Ottessa Moshfegh: McGlue

Moshfegh

Krass. Um dieses Wort inflationär zu benutzen bin ich etwas zu alt. Aber als Einstieg in diesen Beitrag passt es perfekt, denn besser kann man den Roman „McGlue“ von Ottessa Moshfegh eigentlich kaum beschreiben. Kostprobe? „Das Schiff legt ab. Ich klammere mich an der Reling fest und kotze, spucke Gift und Galle, während ich dem vorbeirauschenden Wasser zuschaue, bis kein Land mehr in Sicht ist. Eine kurze Zeit ist alles friedlich. Dann will etwas in mir sterben. Ich drehe den Kopf und huste. Zwei Zähne fallen mir aus dem Mund und rollen wie Würfel übers Deck.“

Direkt auf der ersten Seite ist diese Textstelle zu finden, als der Ich-Erzähler McGlue aus einem Vollrausch aufwacht und sich danach in der Zelle des Schiffes wiederfindet, auf dem er als Seemann angeheuert hat. Angeklagt des Mordes an seinem Freund Johnson. Was folgt, ist ein 141 Seiten langer Monolog, das Selbstgespräch eines Mannes, den der Alkohol zerstört hat und in dessen Verlauf nach und nach zu Tage kommt, was eigentlich passiert ist. Oder auch nicht.

Es ist das Jahr 1851 und nachdem das Schiff in Salem, Massachusetts wieder angelegt hat, ist McGlue an Land ins Gefängnis gebracht worden, um dort auf seinen Prozess zu warten. Er ist seit seiner Jugend ein Trinker. Einer, der nie eine Chance auf ein gutes Leben hatte, der aus einer völlig mittellosen Familie stammt, von klein auf gezeichnet von Armut und Elend. Als er einmal sturzbetrunken in einer Schneewehe saß, wurde er von Johnson aufgelesen, einem jungen Mann aus bürglichem Hause, vermögend, gebildet. Aber unzufrieden mit seinem Leben in Konventionen und auf der Suche nach Abenteuern. Er nahm McGlue als Begleitung mit, heuerte mit ihm auf einem Handelsschiff an, die beiden ungleichen Gefährten fuhren zur See. McGlue ist es dabei völlig egal, wohin das Leben ihn führt, Hauptsache er kann trinken. Immer. Das Problem ist dabei nicht nur der Alkohol, sondern auch eine schlecht verheilte Schädelverletzung, die seit einem Sturz aus einem fahrenden Zug für völlige Aussetzer sorgt und ihn quält: „Hätte ich Schnaps zu vergießen, würde ich ihn mir da oben in den Spalt schütten, damit die Schlangen Ruhe geben. Damit sie mit dem Zucken und Zischen aufhören. Wenn ich genug trinke, liegen sie eine Weile still, und ich kann einen Augenblick einfach nur leben, wie ich es hie und da bisweilen getan habe.“

Jetzt ist Johnson tot. Und McGlue sitzt im Gefängnis. Zu recht?

Ein vollkommen aus der Bahn geworfener Mensch. „Einfach nur leben, wie ich es hie und da bisweilen getan habe“ – was für eine Trostlosigkeit und Verlorenheit spricht aus diesen Worten. Die Autorin Ottessa Moshfegh schildert in diesem einzigartigen Monolog die wirren Gedankengänge eines Mannes, der vollkommen auf sich zurückgeworfen ist. Schon immer alleine war und es auch stets sein wird. Einer, der dieses In-die-Welt-geworfen-sein nur erträgt, indem er sich ununterbrochen betäubt. Der nicht in der Lage ist, ein Verhältnis zu anderen Menschen aufzubauen, Freundschaften zu schließen, aus diesem Loch, diesem Kerker seiner Einsamkeit und seines Ausgestoßenseins zu entkommen.

Und nach und nach erfahren wir seine ganze Geschichte; die wirren Gedanken aus dem Trinkerhirn vermischen sich mit Wahnvorstellungen, mit Bruchstücken von Erinnerungen und beginnen sich zu einer Handlung zu formen, die uns McGlues zerstörtes Leben erzählt. „Jeden Tag verkümmere ich ein bisschen mehr. Manchmal verziehe ich das Gesicht, damit nicht alles verkrüppelt, damit ich nicht vergesse, wie man lächelt oder die Stirn runzelt. Sonst hängt mir bald das Gesicht herunter und der Mund und der Kiefer fangen an zu schlackern, wenn ich den Kopf schüttele.“

141 Seiten grandiose Trostlosigkeit: Es steht dabei nicht der Romanplot im Mittelpunkt, sondern die Sprache; die in Worten gegossene Tragödie eines verlorenen Lebens. Es ist eine harte Sprache, kurz und knapp, und Ottessa Moshfegh schafft es, den Leser genau mit dieser Härte zu fesseln. Uns dazu zu bringen, nicht unbedingt Mitleid mit McGlue zu empfinden, aber zumindest den Ekel zu vergessen und hinter seinen Trinkexzessen einen Menschen zu erkennen. Einen Menschen, der nie etwas besaß und doch alles verloren hat: Sich selbst.

„Ich stehe. Ich stehe und bete, nur um zu sehen, was passiert. Ich lege die Hand aufs Herz, anders beten kann ich nicht. Ich bin mir sicher, dass nichts wirklich Böses in meinem Herzen ist. Es ist einfach nur leer.“

Ottessa Mosfegh, McGlue
Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger
Liebeskind Verlag
ISBN 978-3-95438-067-1

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