Anke Stelling: Bodentiefe Fenster

Stelling-BodentiefeFenster

Im April 1990 lief ich durch ein gigantisches Trümmerfeld. Endlos wirkende Straßenzüge ruinengleicher, aber immer noch prächtiger Häuser unter einem grauen, regnerischen Himmel. Braunkohlegeruch, kaum ein Mensch auf der Straße und was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, waren die Metallträger, die aus den bröckelnden, schwarzen Fassaden ragten und damit andeuteten, wo einst Balkone waren. Alles war beeindruckend und trostlos zugleich. Niemals hätte ich es damals für möglich gehalten, dass dieser Bezirk nur fünfzehn Jahre später zu einer der angesagtesten, schönsten und gleichzeitig zu einer der gediegensten und auf eigene Art und Weise spießigsten Wohngegenden Deutschlands werden sollte. Zu einem Bionade-Biedermeier, wie die ZEIT treffend titelte. Genau, es geht um den Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg und Anke Stellings Roman „Bodentiefe Fenster“ führt mitten hinein ins Biotop der unangepassten Angepassten.

Dabei geht es nicht um ein weiteres Prenzlberg-Bashing, es geht um eine Gesellschaftsschicht, um eine bestimmte Art des Lebens. Beides trifft man allerdings genau dort in geballter Form an. Es sind Menschen, die sich für locker und unangepasst halten, für weltoffen und individuell. Und die dabei in permanenter Selbstoptimierung nur um sich selbst kreisen. „Biedermeier“ ist ein Ausdruck für den eigenen Rückzug ins Private und genau deshalb passt das Wort so perfekt. Allerdings wird diese Private in aller Öffentlichkeit gelebt und das macht es für andere so anstrengend. Besonders wenn Kinder ins Spiel kommen. So wie bei Sandra und Hendrik, um die es in Anke Stellings Roman geht.

Die beiden gehören zur modernen, urbanen Bohème, sie als freie Journalistin, er als freier Musiker. Sie wohnen zusammen mit dreizehn Parteien in einem offenen Gemeinschaftshaus, ein alternatives Wohnprojekt mitten im Prenzlauer Berg. Es gibt einen Gemeinschaftsraum, ein regelmäßiges Plenum, Absprachen, endlose Diskussionen. Während Hendrik sich aus allem herauszuhalten versteht, ist es für Sandra die Hölle. Denn unter der Firnis eines alternativen Lebensstils gedeihen Neid, Missgunst und eine dogmatische Rechthaberei. Alles subtil verpackt in kleinen Sticheleien und ironisch formulierten Äußerungen. Ein ständiges verbales Hauen und Stechen. Sandra leidet darunter und schweigt: „Ich bin gut darin geworden, zu sehen ohne zu sprechen. Ich lebe in einem alternativen Wohnprojekt, da beobachtet man einander ständig und lächelt allenfalls dazu.“

Vor allem, wenn es um die Kinder geht. Die nicht nur einfach Kinder sind, sondern ein Lebensprojekt, auf den Sockel gestellt, maximal gefördert, schon von klein auf wie ein gleichberechtigter Erwachsener behandelt, dadurch völlig überfordert, Grenzen und Regeln zu kennen. Genau so überfordert wie die dazugehörigen Eltern, die doch einfach nur alles richtig machen möchten. „In der Zeitung steht, dass die Eltern heutzutage durchdrehen, weil sie die Kinder nicht mehr für selbstverständlich nehmen, sondern zu ihrem Projekt machen würden, aber ich glaube nicht, dass das neu ist. Kinder sind die Zukunft, die unbeschriebenen Blätter, auf denen man als Eltern seine Ideen entwirft. Immer schon. Vielleicht gab’s früher keine Pränataldiagnostik und kein Kleinkindchinesisch, aber besser haben und besser machen sollten es die Kinder auch.“

Sandra und ihre Freundinnen sind Kinder der 68er-Eltern, mit selbstgegründeten Kinderläden, selbstbestimmtem Aufwachsen, maximaler Freiheit. Heute sind sie alle selbst Mütter und mit ihren Leben am Rande eines Zusammenbruchs. Denn die Frage, an der sie zu zerbrechen drohen ist die Vereinbarkeit zwischen den eigenen Befindlichkeiten und Kindern, denen viel zu wenig Grenzen aufgezeigt werden. Und je öfter Sandra zurückblickt, desto klarer wird ihr, dass schon ihre Mütter daran gescheitert sind. Depressionen, Krebs, kaputte Ehen, aufgeschobene Wünsche, bis es zu spät war, sie zu erfüllen. „Uns Kindern brachten sie bei, wie man sich wehren sollte, wie man greifen sollte nach der Freiheit und dem selbstbestimmten Leben, aber für sie galt das seltsamerweise nicht.“

Dieses Mütter-Töcherverhältnis zieht sich durch das ganze Buch. Es geht um die Illusion von Freiheit im eigenen Leben, eine Illusion, die man an die nächste Generation weitergibt wie ein Versprechen, das auch sie nicht einlösen kann. Und so leidet Sandra und leidet, es spitzt sich zu von Tag zu Tag. Schlaflosigkeit in der Nacht, anhaltende Müdigkeit und überreizte Nerven tagsüber. Durch Hendriks Passivität fühlt sie sich immer einsamer, immer mehr auf sich allein gestellt. Aber was tun? Sie gibt sich die Antwort selbst: „Vielleicht ist es wirklich besser, wir ziehen wieder weg. Weg aus dem Gemeinschaftshaus, weg aus dem Bezirk. Das ist nicht unser Traum, es ist der Traum unserer Mütter, und die sind tot oder in der Klapsmühle, die denken immer noch, dass es sinnvoll sei, mit den Kindern zu diskutieren.“

Sie sieht es völlig klar, „das ist nicht unser Traum, es ist der Traum unserer Mütter“. Die 68er sind angetreten, um die Welt zu verändern und damit gescheitert. Menschen wie Sandra sind die unglücklichen Erben. Vielleicht ist „gescheitert“ nicht ganz das richtige Wort. Vielleicht ist es einfach nur so, dass Visionen von einem besseren Leben an der Realität des menschlichen Zusammenseins zerbrochen sind. So, wie etwa die Grünen von ökologischen Revolutionären zu einer Verbotspartei wurden.

Gibt es für Sandra einen Ausweg? Der Verlauf der Erzählung ist gepflastert mit kleinen und großen Katastrophen, mit denen sich die Situation immer weiter zuspitzt. Man möchte sie als Leser an den Schultern packen, schütteln und ihr ins Ohr rufen: „Ändere. Dein. Leben! Du hast nur ein einziges.“ Aber das geht nicht, sie bleibt einem seltsam fremd, als wäre ein Glasscheibe zwischen ihr und dem Leser. Vielleicht fehlt mir als männlichem Leser auch der Zugang zu ihren Problemen, aber letztendlich kreist alles um ihre eigene Befindlichkeit. So habe ich das Buch auch empfunden, als Befindlichkeitroman, zu dem ich keinen Zutritt habe. Eine Gemeinschaftshaus-Welt, über die ich anfänglich nur amüsiert den Kopf geschüttelt habe, bis aus der feinen, messerscharfen Ironie bitterer Ernst geworden war.

Gut gewählt finde ich den Buchtitel, denn „Bodentiefe Fenster“ stehen für modernes, fortschrittliches Wohnen. Interessant ist nur, was die Bewohner daraus machen, denn im Normalfall ist ein Vorhang oder eine Jalousie mit das erste, was bei einem Einzug vor diese Offenheit gehängt wird. Was zutiefst menschlich ist. Außer in einem alternativen Wohnprojekt.

Anke Stelling, Bodentiefe Fenster, Verbrecher Verlag 2015, € 19,00

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