den mächtigen Schutthaufen der Seelen geschleudert – alle sollten sie zermahlen werden von den Mühlsteinen eines kommenden Krieges.“

Und so geschah es.

Willie wächst zusammen mit seinen drei Schwestern bei seinem Vater auf, die Mutter hat die Geburt der jüngsten Tochter nicht überlebt. Trotzdem hat er eine recht sorgenfreie Kindheit, der Vater ist Superintendent der irischen Polizei, treu seinem Dienstherrn ergeben, dem englischen König. Zum großen Kummer des Vaters ist Willie zu klein für den Polizeidienst, ein Manko, das er seinen Sohn immer spüren lässt. Als der Krieg ausbricht, der dann zum Ersten Weltkrieg werden sollte, meldet sich Willie aus einem diffusen Pflichtbewusstsein heraus freiwillig – und als Soldat ist er nicht zu klein. Er verlässt seine Familie, seine geliebte Freundin Gretta, sein Dublin und zieht nach Flandern. In die Hölle. 1915 kommt er an die Front, erlebt bald den ersten Gasangriff mit seinen grauenvollen Auswirkungen und lernt die Barbarei der Materialschlachten in all ihren Facetten kennen.

Seinen ersten Heimaturlaub erhält er 1916 und ist genau zu dem Moment in Dublin, als der Osteraufstand losbricht, sich irische Patrioten gegen die Engländer erheben. Der Aufstand wird blutig niedergeschlagen, auch Willie wird als Soldat zum Kampf gegen die Aufständischen eingesetzt. Von dem Moment an weiß er nicht mehr, was richtig und was falsch ist. Sein Loyalitätsgefühl gegenüber der Regierung und sein Mitgefühl für die Aufständischen fechten in seiner Seele einen Kampf aus. Als er sich vorsichtig verständnisvoll über die Rebellen äußert, kommt es zum Zerwürfnis mit seinem Vater. Später verliert er auch Gretta, seine große Jugendliebe. Und dann ist Willie Dunne alleine, ohne Familie, ohne Heimat, innerlich zerrissen, hohl und leer. Obwohl er gar nicht mehr weiß, für wen oder für was er eigentlich kämpft, werden sein Zuhause die Front, der Krieg, die Kameraden, auch wenn von seinen Freunden aus der Anfangszeit nicht mehr viele übrig sind. Denn der Krieg fordert seinen Tribut, immer mehr Menschenleben fallen dem hochtechnisierten, gnadenlosen Abschlachten zum Opfer. Mitten zwischen ihnen schlugen zahllose Granaten ein, so dass sich die kämpfenden Reihen unter Blutvergießen und Geschrei regelmäßig lichteten. Atmeten, brabbelten und beteten die Menschenbrocken noch, so schafften die armen Kerle vom Royal Army Medical Corps sie mit nacktem Oberkörper fort. Die übrigen blieben als Wegzierde zurück. Hände, Beine, Köpfe, Brustkörbe – all das an den Straßenrand gestoßen und halb im trostlosen Schlamm versunken. Köpfe und Vorderteile von Pferden, die noch im Tod treu und sanft aussahen, in einem schmutzigen Schaum aus Maden und heftigem Gestank.“ In Dublin werden zur gleichen Zeit verhaftete Teilnehmer des Osteraufstands von den Engländern hingerichtet.

Der Autor findet drastische Worte und eine ganz eigene Sprache, um die Schrecken des Krieges zu beschreiben, sofern das aus dem zeitlichen Abstand heraus überhaupt möglich ist. Unwillkürlich hat man dabei das Flandern-Bild von Otto Dix vor Augen. Wer kann in diesem Grauen überleben? Auch diejenigen, die nicht starben, wurden im Innersten vernichtet. Oder wie Erich Maria Remarque in seinem berühmten Buch „Im Westen nichts Neues“ schrieb: „Eine Generation, die vom Kriege zerstört wurde – auch wenn sie seinen Granaten entkam.“ Und Willie Dunne? Sein Schicksal und seine weiteren Erlebnisse sollen hier nicht verraten werden, das Buch endet jedenfalls im Jahr 1918. Bis zur Unabhängigkeit mussten die Iren danach noch weitere vier Jahre und einen Bürgerkrieg überstehen.

Sebastian Barry, Ein langer, langer Weg. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Steidl Verlag 2014, € 24,00

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