Barbara Landes: Die Ballade vom Wunderkind Carson McCullers

landes_die_ballade_vom_wunderkindHeute vor hundert Jahren erblickte ein Wunderkind das Licht der Welt. Die kleine Lula Carson Smith wusste damals noch nicht, dass sie ein berühmter Mensch werden sollte. Eine Autorin, die noch viele Jahre nach ihrem Tod in ihren Büchern weiterlebt. Und hier eine begeisterte Leserin dazu inspiriert, über sie zu schreiben, um sie zu ehren und an ihr eindrucksvolles Schaffen zu erinnern. Beinah jeder Carson McCullers-Leser wird mir bestätigen: Dies ist keine Sorte Literatur, die man einfach so wegschlürft und danach sofort vergisst. Carson McCullers Geschichten – in einer schlichten und klaren Sprache erzählt – graben sich in die Tiefe der Seele ein, erzeugen eine elektrisierende Wirkung und hinterlassen ein ganz besonderes Echo. Genau dem möchte ich heute nachspüren und das literarische Erbe würdigen, das die Autorin hinterlassen hat.

Daher freue ich mich, dass Barbara Landes mit ihrem Buch »Die Ballade vom Wunderkind Carson McCullers« zu einer Schwester im Geiste geworden ist. Ihr Buch erscheint genau zur rechten Zeit. Während ihr erstes Carson McCullers Erlebnis »Die Ballade vom traurigen Café« hieß, war meines »Das Herz ist ein einsamer Jäger«. Ich finde einige schöne Parallelen zu meinen Carson McCullers-Gedanken, die Barbara Landes dem WDR-5 in einem Interview verraten hat. Vierzehn Jahre nach ihrem erstem Buch zu Carson McCullers schenkt uns Barbara Landes nun eine besondere Hommage an die Schriftstellerin.

Die Münchner Autorin nähert sich in ihrem Buch auf spannende Weise dem Leben der Autorin, indem sie deren Leben in Romanform nachspürt. Ben Jackson ist ein fiktiver Freund Carson McCullers, der die Trauerrede zum Tode der Schriftstellerin schreiben und halten soll. Er selbst fühlt sich dazu am wenigsten geeignet, doch durch das Zureden zweier Freundinnen setzt er sich an ihren Schreibtisch. Während Ben Jackson nun unsicher nach den richtigen Worten sucht, öffnet sich die Perspektive eines allwissenden Erzählers, der das Leben der Autorin von der Geburt bis zum Ende beleuchtet.

Durch Barbara Landes feinfühlige Feder zoome ich mich sehr nah an Carson McCullers heran. Ich beobachte das viel zu große Mädchen, das in einem behüteten Elternhaus in Columbus, Georgia aufwächst und bereits vor der Geburt von ihrer Mutter als Wunderkind bezeichnet wird. Sie sagt ihrem Sohn – Marguerite glaubt fest daran, einen Jungen zur Welt zu bringen – eine große Pianistenkarriere voraus. Mit sechs Jahren sitzt Lula Carson schon am Klavier und überfordert eines Tages sogar ihre Klavierlehrerin, die verzweifelt an deren Vater herantritt: »Sehen Sie, Lula Carson ist mir… nun, sie ist mir in jeder Hinsicht über den Kopf gewachsen.« Da ist Lula Carson gerade mal 13 Jahre jung. Hilfe naht aber in Form einer ehemaligen Konzertpianistin, die kürzlich mit ihrer Familie in Columbus eine Villa bezogen hat. Hier findet Lula Carson ein besonderes Glück, eine zweite Familie: »Ihre Einsamkeit, all die bedrückenden Gefühle von Andersartigkeit ließ sie hinter sich, sobald sie den Klang der Glocke im Inneren der Villa hörte. Es war wie nach Hause kommen

Wunderkind, Wunderkind! Immer noch summt Elke Heidenreichs Stimme durch mein Ohr, der ich kürzlich zum wiederholten Male beim Vortragen von Carson McCullers gleichnamiger Erzählung in Hörbuchform gelauscht habe. Eine tragische Geschichte von einem jungen talentierten Mädchen, das plötzlich kein Klavier mehr spielen kann. So ähnlich erging es Carson McCullers später. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, endlich Bach zu spielen. Doch es gelingt ihr nicht. Nach hundertfachem Üben knickt sie ein, bekommt daraufhin einen Fieberschub, wird krank und tastet sich – krank ans Bett gebunden – auf einen neuen Pfad vor.

Ihrem Vater ist es zu verdanken, dass seine Tochter anfing zu schreiben. So schenkt er seiner im Bett liegenden Lula Carson eine Schreibmaschine. Voller Begeisterung tippt sie die ersten Buchstaben, auch ihren Namen und findet plötzlich Lula unpassend. Und hier im leisen Kämmerlein schlägt die Geburtstunde von Carson, die kurze Zeit später mit gerade mal 23 Jahren als Schriftstellerin über Nacht berühmt werden sollte. Ich schaue ihr als stille Zeugin über die Schulter, sammle Carson McCullers Puzzleteile für das Herz, die Ballade und meine Lieblingserzählung auf.

So bereichernd und faszinierend die Lektüre einerseits ist, so berührend und bewegend liest sie sich andererseits: Die unglückliche Ehe mit ihrem Mann Reeve McCullers, ihre unerfüllte Liebe zu Annemarie Schwarzenbach oder ihre sehr früh eintretenden Schlaganfälle. Das sind tiefe Gräben, in die mich Barbara Landes mit hinein zieht. Warum sollte sie diese auch auslassen? Sie gehören schließlich zum ambivalenten Leben der Schriftstellerin dazu und führen deutlich vor Augen, wie hell und finster es zugleich gewesen ist. Manchmal schmerzt es zu arg, dass ich das Buch zuschlagen muss. Ich atme durch und habe urplötzlich ein beklemmendes Deja vu. Im vergangenen Herbst habe ich eine ebenso tragische Schriftstellergeschichte gelesen: »Du sagst es« von Connie Palmen.

Trotz aller Niederlagen, die Carson McCullers immer wieder mit hohen Fieberschüben ans Bett fesseln, hört die Autorin nicht auf zu schreiben. Und das aus zwei Gründen, wie sie so wunderbar zusammenfasste: »Mein Leben folgte einem Muster, an das ich mich immer gehalten habe. Arbeit und Liebe

So bleibt am Ende nach der Lektüre ein wohliges und gleichsam berührendes Gefühl zurück. Wer immer schon mal mehr über die Schöpferin des taubstummen Mister Singers oder des buckeligen Lymon erfahren möchte, dem sei die in Romanform erzählte Biographie sehr empfohlen. Ich verneige mich indes still vor den beiden Frauen und wünsche Carson McCullers weiterhin zahlreiche Leser. Möge sie noch lange in ihren Büchern weiterleben!

Barbara Landes: Die Ballade vom Wunderkind Carson McCullers. ebersbach & simon, August 2016, 224 Seiten, 19,95 €.

 

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2 Antworten auf “Barbara Landes: Die Ballade vom Wunderkind Carson McCullers”

  1. Danke für diese einfühlsame, treffende Erinnerung. Und für die links und Hinweise. Die Eindringlichkeit von Lonely Hunter ist auch bei mir unvergessen.Wenig bekannt ist, dass McCullers auch am Broadway Erfolg hatte mit der Dramenfassung von Member of the Wedding.Die Biografie von B. Landes habe ich übersehen, werde ich mir gleich besorgen.
    Beste Grüße
    H.S.

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